Blogs / Fintech

Was in der Fintech-Schweiz im Sommer gelaufen ist

Der Bankraub als Auslaufmodell, Bundesrat Maurer als Fintech-Botschafter, die Start-ups machen Furore, und wieso die Banken es uns nie recht machen können.

Valentin Ade

Der Sommer war heiss und voller Fintech-News. Hier ist, was hängen geblieben ist.

Es ist eines der ältesten Verbrechen der Menschheit: der Banküberfall. In der Schweiz scheinen Raiffeisen-Filialen besonders beliebt bei der ungewollten Kundschaft. Doch jetzt könnte die unautorisierte Abbuchung bald der Vergangenheit angehören. Valiant hat eine weitere ihrer überfallsicheren Filialen eröffnet.

Wieso überfallsicher? 1. Geld kann man da keines mehr abheben, zumindest nicht am Schalter. Und 2.: Schalterpersonal zum Bedrohen ist auch nicht mehr vor Ort, zumindest nicht physisch, sondern nur via Videobildschirm. Umgekehrt wird so eine Filiale zur Falle für jeden Räuber, denn die Räumlichkeiten lassen sich ferngesteuert durch die Person am Bildschirm verschliessen. Bankräuber, bitte eintreten.

Korrektur: Valiant (VATN 110 3.19%) hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass in jeder Geschäftsstelle weiterhin Kundenberatende vor Ort sind. 

 Schaufeln verkaufen statt Gold schürfen

So viel zu alten Problemen, hier ein neueres: Kryptowährungs-Start-ups bekommen in der Schweiz kein Bankkonto. Die Aufregung darum ist so gross, dass sich Bundesrat und Finanzminister Ueli Maurer eingeschaltet und (per ordre de Ueli) eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen hat.

Kommt ja auch dumm, wenn unser Ueli im Sommer durch Südamerika tourt und die Schweiz als Fintech-Mekka anpreist. Und dann bekommen Fintech-Unternehmen da nicht mal ein popliges Konto. Kein Bankkonto in der Schweiz? Was kommt als Nächstes? Keine Toblerone mehr für Touristen?

Übrigens stimmt das ja so nicht ganz. Mindestens eine Bank – die Hypi Lenzburg – wirbt um die Krypto-Start-ups. Wieso? Kollege Werner Grundlehner von der NZZ (NZZ 5000 -0.4%) trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er schreibt, beim Goldrausch würden nicht die Schürfer reich, sondern die Schaufelverkäufer.

Die Hypi will etwas von dem ICO-Rausch im Lande abhaben und lässt sich dem Vernehmen nach ihre Bankverbindung teuer bezahlen. Wer hätte gedacht, dass eine Bank mit einem einfachen Kontoangebot mal wieder richtig Reibach machen könnte. The times we live in.

Die Banken können es nicht recht machen

Den Banken gehört aber an dieser Stelle auch mal Verständnis entgegengebracht. Da haben wir jahrelang draufgehauen, dafür, dass sie zwielichtige Kunden willkommen heissen, bei denen nicht klar ist, wo sie ihre dubiosen Millionen herhaben. Und – by the way – wir hören mit der Basherei auch nicht auf: gell, Julius Bär?!

Doch jetzt, wo die meisten Banken genau hinschauen, wo die teils dubiosen ICO-Millionen aus aller Welt herkommen – erst recht wenn auch die Finma gegen die ganzen Dubiositäten vorgeht –, werden sie für ihre Zurückhaltung kritisiert. Wie man es macht, ist es falsch.

Manche Stimmen sprechen jetzt gar vom Exodus der Krypto-Start-ups, sollte das Konto für die Kryptos nicht Usus werden. Wir bezweifeln das mal an dieser Stelle. Denn die rund 300 Kryptogesellschaften sind in der Schweiz nicht wegen des Bankkontos. Doch schon eher wegen des Schweizer Steuersystems und Stiftungsmodells, das sie für ihre ICO nutzen.

Die Schweizer Börse baut jetzt übrigens auch eine Krypto-Blockchain-Handelsplattform auf. Könnte interessant werden, wenn so ein grosser Player, der den ganzen Kapitalmarktzyklus aus einer Hand anbieten kann, dort einsteigt. Wenn die Schweizer Börse jetzt noch ihr Problem mit Insiderhandel in den Griff bekommt, könnte daraus wirklich was werden.

Börse und Fintech-Start-ups

Apropos Start-ups und Börse. Ein möglicher Fintech-Börsenkandidat, Bexio, wurde von einem etablierten Player – Mobiliar – übernommen. War’s das jetzt mit dem möglichen Börsengang? Ein weiterer von uns gehandelter Fintech-Börsenkandidat, Loanboox, hat einen etablierten Nachmacher gefunden. Vontobel hat jetzt auch eine Plattform zur Selbstemission von Anleihen lanciert. Just einen Monat nach Loanboox. Hat natürlich nix miteinander zu tun.

In Deutschland hat derweil ein Fintech-Unternehmen eine (ehemalige) Grossbank aus dem Dax (DAX 11472.22 1.3%) geworfen. Wirecard ersetzt die Commerzbank. Wir sind gespannt, wann Loanboox endlich Credit Suisse (CSGN 12.765 0.24%) oder Julius Bär (BAER 44.94 0.63%) aus dem SMI (SMI 9015.43 0.35%) schmeisst.

Oder vielleicht machen das auch diese Jungs: Viac, die Fintech-Antwort auf die Dritte-Säule-Frage. Viac ist eines der am schnellsten wachsenden Fintech-Start-ups in der Schweiz. Noch kein Jahr alt, hat das Jungunternehmen schon 50 Mio. Fr. an privaten Vorsorgegeldern anziehen können. Manch ein Robo Advisor braucht Jahre für sowas (nichts für ungut, True Wealth).

Arme Advanon

Apropos schnell wachsend: Wer bei der schnell wachsenden Schweizer Fintech-Start-ups-Szene den Überblick behalten will, dem sei die neue «Born in Switzerland»-Landkarte von Bank-Linth-Vermögensverwaltungschef Luc Schuurmans ans Herz gelegt.

Zum Schluss noch etwas Unschönes: Das Fintech-Vorzeige-Start-up Advanon hat mit einem Betrugsfall zu kämpfen. Kollege Sven Millischer von der «Handelszeitung» hat den Fall anschaulich aufgeschrieben. Halb so schlimm, meint dagegen einer, der Anteile an Advanon besitzt: Ex-Banker Eric Sarasin.

Das war’s für den Fintech-Sommer, wir sind gespannt auf den Herbst. Wie immer: Anregungen, Kritik, überzogene Lobhudeleien und die Lösung für das Insiderproblem der Schweizer Börse bitte an: valentin.ade@fuw.ch

Leser-Kommentare