Meinungen

Was die Banken endlich lösen müssen

In der Coronakrise beweisen die Schweizer Geldhäuser ihre Stärke. Das darf aber nicht den Blick dafür verstellen, wie sehr sie viele Kunden, Aktionäre und Steuerzahler weiterhin enttäuschen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Valentin Ade.

«Für die zahlreichen Verfehlungen wurde kein Topmanager je haftbar gemacht.»

Die heimische Wirtschaft befindet sich in der schärfsten Rezession seit der Ölpreiskrise 1973. Doch die viel gescholtenen Schweizer Banken schlagen sich auf den ersten Blick nicht nur wacker, sie brillieren geradezu. Die meisten haben im Laufe des Jahres gute Geschäftszahlen präsentiert. Die Grossbanken UBS (UBSG 13.16 +0.19%) und Credit Suisse (CSGN 11.72 +0.51%) (CS) können dank dem hohen Gewinn im Wertschriftenhandel 2020 sogar jeweils mit einem der besten Resultate des vergangenen Jahrzehnts rechnen. Dazu haben sie bisher fast 20 Mrd. Fr. an Hilfskrediten in die eidgenössische Unternehmenslandschaft gespült. Die Schweizer Banken, die Retter der Realwirtschaft.

Ist das eine Saulus-zum-Paulus-Geschichte? Haben sich Geldhäuser, die in der Finanzkrise als Wurzel allen Übels galten, nach Jahren der Läuterung zu starken, aufrichtigen und mitfühlenden Institutionen gewandelt? Schön wäre es. Denn auf den zweiten Blick offenbaren sich weiterhin eklatante Probleme in der Branche. Sie wurden auch nach all den Jahren seit der Finanzkrise nicht behoben und dürfen trotz der Coronaheldenrolle nicht vergessen werden. Denn am Ende beschädigen sie nicht nur die Banken selbst, sondern uns: Kunden, Aktionäre und Steuerzahler.

Um Letzteren nicht mehr zur Last zu fallen, wurden die Banken, besonders die Grossen, nach der Finanzkrise gezwungen, Milliarden an Eigenkapital aufzubauen und toxische Werte aus den Bilanzen zu kippen. Sie sind heute stabiler und risikobewusster unterwegs. Dennoch ist einzugestehen: Die Kapital­quoten der allermeisten Banken sind weiterhin bedenklich niedrig. Wenn eine Grossbank nur rund 5% ihrer ­riesigen Bilanz als eigenes Kapital bezeichnet, kann so ein Gebilde wirklich als krisensicher gelten? Bis heute findet sich kein unabhängiger Experte, der unterschreiben würde, dass Banken – auch kantonale – im Notfall nicht doch wieder vom Steuerzahler gerettet werden müssten. Das hat grundsätzliche Ursachen.

Too big to fail wird bleiben

Das Geschäftsmodell einer Bank ist es nun mal, fremde Gelder aufzunehmen und sie weiterzuleiten. Brechen diese Fremdgelder aus welchen Gründen auch immer weg, ist das gegenübergestellte dünne Eigenkapital schnell verbrannt. Oder wie Mark Branson, Direktor der Finanzmarktaufsicht (Finma), an einer FuW-Konferenz im Oktober sagte: «Bankbilanzen sind nicht das Stabilste, was der Mensch je erfunden hat.» So muss die Gesellschaft bis heute Institutionen darum herum stellen – eine Einlagensicherung oder eine Nationalbank als Kreditgeber der letzten Instanz –, damit der einfache Kunde überhaupt Grundvertrauen in diese Banken haben kann. Da sich die Forderung nach substanziell höheren Kapitalquoten vonseiten der Regulatoren nicht abzeichnet, sollte sich zumindest jede Bankleitung bewusst sein, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, das Eigenkapital so gut wie möglich weiter hochzufahren.

Woran allerdings grundsätzlich etwas geändert werden kann und muss, ist die unrühmliche Rolle, die einige Schweizer Banken auf dieser Welt spielen. Laut Finma-Direktor Branson sind die heimischen Geldhäuser bis heute «anfällig für Geldwäscherei in grossem Massstab». In den vergangenen Jahren zogen korrupte Eliten in Brasilien, Malaysia, Russland oder Venezuela Milliarden an Steuergeldern und Volksvermögen aus ihren nicht gerade superreichen Ländern – um nur die prominentesten Fälle zu nennen. Und wer stellte ihnen dafür Konten zur Verfügung und eröffnete Briefkastenfirmen? Neben anderen einige Schweizer Banken. Seit Jahren führen Finma und Bundesanwaltschaft hier Verfahren gegen die ­Betreffenden. Die Namen sind bekannt, u. a. zählten die grössten Häuser des Landes dazu: UBS, CS, Julius Bär (BAER 52.44 +1.04%). Genau diese Banken kamen aber gerade mal mit einem Klaps auf die Hand davon. Wirklich haftbar wurde kein Topmanager dafür gemacht.

