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Was führt China im Schild?

Der Aufstieg Chinas verändert die Welt. Das löst Ängste aus, auch weil Peking noch im Zwiespalt ist, wie es seine wirtschaftliche Macht politisch einsetzen will. Ein Kommentar von Charles Wyplosz.

Charles Wyplosz
«Viel wird davon abhängen, wie die alten Mächte, die USA und Europa, mit China umgehen.»

China ist auf bestem Weg, in zehn bis zwanzig Jahren zur weltweit grössten Volkswirtschaft aufzusteigen. Selbst wenn es gemessen an den Standards der Industrieländer nach wie vor arm ist, so wird es mit seinen 1300 Mio. Menschen letztlich doch mehr Güter und Dienstleistungen hervorbringen als Amerika mit seinen 325 Mio. Plausibel, dass solch ein riesiges Land irgendwann alles produzieren wird, von simplen Waren bis zu raffiniertesten High-Tech-Produkten. Das lässt die Furcht aufkommen, die chinesischen Unternehmen würden früher oder später alle Wettbewerber auslöschen. Doch das wird nicht geschehen.

Zuallererst einmal wollen auch die Chinesen, wie alle anderen ebenfalls, ihr Einkommen aus dem Export verwenden, um die Güter zu importieren, die bei uns hergestellt wurden. Sie sind nicht nur Exporteure, sondern auch Konsumenten – ein riesiger Markt, und der Appetit der dortigen Verbraucher wächst. Ja, die Chinesen produzieren selbst Autos und Uhren, aber besitzen wollen sie ein deutsches Auto, eine Schweizer Uhr. Wir alle wollen doch aus verschiedenen Marken wählen können, und die alte Welt hat viele global attraktive Brands.

Warum ist China in den vergangenen paar Jahrzehnten so rasant gewachsen? Ein Grund ist Armut: Das bedeutet Niedrigstlöhne und keine der Sozialabgaben, die die Arbeitskosten in den entwickelten Ländern verteuern. Ein weiterer Grund ist die recht gut ausgebildete, für neues Wissen aufgeschlossene Bevölkerung. Die von Deng Xiaoping eingeleitete Liberalisierung hat es erlaubt, westliche Technologie zu übernehmen; so wuchs Chinas Wirtschaft rasch, anfangs basierend auf ultrabilligen Arbeitskräften und simplen Produkten. Doch mit der Zeit stieg China die Technologieleiter empor. Junge Chinesen wurden auf die besten Universitäten weltweit geschickt – nun ist China nicht mehr so sehr darauf angewiesen, ausländische Technologie zu kopieren, sondern führt die Entwicklung auf einigen Gebieten an.

Auf den Spuren Japans

Das phänomenale Wachstum hat den Anstieg der Löhne beschleunigt. Aber selbst damit beträgt der chinesische Durchschnittslohn bloss einen Bruchteil der Löhne in entwickelten Ländern. Deshalb auch die weit verbreitete Furcht, dass wir «mit China nicht konkurrieren können». Doch: Je mehr China wächst, desto weiter werden die Löhne steigen, desto stärker wird die Forderung nach mehr sozialer Absicherung. Läuft alles gut, wird China eines Tages Japan ähneln: ein reiches Land mit hohen Arbeitskosten, das nur dank technologischem Fortschritt wächst, wie alle anderen Industrieländer auch.

Wird denn alles gut laufen? China steht vor einer enormen Herausforderung. Es ist keine wirkliche Marktwirtschaft. Die Banken sind in Staatshand, staatseigene Unternehmen machen einen grossen Anteil der Wirtschaft aus, und seine Währung ist nicht frei konvertierbar. Die Erfahrung zeigt, dass staatliche Kontrolle über die Wirtschaft ineffektiv ist. Staatliche Kontrolle funktionierte gut, als China noch arm war. Nun, auf dem Weg nach oben, wird sie zunehmend zum Hindernis. Bestrebungen, den Staatseinfluss auf die Wirtschaft zurückzufahren, sind politisch heikel, denn sie richten sich gegen mächtige Interessen im Kern des politischen Systems. Präsident Xi Jinping hat den Prozess fast zum Erliegen gebracht. Eine Wiederaufnahme ist dringend erforderlich – wäre aber eine Bedrohung für das Regime. Mit einem reibungslosen Ablauf ist also nicht zu rechnen.

