Meinungen 14:57 - 17.03.2017

Was die Universität Berkeley lehrt

Joachim Voth
«Europa verdammt die öffentlichen Universitäten zumeist in die Regionalliga.»
Die vom US-Bundesstaat Kalifornien betriebene Spitzenschule macht vor, wie sich akademische Exzellenz mit vergleichsweise geringen Mitteln erreichen lässt – doch es gibt Grenzen der Effizienz. Ein Kommentar von Joachim Voth.
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zum Stichwort
Budget
Geplante künftige Einnahmen und Ausgaben während eines bestimmten Zeitraums (Finanzbudget). Bei einem Erfolgsbudget werden die geplanten künftigen Kosten und Erlöse bzw. der geplante Aufwand und Ertrag einander gegenübergestellt.
Volkswirtschaft
Von Ökonomen verwendetes Synonym für die Wirtschaft eines Landes beziehungsweise einen Wirtschaftsraum wie die EU .

Es ist fantastisch – «it’s amazing»: So äusserte sich ein berühmter schwedischer Ökonomieprofessor, als er über den Campus der Universität Berkeley geführt wurde. Vom zumeist sonnenverwöhnten Campus aus blickt man an schönen Tagen über die Bucht von San Francisco bis zur Golden-Gate-Brücke.

Zum AutorJoachim Voth ist UBS Professor am Volkswirtschaftlichen Institut der Uni Zürich. Im akademischen Jahr 2016/17 lehrt er als Gastprofessor an der Uni Berkeley.Dann wurde der Besucher durch Evans Hall geführt, den Sitz des Volkswirtschaftsinstituts – einen hässlichen Sechzigerjahrebau aus Beton, einem Bunker nicht unähnlich. Der Bodenbelag ist aus Linoleum, die Fenster schliessen eher schlecht als recht, seit Jahren funktionieren von den vier Fahrstühlen an guten Tagen vielleicht einmal zwei.

Und wieder der gleiche Kommentar – «it’s amazing». Jetzt aber wurde der Gastgeber stutzig. Dem Campus kann man vielleicht etwas abgewinnen, aber fantastisch ist Evans Hall sicherlich nicht. «Amazing» kann man mit «fantastisch» übersetzen, aber auch mit «erstaunlich». Auf die Frage, was den so «amazing» sei, kam dann schnell die Antwort: Es ist erstaunlich, wie viel ihr hier mit so wenig erreicht habt.

Berkeley ist Teil der University of California. 40 000 Studenten sind hier eingeschrieben. Eine Massenuni also, finanziert von den Steuerzahlern am Pazifik. Doch gleichzeitig ist Berkeley eine der besten Universitäten der Welt. In Physik, Chemie, Mathematik, Informatik und Volkswirtschaft rangiert Berkeley regelmässig unter den besten fünf; fast alle anderen Institute sind zumindest unter den besten zehn, weltweit.

Insgesamt 92 Nobelpreisträger haben hier entweder studiert oder gewirkt. Das Times Higher Education Ranking gibt Berkeley den Rang acht, weltweit. Damit liegt die Universität vor Yale und knapp hinter Princeton.

Geld ist nicht alles…

Was den akademischen Gast instinktiv erstaunte, lässt sich auch mit harten Zahlen untermauern. Jährlich gibt Berkeley ungefähr 4,1 Mrd. $ aus, d. h. 105 000 $ pro Studenten. Das ist keine ganz kleine Zahl und liegt weit über den Studiengebühren (ca. 13 000 $ pro Studenten aus Kalifornien, 40 000 $ für Studenten aus anderen Bundesstaaten und dem Ausland). Mehr als die Hälfte des Budgets kommt direkt vom Staat Kalifornien.

Doch im Vergleich zu anderen Universitäten hat Berkeley erstaunlich wenig Geld. Stanford beispielsweise kann jedes Jahr pro Studenten mehr als 250 000 $ ausgeben, also mehr als das Doppelte. Harvard, Princeton, Yale, die grossen Privatunis der USA – sie alle verfügen über viel mehr Mittel pro Studenten, doch in den meisten Rankings stehen sie auch nicht besser da.

Anders gesagt schafft es die staatliche Uni Berkeley besonders effizient, finanzielle Mittel in akademische Exzellenz umzusetzen. Wäre Berkeley ein Unternehmen, würden Anleger Schlange stehen, um darin zu investieren.  Woher kommt diese erstaunliche Effizienz – wie erreicht eine öffentliche Universität so viel mit so wenig?

Die privaten Konkurrenten leisten sich viel «Luxus», der wissenschaftlicher Leistung nicht unmittelbar zugutekommt. Stanford gönnt sich einen manikürten Campus, Harvard hat viele altehrwürdige Gebäude aus früheren Jahrhunderten, in denen liebevoll Mahagoniholz poliert wird.

Die privaten Universitäten haben in den vergangenen Jahrzehnten einen Wasserkopf an Bürokratie aufgebaut. Wo die Universitäten über Stiftungsvermögen von 35 Mrd. $ (Harvard) oder 22 Mrd. $ (Stanford) verfügen, gibt es wenig Grund zu Ausgabendisziplin. An der Harvard Business School dürfen sich Professoren noch nicht einmal um Drittmittel für die Forschung bewerben, damit wenigstens ein Teil des jährlichen Geldsegens ausgegeben werden kann.