Dabei weiss man um die Kultur am Paradeplatz, wenn man sich nur ein wenig in den Häusern umhört. Nach dem Wegfall des Bankgeheimnisses hat sich der Wettbewerb um Vermögen, den sich Institute liefern, krass verschärft. Ehemalige Mitarbeiter berichten von ungeheurem Druck von oben, Neugeld und -geschäft in die Bank zu bringen. Hochrangige Regelwächter in den Häusern erzählen, wie das Topmanagement bewusst nicht hingeschaut hat, was da genau in die Bank kommt. Wie die Finma aufgezeigt hat, existierten überhaupt oft gar keine anständigen Systeme zur Erfassung und Prüfung. Diese Systeme führt der Bankenplatz bis heute erst noch ein. Ob sie konsequent genutzt werden, ist aber eine Frage der Kultur ganz oben. Ob die sich geändert hat, bleibt abzuwarten. Manche Schweizer Banken, allen voran UBS und CS, sind jedenfalls weiterhin in eine Vielzahl von Rechtsfällen weltweit verwickelt und werden wohl weiterhin Millionen an Strafen zahlen müssen.

Millionen kassieren auch ihre Topmanager, was sie zu den bestbezahlten der gesamten europäischen Wirtschaft macht. Diese hohen Löhne machen aber auch träge, Veränderungen werden nicht oder nur zaghaft angegangen. Besonders in den Grossbanken hat sich über Jahre eine Stabsbürokratie entwickelt, die Innovation durch Bedenkenträgerei und Partikularinteressen aktiv unterdrückt. Wer sich verändert, kann nämlich scheitern, wer scheitert, kann die Anstellung verlieren und damit ein Millionensalär, das den daran angepassten ­Lebensstandard finanzieren muss.

Die irritierend hohen Löhne und Boni haben innerhalb mancher Banken zu hartnäckig hohen Gesamt­kosten beigetragen. Dagegen rechtfertigt die Performance der allermeisten Geldhäuser solche Fabelsaläre längst nicht mehr. Das anhaltende Niedrigzinsumfeld drückt auf die Einnahmen im Zinsgeschäft. Der harte Konkurrenzkampf in Vermögensverwaltung und Investment Banking verengt die Gewinnmargen. Zwischen hohen Kosten und kriechendem Ertrag produzieren die ­allermeisten Banken heute eine miserable Profitabilität. Sie vernichten so seit Jahren Aktionärswert. Kein Wunder liegen die Kurse besonders der Grossbanktitel am Boden. Viele Aktionäre haben sich abgewendet. Der Markt hat den Glauben an ein besseres Morgen verloren.

Alte Geschäftsmodelle entlarvt

Dagegen glauben manche Banken, sich das leisten zu können, und das, während innovative Konkurrenten ihnen gerade vormachen, wie Banking auch gehen kann. Neue Unternehmen der Finanztechnologie (Fintech) decken mittlerweile fast jeden Bereich ihrer Angebotspalette ab. Sie zeigen uns, den einfachen Kunden, wie sehr die Leistungen der Alteingesessenen noch «aus dem letzten Jahrhundert» (Finma-Chef Branson) stammen. Ein einfaches Konto, für das die Banken sukzessive die Gebühren hochschrauben? Gibt’s bei den Fintechs gratis. Ein Aktiendepot, bei dem sich die Banken für jede Transaktion fette Courtagen einstreichen? Gibt’s bei den Fintechs erfrischend günstig. Auslandüberweisungen, die bei den Banken Tage dauern und horrende undurchsichtige Gebühren kosten? Gibt’s bei den Fintechs schnell und kostenschonend transparent. Geradezu frech wirkt heute, wie einige Banken immer noch ihre eigentliche Stärke verkaufen: die Vermögensverwaltung. Dem einfachen Kunden, der etwas Geld anlegen will, werden kostspielige Fonds mit undurchsichtiger Vermögensverteilung angepriesen, wo er mit einem simplen, günstigen, börsengehandelten Fonds auf den Schweizer Aktienindex viel besser bedient wäre.

Den Banken bleibt heute ein grosses Pfund, mit dem sie wuchern und auf dem sie aufbauen können: Sie geniessen trotz allem immer noch das Vertrauen ihrer Kunden. Aber genau um dem gerecht zu werden, müssen sie ihre Probleme endlich tiefgreifend angehen. Sie müssen einfacher, rascher, günstiger und vor allem ehrlicher werden – zu sich selbst und zu uns. Aus Eigeninteresse und für das ganze Land. Denn die Coronakrise hat gezeigt: Die Schweiz braucht ihre Banken. Nach wie vor.