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Was hinter Fintech steckt und was als Nächstes kommt

Alle reden von Fintech, doch was genau gehört dazu? Eine Bestandesaufnahme des Status quo und ein Blick in die Zukunft.

Thomas Puschmann

Der Markt an Fintech-Lösungen ist fragmentiert, und es existiert keine einheitliche Meinung darüber, welche Bereiche sie abdecken. Ein Bezugssystem kann helfen, die verschiedenen Fintech-Lösungen zu klassifizieren.

Eine bekannte Unterscheidung differenziert einerseits zwischen dem Anbietertyp, ob Services von Banken, Versicherungen oder Nicht-Banken/-Versicherungen angeboten werden.

Andererseits zwischen dem Interaktionstyp: Unterstützt eine Lösung die Beziehung Unternehmen zu Kunde (Business to Customer, B2C), Kunde zu Kunde (Customer to Customer, C2C) oder Unternehmen zu Unternehmen (Business to Business, B2B)?

Drittens unterscheiden sich Fintech-Lösungen bezüglich der unterstützten Bank- und Versicherungsprozesse. Die Tabelle gibt eine Übersicht über bestehende Fintech-Lösungen und klassifiziert sie entlang der folgenden Dimensionen:

1. Banken: Viele der derzeit verfügbaren Fintech-Lösungen wurden von Start-up-Firmen aus dem Nicht-Banken-Sektor entwickelt, die dann später von Banken adaptiert wurden. Die von Banken entwickelten Fintech-Lösungen konzentrieren sich entweder auf die Interaktion zwischen Kunden und Banken (B2C) oder zwischen Kunden (C2C).

Zu den Beispielen gehören etwa Videokonferenzen (Beratung), Robo Advisors (Anlegen) und Online-Kreditbeantragung (Finanzieren). Im Unterschied zu den B2C-Lösungen, bei denen Banken die Serviceanbieter sind, fokussieren solche aus dem C2C-Bereich auf Peer to Peer Services und Plattformen. Beispiele sind Peer to Peer Payment oder Online-Kunden-Communities.

2. Versicherungen: Fintech-Lösungen aus dem Versicherungsbereich umfassen Prozesse wie Beratung, Lebens- und Nichtlebensversicherung, Schaden- und Risikomanagement sowie übergreifende Prozesse. Bekannte Beispiele sind Pay-as-You-Drive-Lösungen (Nichtlebensversicherung) oder drohnenbasierte Schadenanalyse (Schadenmanagement).

Andere wichtige Bereiche sind die Nutzung von von Big-Data-Analyse zur Verbesserung des Risikomanagements und für das Angebot personalisierte Prämienmodelle sowie automatisierte Policierungsprozesse (übergreifend). Im Unterschied zum Bankbereich konzentrieren sich die meisten Lösungen derzeit auf den B2C-Bereich, während solche aus dem C2C-Bereich eher selten sind.

3. Nicht-Banken: Der Markt der Nicht-Banken umfasst sowohl Start-up-Firmen wie auch grosse IT-Unternehmen wie beispielsweise Apple (AAPL 206.5 2.36%) oder Alibaba (BABA 174.6 4.57%). Anders als die von Banken fokussieren ihre Fintech-Lösungen auf Disintermediation und konzentrieren sich oftmals auf einzelne Aktivitäten, wobei ein Einzelanbieter zumeist nicht alle Prozesse abdeckt.

Zusätzlich zum B2C- und zum C2C-Bereich bieten Nicht-Banken auch Kooperationsmodelle für Banken an. Prominente Beispiele sind digitale Kundenberatung (Beratung), Personal Finance Management (Payments), Digital Identity (übergreifend) oder Aktienanalyse und -vorhersage (Anlegen).

4. Nicht-Versicherungen: Viele der aktuellen Fintech-Innovationen stammen von Nicht-Versicherungen. Sie decken alle relevanten Versicherungsprozesse im B2C-Bereich ab und bieten zusätzlich neue Geschäftsmodelle im C2C- und im B2C-Bereich. Beispiele für B2C-Geschäftsmodelle sind Lösungen für das Versicherungsbrokermanagement (Beratung), On-Demand-Versicherungsprodukte (Lebensversicherung) oder Big-Data-Katastrophenmodelle (Risikomanagement).

Während der B2C-Bereich auf Disintermediation fokussiert, könnte der C2C-Bereich zukünftig radikalere Veränderungen für die Versicherungsindustrie nach sich ziehen. Ein erstes Beispiel ist eine crowdbasierte Versicherungslösung, bei der ein Policeneigentümer eine Prämie erst nach Eintritt eines Schadenfalls einer anderen versicherten Person bezahlt.

Obwohl fast alle Bereiche von bestehenden Fintech-Lösungen abgedeckt werden, variiert der Reifegrad der unterschiedlichen Lösungen bezüglich der unterstützten Prozessbereiche. Für die Bankindustrie hat eine Studie beispielsweise kürzlich identifiziert, dass der aus Marktsicht relevanteste Fintech-Bereich der Finanzierungsbereich ist, gefolgt vom Zahlungsbereich, vom übergreifenden und vom Anlagebereich (Haddad and Hornuf 2016, p. 21).

