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Was im Juni in der Fintech-Schweiz gelaufen ist

Die Banken sperren sich gegen eine generelle Öffnung, Ex-Börsenchef Christian Katz handelt jetzt Kryptowährungen, und Blockchain-Start-ups lassen es regnen.

Valentin Ade

Kennen Sie den grössten Robo Advisor in der Schweiz? Nein, es ist nicht der helvetische Pionier True Wealth. Das Unternehmen heisst Scalable Capital, kommt aus Deutschland und bietet seine Dienste seit geraumer Zeit auch hierzulande an (wir haben im Februar mit Gründer Eric Podzuweit gesprochen).

Gemäss Podzuweit hat Scalable seit neustem insgesamt über 1 Mrd. € an Kundenvermögen unter Verwaltung. Zugegeben, das wenigste davon dürfte aus der Schweiz kommen. Doch wie konnte Scalable so schnell so gross werden? Antwort Podzuweit: Kooperation. Seit vergangenem Herbst hat Scalable eine Vertriebspartnerschaft mit Deutschlands drittgrösster Bank (nach Kunden), ING-DiBa.

Mobile Banken ante portas

Auch in der Schweiz scheint die Kooperation mit den Etablierten für die Start-ups längst der Königsweg. Als Nächstes will so ein Mobile-Banking-Start-up durchstarten. Neon heisst das Jungunternehmen, das mit der Hilfe der Hypothekarbank Lenzburg bald sein Angebot lancieren will.

Beim Thema Mobile Banking tut sich dieses Jahr so einiges in der Schweiz. Den Anfang machte bekanntlich die Bank Cler mit ihrem Zak. Jetzt steht die Zuger Smartphone-Bank Oyoba in den Startlöchern, und die britische Revolut nimmt den deutschsprachigen Markt stärker ins Visier.

Mal schauen, ob die Mobile-Banken beim Publikum verfangen, denn die Schweiz zählt nicht zu den mobilaffinsten Ländern, sagt zumindest das Beratungsunternehmens EY in einer aktuellen Studie (vgl. Grafik).

Selbst die wechselunwilligen Deutschen – Angela Merkel ist seit dreizehn Jahren Kanzlerin, Jogi Löw seit zwölf Jahren Bundestrainer – liegen vor den Eidgenossen. Gemäss EY-Studie sind übrigens die Chinesen auf Platz eins. 69% der Bevölkerung haben in den vergangenen sechs Monaten mindestens zwei Fintech-Dienste genutzt.

Tezos und andere Dramen

Apropos Hypothekarbank Lenzburg (HBLN 4400 -0.9%): Die «Hypi» ist die erste Schweizer Bank, die jetzt offen um Blockchain- und Krypto-Start-ups als Kunden wirbt. Die boomenden Newcomer bekommen wegen der Berührungsängste der etablierten Finanzhäuser bis heute kaum ein Konto hierzulande. Eine Arbeitsgruppe unter Einbezug der «Hypi» will diesen Zustand nun ändern.

Nichts ändern wollen die Schweizer Banken hingegen beim Thema Open Banking. Eine Öffnung à la EU-Richtlinie PSD2 lehnen die Finanzhäuser ab. Sie selbst, nicht die Kunden, sollen weiterhin bestimmen, wer Zugriff auf die Kundendaten erhält.

Zumindest in einem Punkt haben sich die Blockchain-Start-ups vom alten System unabhängig gemacht. Sie haben seit Anfang des Jahres Milliarden mit der Emission eigener Kryptowährungen (sog. ICO) eingenommen, wie ein aktueller Report des Beratungsunternehmens PwC zeigt.

Eines der grössten ICO ist das der Zuger Stiftung Tezos, das sich im Nachgang zum Drama entwickelt hat. Kollege Gideon Lewis-Kraus von Wired hat die Geschichte, spannend wie ein Krimi, in voller Länge aufgeschrieben. Er zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Bild von Crypto-Valley-Promi Johann Gevers, der als Geiselnehmer der Tezos-Stiftung porträtiert wird. Die Tezos-Gründer, das Ehepaar Breitman, die sich bis heute mit Klagen von Investoren konfrontiert sehen, seien ihm aufgesessen. Kathleen Breitmans Fazit: «Swiss business culture is a load of shit.»

Die neue Tezos hiesst übrigens Envion. Beim Krypto-Start-up bekriegen sich CEO und Gründer. Der CEO so: Gründer, ihr habt beim ICO illegal zusätzliche Coins für euch generiert. Die Gründer so: CEO, du hast uns unser Unternehmen geklaut. Jetzt hat ein Gericht in Berlin zugunsten der Gründer entschieden.

Auf den Kryptozug ist jetzt auch ein alter Bekannter aufgesprungen. Christian Katz, Ex-Chef der Schweizer Börse, bringt als Verwaltungsratspräsident die Kryptohandelsplattform SCX an den Start und hat sogleich Konkurrenz. Im Juli will in Genf eine Kryptohandelsplattform namens Taurus die Arbeit aufnehmen.

Crowdhouse zielt hoch

Auf den klassischen Wagniskapitalmarkt ist derzeit immer noch eines der erfolgreichsten Schweizer Fintech-Start-ups angewiesen. Die Immobilienplattform Crowdhouse befindet sich laut «Handelszeitung» in einer weiteren Finanzierungsrunde und sei mit Migros und Tamedia (TAMN 107 5.94%) in Verhandlung.

Wir haben mit Crowdhouse-Gründer Ardian Gjeloshi gesprochen, und er meinte, man sei mit vielen potenziellen Investoren im Gespräch. Ende 2018 will Crowdhouse die Finanzierungsrunde mit einem grösseren zweistelligen Millionenbetrag abschliessen. Das Ziel für die nächsten Jahre: Die Plattform Nummer eins für Investoren und Mieter rund um Immobilien werden. Wir handeln Crowdhouse als zukünftigen Schweizer-Fintech-Börsenkandidaten.

Das war’s mal wieder, schauen wir, was der Juli bringt, und wie immer: Kritik, Anregung und Jogis Rücktrittserklärung bitte an: valentin.ade@fuw.ch

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