Berkeley versucht, trotz aller Nachteile, mit den besten Universitäten mitzuhalten. Das heisst beispielsweise, dass sich alle Professoren einem brutalen Auswahlprozess stellen, wie an den Privatunis auch. Erst nach einer sechsjährigen Probezeit werden Professoren auf Lebenszeit berufen. Wichtig ist aber auch, dass die Universität den Professoren ihren Marktwert zahlt.

Keine mittelalterliche Gehaltsordnung limitiert die Entlohnung der öffentlich angestellten Fakultätsmitglieder, keine Gehaltsobergrenzen binden den Instituten die Hände im Wettbewerb um die besten Kandidaten. So wird aus den fast jährlichen Abwerbungsversuchen von Stanford, Princeton, Harvard selten etwas, und auch die besten Professoren bleiben gern in Berkeley – trotz der etwas schäbigen Gebäude und der höheren Studentenzahl. Das bedeutet zugleich, dass Professoren in «heissen» Fachbereichen wie IT deutlich mehr verdienen als ranggleiche Kollegen anderswo.

Was kann Europa daraus lernen? Die erste Lektion lautet: Geld ist nicht alles. Wer nur schulterzuckend auf die riesigen Stiftungsvermögen von Harvard und Stanford deutet, um zu behaupten, hier lohne sich der Gedanke an Wettbewerb nicht, der gibt zu früh auf. Effiziente Mittelverwendung kann dafür sorgen, dass aus Steuergeldern viel mehr wird, als man erwarten  könnte. Auch öffentliche Universitäten können mithalten und müssen kein Synonym für Ineffizienz sein.

Hinsichtlich der Beschränkung der Mittelverwendung muss Europa noch viel lernen. Fast jede öffentliche Universität in Europa steckt ihre Professoren in ein eng geschnürtes Gehaltskorsett, das für den Beamtenapparat gedacht ist; die Frage des Marktwerts ist nebensächlich.

So wird für einzelne Kandidaten und in einzelnen Fakultäten viel mehr als der Marktwert gezahlt – Geldverschwendung, getrieben durch fehlgeleiteten Egalitarismus und starre Strukturen. Gleichzeitig sind europäische Universitäten in anderen Fachbereichen häufig kaum wettbewerbsfähig; es ist vielenorts so, als ob sich der FC Barcelona beim Versuch, Ronaldo anzuheuern,  an eine örtliche Lohntabelle für Sportler halten müsste – klar, in welcher Liga Barça dann spielen würde.

Kameralistische Buchführung und Beamtengehaltstabellen führen oft zur absurden Situation, dass Universitäten bei Bleibeverhandlungen problemlos 50 000 € für eine Postdoc-Stelle anbieten, aber keinesfalls die gleiche Summe für eine Gehaltsverbesserung ausgeben dürfen.

…doch ohne Geld ist alles nichts

Die zweite Lektion lautet: Es gibt klare Grenzen der Effizienz. Berkeley gibt nur 40% der Mittel pro Studenten aus, die Stanford zur Verfügung hat, doch es sind immer noch 105 000 $ pro Jahr. An der Universität Zürich, gut ausgestattet nach europäischen Massstäben, sind es rund 32 000 Fr., an der Universität Bonn nur 17 000 €.

Die Bonner Zahl ist gerade einmal 16% der Summe in Berkeley bzw. 9% der Summe in Stanford. Für je zwölf Studenten erhält die Universität Bonn so viele Mittel wie Stanford für einen und Berkeley für ungefähr zwei. Kein Effizienzgewinn kann das ausgleichen.

So verdammen die europäischen Geldgeber ihre öffentlichen Universitäten zumeist in die Regionalliga. Das zeigt sich besonders an den Ausnahmen, wenn öffentlichen Universitäten in Europa einmal signifikante Mittel zur Verfügung stehen.

Die ETH Zürich gibt 83 000 Fr. pro Studenten aus. Im Ranking der «Times» liegt sie denn auch auf Platz dreizehn, nur knapp hinter den amerikanischen Spitzenunis und vor reichen Privatunis wie Columbia, Duke und Penn.

Das Potenzial ist da, dass auch öffentliche Universitäten ganz vorne mitspielen können, doch die Knausrigkeit in der Finanzierung vieler europäischer Universitäten ist ein Wettbewerbsnachteil. Dieser fehlgeleitete Geiz ist «amazing», nicht zuletzt weil sich europäische Politiker gern mit grosser Bildungstradition brüsten.

Pro Kopf produzieren Deutsche nicht viel weniger als Amerikaner (und Schweizer liegen nach manchen Zahlen sogar vorn); Geld ist also genug da, doch den immer neuen Bekenntnissen zur Bedeutung von Bildung und Forschung als Standortfaktoren folgen viel zu selten Taten. Berkeley und die ETH zeigen: Wo ein Wille ist, da ist auch im Bildungssektor zumeist ein Weg.