Ein Ausblick

Obwohl wir bereits die Entstehung einer Vielzahl an Fintech-Lösungen im letzten Jahrzehnt beobachten konnten, könnten drei mögliche Bereiche auf zukünftige Fintech-Innovationsfelder hindeuten, innerhalb deren wir heute möglicherweise erst die Spitze des Eisbergs des zukünftigen Potenzials erkennen können:

Erstens konzentrierten sich bisherige Lösungen meist auf inkrementelle Verbesserungen wie beispielsweise Mobile Payment basierend auf «reifen» Technologien (z.B. Mobiltelefonkamera zum Einscannen von Einzahlungsscheinen).

Ein nächster Schritt sind sogenannte disruptive Innovationen, die oftmals von Pacemaker-Technologien oder durch die Konvergenz zweier oder mehrerer solcher Technologien induziert sind. Eine dieser Pacemaker-Technologien könnte beispielsweise die Blockchain sein.

Relevante Fragestellungen im Kontext disruptiver Technologien mit Bezug zu Fintech sind: Welches sind die strategischen Implikationen disruptiver Technologien für die Finanzindustrie, bezogen auf die relevanten Innovationsobjekte Geschäftsmodelle, Produkte und Services, Organisationsformen, Prozesse und Systeme?

Welche technologieinduzierten Innovationen haben einen disruptiven Effekt, und wie ist ihr technologischer, politischer, ökonomischer, rechtlicher und regulatorischer Einfluss auf die Wertschöpfungskette der Branche zu bewerten? Wie können Analogien aus anderen Industrien genutzt werden, um diesen Einfluss abzuschätzen?

Zweitens haben Fintech-Innovationen unterschiedlichen Einfluss auf die Innovationsobjekte. Beispiele sind neue Services wie etwa Chatbot, auf künstlicher Intelligenz basierende Beratungsservices oder Bankkonten für Mobiltelefone.

Da aber viele dieser Fintech-Lösungen sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium befinden, ist derzeit noch unklar, wie Konsumenten diese neuen Services adaptieren werden.

Relevante Fragestellungen in diesem Zusammenhang sind: Welche Innovationsmuster bezogen auf einzelne Innovationsobjekte lassen sich erkennen (Geschäftsmodelle, Produkte und Services etc.), und welche Beziehungen bestehen zwischen ihnen (z.B. Zusammenhang zwischen neuen Systemen und neuen Geschäftsmodellen)? Darüber hinaus ist eine wichtige Fragestellung, wie Kunden Finanzdienstleistungen von Nicht-Banken/-Versicherungen im Vergleich zu Banken und Versicherungen annehmen werden.

Drittens umfasst der Innovationsumfang sowohl mikro- wie auch makroökonomische Auswirkungen. Die mikroökoomische Perspektive könnte zu einer Transformation von Banken und Versicherungen in Richtung starker dezentralisierter, vernetzter Entitäten führen, wobei jede einzelne sich auf Einzelaktivitäten fokussieren würde.

Bei dieser unter der Bezeichnung Crowdsourcing definierten Entwicklung käme elektronischen Servicemarktplätzen für C2C-, B2C- und B2B-Interaktionsprozesse eine wichtige Rolle zu, um Nachfrage und Angebot sehr spezialisierter Wertschöpfungsketten zusammenzubringen.

Andererseits könnte aus makroökonomischer Sicht die Grenze zwischen einzelnen Industrien verwischen und zu einer Neudefinition des gebräuchlichen Standards Industrial Classification System (SIC) führen, das Industrien wie z.B. «Retail Trade» oder «Finance, Insurance and Real Estate» abgrenzt.

Relevante Fragestellungen in diesem Zusammenhang sind: Wie sehen zukünftige Organsiationsformen von Banken und Versicherungen aus? Welche Standards sind erforderlich, um diesen höheren Grad an Spezialisierung zu ermöglichen? Welche Elemente umfasst eine verteilte Finanzmarktinfrastruktur, die die entstehenden Fintech-Innovationen über alle Innovationsobjekte und über alle involvierten Marktteilnehmer hinweg unterstützt (z.B. Regulation, Logistik, Preisvergleich etc.)?

Zusammengefasst hatten die beschriebenen Entwicklungen bereits einen starken Einfluss auf die Finanzindustrie, und es ist anzunehmen, dass er zukünftig noch zunehmen wird und letztlich zu einer Reorganisation der ganzen Branche führen könnte.

Aber wie die drei abschliessend genannten Bereiche zeigen, sind noch viele Fragen ungeklärt, und das macht Fintech zu einem interessanten Feld für die nächsten Jahrzehnte.

Nach dem Internet of Information (mit Hypertext als Standard), dem Internet of Services (mit Webservice-Standards wie z.B. SOAP) komplettiert nun das Internet of Value durch die Entwicklungen im Bereich Fintech das letzte fehlende Glied auf dem Weg zu vollständig digitalen Ökosystemen.

Weil die Schweiz eine lange Tradition im Bereich der Dienstleistungsökonomie aufweist und oftmals als Erfinder oder Early Adopter innovativer Technologien auf sich aufmerksam gemacht hat, bietet auch das Thema Fintech eine grosse Chance, sich in diesem derzeit entstehenden Wettbewerb mit anderen Fintech-Hubs wie London, New York oder Singapur zu positionieren.

Literatur

Alt, R, Puschmann, T. (2016) Digitalisierung der Finanzindustrie – Grundlagen der Fintech-Evolution. SpringerGabler: Berlin/Heidelberg.

Haddad C, Hornuf L (2016) The Emergence of the Global Fintech Market: Economic and Technological Determinants. University of Trier: Lille & Trier.

Puschmann, vT. (2017) Fintech. Business & Information Systems Engineering 59(1): forthcoming.

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