Der gegenwärtige Handelsstreit zwischen China und den USA lässt erkennen, welche Probleme noch kommen mögen. Lange Zeit spielte China nur zum Teil nach den Regeln des globalen Handelssystems. Es öffnete seine Wirtschaft nicht vollständig für ausländische Produkte, unterwarf ausländische Investitionen strengen Vorgaben, scherte sich wenig um den Schutz geistigen Eigentums. Mit dieser Sonderstellung will Präsident Donald Trump nun aufräumen. Er tut es auf seine eigene Art, weshalb Europa zögert, ihn zu unterstützen, auch wenn es das Ziel als solches durchaus gutheisst.

China wird wohl einlenken, auf seine eigene Art, zumindest anfänglich mehr mit Worten denn mit Taten; viel länger lässt sich dieses Gebaren nicht mehr halten. Das Regime will es aber langsam angehen, weil jegliche Massnahmen hier alles komplizierter machen: Es riskiert, das Wachstum zu dämpfen und mächtige Interessengruppen zu treffen. Trump hingegen hat es eilig: Er braucht einen vorzeigbaren Erfolg in einer wichtigen politischen Frage. Der zu erwartende Kompromiss dürfte dem Umstand Rechnung tragen, dass für Trump Erfolg eine Frage der Wortwahl ist. Peking wird ein paar Zugeständnisse anbieten und die erforderlichen Worte.

Angesichts seiner neuen Position als globale Wirtschaftsmacht zeigt sich China nun interessiert, auch den entsprechenden politischen Status zu erreichen. Hier spielen drei Aspekte eine Rolle. Erstens Chinas militärische Macht – sie wächst schnell, doch die Kluft zu den USA ist und bleibt gross. Deshalb wird China sich auf absehbare Zeit darauf konzentrieren, eine regionale Macht zu werden. Es wird also die Stellung der USA in der Region herausfordern, was beunruhigende Implikationen für seine Nachbarn und Taiwan birgt. Zweitens unternimmt China beträchtliche Anstrengungen, seine wirtschaftliche Macht auf die ganze Welt ausstrahlen zu lassen. Das bedeutendste Instrument dafür ist die Belt-and-Road-Initiative. In der Theorie dient sie dazu, Transport- und Kommunikationswege zu Chinas Handelspartnern zu entwickeln. Praktisch nutzt China seine neue Schlagkraft und die weit verbreitete Anti-Amerika-Stimmung, um Regierungen rund um die Welt von grossen Infrastrukturprojekten zu überzeugen.

Hierfür bietet Peking ihnen enorme Darlehen an. Das könnte böse enden. Viele Regierungen verschulden sich viel zu hoch, um riesige Projekte mit unsicherem Ertrag zu finanzieren. Zudem werden die meisten Projekte von chinesischen  Arbeitern und Ingenieuren realisiert, was für Unmut sorgt. Gut möglich, dass einige dieser Regierungen nicht imstande sein werden, die Schulden zu bedienen. Krisen sind programmiert.

Wahrscheinlich wartet Peking ab

Drittens muss China sich erst noch schlüssig werden, wie es seinen Status als weltweit grösste Volkswirtschaft nutzen will. Wird es die internationale Ordnung hochhalten, oder wird es sie umzeichnen wollen? Die Signale sind gemischt. Einerseits positioniert China sich als Verteidiger des Multilateralismus gegen Trumps Attacken. Andererseits kritisiert es das «westliche Modell» mit seinen privaten Unternehmen, den offenen Finanzmärkten und den Handelsregeln. Die Belt-and-Road-Initiative fordert bestehende multilaterale Organisationen heraus, der Internationale Währungsfonds IWF wird als von den USA und Europa beherrscht betitelt, er stütze die internationale Vorherrschaft des Dollars.

China forciert eine grössere Verbreitung seiner eigenen Währung – die es strikt kontrolliert –, indem es Dutzenden von Ländern in Konkurrenz zum IWF Kreditlinien anbietet. Wie es scheint, hat China noch nicht entschieden, welches Spiel es spielen will; wahrscheinlich will Peking abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Ebenso blickt es immer wieder in den Rückspiegel: Auch der regionale Rivale Indien wächst.

Chinas Aufstieg hat die Welt verändert und wird das auch weiterhin. Die damit einhergehenden Ängste spiegeln zum Teil bloss die Tatsache, dass wir alle uns anpassen müssen, und das ist oft schmerzvoll, auch wenn es Veränderungen zum Besseren sind. Sie reflektieren auch Chinas Zwiespalt über die politische Verwendung seiner wirtschaftlichen Macht. Wie das ausgehen wird, steht noch nicht fest. Viel wird davon abhängen, wie die alten Mächte, die USA und Europa, mit China umgehen – der Rivale kann Partner sein oder Feind.

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