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Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Machtverschiebungen
Meinungen

Was die Zukunft bringt, was die Zukunft uns nimmt

«Es sind Konflikte zu erwarten, wo es zu Neuverteilungen kommt.»
Machtverhältnisse verschieben sich. Die Schwierigkeit besteht darin, mit solchen Verschiebungen umzugehen. Ein Kommentar des Chefredaktors a.i. Clifford Padevit.

Die Geschwindigkeit ist minimal, wie wenn sich Erdplatten übereinanderschieben. Lange bemerkt man die Veränderung nicht, erst mit der Zeit – oder es gibt plötzlich ein Erdbeben.

So ist es mit den Machtverschiebungen, mit denen wir uns heutzutage konfrontiert sehen. Die wichtigsten sieben davon für die Wirtschaft und die Finanzmärkte werden in dieser Ausgabe zum Jahresende 2017 beschrieben.

Machtverschiebungen spielen sich vor unserer Nase ab, ohne dass wird das grosse Bild unmittelbar verstehen. Nehmen wir zum Beispiel Google (GOOGL 1143.5 0.66%). Was war es damals für eine Erleichterung, dass ein Webbrowser verfügbar wurde, der auf der Homepage die User nicht aggressiv mit Werbung beschallte.

Ausser Suchfeld und Logo war die Seite weiss – und ist es heute noch. Die Einfachheit und Effizienz der Gratissuche schlug ein. Wer suchte, der fand. Die Popularität des Browsers führte aber dazu, dass die Recherche im Internet heute so gut wie monopolisiert ist.

Aus dem Namen des Unternehmens ist gar ein Verb geworden: googeln. Und so hat Google längst die Macht; wer sich nicht an die Spielregeln von Google hält, der existiert nicht mehr in der digitalisierten Welt.

Folgen von Faulheit

Nicht alle Machtverschiebungen sind also aggressiv oder die Folge eines Putschs. Es gibt gerade in der Wirtschaft Verschiebungen, die stattfinden, weil wir faul sind oder ein Produkt, eine Dienstleistung dermassen überzeugend wirkt, dass sich viele freiwillig oder unbewusst in eine Abhängigkeit begeben.

Beispiel Internet: Welches ans Internet angeschlossene Gerät wir auch nutzen, das Verhalten wird registriert und gewinnbringend ausgewertet. Es existieren kaum Regeln oder Vorschriften dazu.

Zu Beginn des Jahres 2018 beschleicht viele von uns, aufgrund technologischer Veränderungen, der Eindruck, unsere Werte, unser Zusammenleben und unsere Interaktion mit Maschinen veränderten alles, was wir bisher kannten.

Sei es wegen sogenannter Kryptowährungen, sei es wegen künstlicher Intelligenz oder wegen schnellerer Computer; die Möglichkeiten solcher Anwendungen scheinen unbegrenzt. Es herrscht eine Euphorie, als ob bald das ganze Leben automatisiert und digitalisiert sei. Das bringt auch unabsehbare Folgen mit sich.

Abgesehen von der technologischen Veränderung ist politisch und wirtschaftlich die grösste Machtverschiebung unserer Zeit der Aufstieg Chinas zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt.

Ein zentralistisches System mit Befehlsgewalt über die ganze Wirtschaft bis hin zum Leitzins und zum Wechselkurs war und ist in der Entwicklung des Reichs der Mitte ein Vorteil. Erst war China ein Schwellenland, die Werkbank der Welt.

Heute konkurrieren chinesische Gesellschaften zunehmend mit eigenen Produkten um die Gunst der Käufer. China hat seine Position mit einem Powerplay sondergleichen erreicht, auch indem es sich auf nicht immer faire Art Wettbewerbsvorteile verschaffte; die EU etwa kritisierte schon Exportbeschränkungen für wichtige Rohstoffe.

Derzeit wird in der Welthandelsorganisation WTO gestritten, ob China als echte Marktwirtschaft anerkannt werden soll, was Konsequenzen hätte für das Ausmass an von der WTO erlaubten Handelseinschränkungen.

So der so ist China ist drauf und dran, die USA als Supermacht einzuholen und zu bedrängen. Wie diese Entwicklung endet, lässt sich nicht vorhersehen. Japans Turbo-Entwicklung vom Agrarstaat zur hoch technologisierten Volkswirtschaft trägt ähnliche Züge wie der Aufstieg Chinas.

Aber nur weil Japan bis Ende der Achtzigerjahre zur wirtschaftlichen Grossmacht avancierte, haben wir doch nicht alle Japanisch gelernt oder laufen im Kimono herum.

Wenn es wehtut, wird gekämpft

Wenn uns also die Geschichte etwas lehrt, dann dies: Hatten wir alles schon mal. Machtverschiebungen werden entweder gestoppt, oder es setzt eine Gegenbewegung ein, eine politische oder eine kulturelle, die die Entwicklung bremst.

Die Frage ist nur, wie heftig solche Gegenbewegungen ausfallen und welches Konfliktpotenzial sie bergen. Zum Beispiel ist der Einsatz von Robotern in Unternehmen nichts Neues. Doch die nächste Stufe der Roboter- und Computerleistung erlaubt eine bessere Unterstützung von Menschen oder sogar ihre Ablösung.

Es ist absehbar, dass dieser Fortschritt bekämpft werden wird. Es muss ja nicht gleich ein Sturm auf die Maschinen sein, wie damals 1832 in Uster, als eine mechanische Spinnerei gestürmt und in Brand gesetzt wurde, weil Webmaschinen nicht verboten wurden, wie von einigen gehofft.

Am ehesten sind Konflikte zu erwarten, wo es zu Verteilkämpfen kommt. Wem eine lukrative Monopoldividende wegzubrechen droht, wem der Job gekündigt wird, wer in der Politik an Einfluss verliert, der wird um Gewinn, Einkommen oder Einfluss kämpfen.

Weil es dabei im weitesten Sinne ums Überleben geht, sind Konflikte programmiert. «America first» ist eine Antwort auf billige Importe aus China. Die Rekordbusse der EU-Kommission gegen Google wegen Wettbewerbsbedenken bei Suchabfragen ist ein Versuch, ein Monopol zu brechen. Das sind Beispiele der Folgen von Machtverschiebungen.

Die Kunst, mit Machtverschiebungen umzugehen, liegt im Pragmatismus: sich wehren, wenn eine Entwicklung zu weit geht und unser Leben zu sehr einschränkt, aber dem Grundsatz des Laisser-faire folgen, um die schöpferische Kraft des Wandels zuzulassen.

Doch weder in der Wirtschaft noch in der Politik gelingt es auf Dauer, diesen Mittelweg zu gehen. Vielmehr sind Machtverschiebungen wie Pendelbewegungen, die mal in diese Richtung ausschlagen und dann in die andere. Machtverschiebungen mit Gewalt aufhalten zu wollen, wird auch in unserer Zeit nicht funktionieren. Aber die Entwicklung in gewisse Bahnen zu lenken, das schon.