Zum Thema: Russland muss auf höheren Ölpreis hoffen

Was in der Krise von 1998 anders war

Zur letzten Staatspleite Russlands gibt es nur wenige Parallelen. Diesmal sind die Banken das schwächste Glied.

Die fallenden Erdölpreise und der Absturz des russischen Rubels wecken böse Erinnerungen an die Verwerfungen Ende der Neunzigerjahre, die 1998 in einen Staatsbankrott mündeten. Im Zuge der Asienkrise 1997/98 stieg die Nervosität an den Finanzmärkten und das Weltwirtschaftswachstum begann sich zu verlangsamen. Das brachte die Rohstoffpreise zum Einsturz und traf die russische Wirtschaft äusserst hart. Von Mitte 1997 bis Mai 1998 fiel der Ölpreis von 26 $ auf 11 $ pro Fass. Es kam zu einem verstärkten Kapitalabfluss. Immer mehr Investoren befürchteten, dass Russland den Rubel, der damals eng an den Dollar gekoppelt war, abwerten müsse und wegen des grossen Defizits im Staatshaushalt zahlungsunfähig werden könnte.

Oligarchen und Investoren wie George Soros empfahlen daher, den Rubel abwerten zu lassen. Aber die Zentralbank wollte die Spekulation im Keim ersticken und reagierte entschieden. «Wenn über eine Abwertung gesprochen wird, dann musst Du jedem in die Augen spucken, der darüber spricht», soll der damalige Zentralbankchef Sergei Dubinin gesagt haben. Die Zentralbank erhöhte die Zinsen auf 150% und wehrte sich gegen die spekulativen Attacken mit dem Verkauf von Devisen resp. dem Kauf von Rubel. Doch das vermochte die Kapitalflucht und den Abwertungsdruck nicht zu stoppen, zu schnell schrumpften die ohnehin knappen Devisenreserven.

Am 17. August gab die Zentralbank den Kampf auf und liess den Rubel abwerten. Gleichzeitig bediente der Staat die Rubel-Anleihen nicht mehr und erliess ein 90-tägiges Moratorium auf Zahlungen russischer Banken an ausländische Gläubiger. Russlands Wirtschaft schrumpfte im Krisenjahr 1998 fast 5%.

Gesündere Staatsfinanzen

Die Russlandkrise 1998 war eine typische Währungskrise. Kennzeichnend dafür war ein hoher Anteil Auslandschulden, ein steigendes Haushaltsdefizit und ein fixer Wechselkurs, den die Zentralbank trotz schmaler Reservedecke gegen spekulative Attacken zu verteidigen hatte.

Anders präsentiert sich die Lage heute: Die Staatsfinanzen sind gesünder als damals. 1997 betrug das Haushaltsdefizit 6,5% des Bruttoinlandprodukts (BIP), und die gesamten Staatsschulden beliefen sich auf 50% des BIP – davon war mehr als die Hälfte in den Händen ausländischer Gläubiger. Heute beträgt der Schuldenberg lediglich 13% des BIP und der Haushalt ist dieses Jahr ausgeglichen.

Ein weiterer wesentlicher Unterschied betrifft das Wechselkursregime: Der Rubel ist heute nicht mehr fest an den Dollar gekoppelt. So werden Schocks sofort absorbiert. Die Verwerfungen sind geringer als wenn ein fixes Wechselkursregime implodiert. Zudem verfügt die Zentralbank über deutlich mehr Reserven als vor der Krise 1997/98, um bei Bedarf doch noch auf dem Devisenmarkt zu intervenieren.

Der Zahlungsausfall Russlands 1998 muss in einem grösseren historischen Kontext betrachtet werden. 1991 kollabierte die Sowjetunion, mit schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen. Es herrschte Hyperinflation und das Bruttoinlandprodukt schrumpfte bis 1996 Jahr für Jahr. Auch sechs Jahre nach dem Ende der Sowjetunion betrug die Inflationsrate immer noch 50%. 1997 erhielten noch immer nur 40% der Arbeitnehmer den Lohn voll und pünktlich ausbezahlt.

Auch der Staatshaushalt war völlig aus den Fugen geraten. Sämtliche Auslandsschulden der Sowjetunion wurden von Russland übernommen, und gleichzeitig nahm der Staat in den chaotischen Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion kaum Steuern ein. 1996 musste Russland den Internationalen Währungsfonds (IWF) um Hilfe bitten und über die alten Sowjet-Schulden mit den Gläubigern nachverhandeln. Auch 1998 war Russland in einem IWF-Programm, die Kreditlinien konnten jedoch den Bankrott nur hinauszögern und nicht abwenden.

Gefahren im Bankensektor

Auch heute ist Russlands Wirtschaft nicht in einem besonders guten Zustand. Schon vor der Ukrainekrise wuchs die Wirtschaft unterdurchschnittlich langsam und die Inflation lag hartnäckig über 5%. Die Rahmenbedingungen sind jedoch nicht mit den Jahren vor 1998 vergleichbar. Das heisst aber nicht, dass das Risiko eines Zahlungsausfalls inexistent wäre. Die grösste Gefahr geht diesmal von der Fremdwährungsverschuldung der Banken und Unternehmen aus. Sie könnten durch die gewaltige Rubelabwertung in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Die Banken sind mit 192 Mrd. $ im Ausland verschuldet, 1998 waren es 18 Mrd. $ und damit gemessen am BIP halb so viel. Wegen der Sanktionen ist der Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten ungewiss, was sich in höheren Risikoaufschlägen (Credit Spreads) und Refinanzierungskosten spiegelt.

Ungemach droht den Banken auch in der Aktivseite ihrer Bilanzen: Da sie viele Fremdwährungsdarlehen ausstehend haben, dürfte die Zahl der faulen Kredite wegen der Rubelabwertung zunehmen. Nicht zu unterschätzen ist ausserdem die Gefahr eines Bank-Runs, wenn das Vertrauen der Bevölkerung in die Währung und das Bankensystem wackelt. Die Rettung maroder Banken könnte den Staat teuer zu stehen kommen und seine Verschuldung rasch erhöhen.

Die Frage ist wohl aber viel mehr, ob Russland zahlen will – nicht ob es kann. Auch der Ausfall auf Rubel-Anleihen 1998 war alles andere als notwendig. Die Zentralbank hätte als Herrscherin über die Geldpresse ein Lösung finden können. Der Staat wählte aber den für viele Gläubiger schmerzhaften Neuanfang.