Eingeloggt Nicht eingeloggt Suche E-Mail Leseliste Aktiv auf Leseliste Drucken Uhr E-Mail Term-Tag Arrow Left Arrow Right Arrow Down Arrow Up Charts Lock Abo Circle Circle Open Six Exchange Six Exchange Facebook Twitter Linkedin Xing Googleplus Whatsapp
Zum Thema: An der Schwelle zur säkularen Stagnation

Was ist eine Bilanzrezession?

Die Bilanzrezession folgt in der Regel einer von Kreditexzessen getriebenen Vermögensblase. Die Bewältigung kann Jahrzehnte dauern.

Der Begriff Bilanzrezession wurde vom Chefökonomen des Nomura Research Institute (NRI), Richard Koo, geprägt. Für Koo existieren grundsätzlich zwei Arten von Rezessionen: An die «normale», ungefährliche Art hat sich die westliche Welt in den sechs Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gewöhnt. Ihr Auslöser ist meist eine bewusst restriktive, antiinflationäre Politik der Notenbank, und sie wird oft durch den zyklisch bedingten Lagerabbau in der Unternehmenswelt verstärkt. Koo spricht in seinem Buch «The Holy Grail of Macroeconomics» von der Yang-Rezession, nach dem chinesischen Wort für Sonne oder Licht. Die Yang-Rezession kann problemlos bekämpft werden, indem die Notenbank die Zinsen senkt und den Investitions- und Konsumzyklus wieder in Gang bringt. In diesem Umfeld sind staatliche Konjunkturprogramme kontraproduktiv, da sie ohnehin zu spät einsetzen und private Investitionen verdrängen (Crowding-out-Effekt).

Deutlich gefährlicher ist die Yin-Rezession (nach dem chinesischen Wort für Mond oder Schatten). Sie tritt selten auf und folgt in der Regel einer von Kreditexzessen getriebenen Vermögensblase. In der Yin-Phase richtet sich der Rezessionsverlauf nach einem anderen Drehbuch. Die privaten Wirtschaftsakteure, seien es Unternehmen, Konsumenten oder beide, erleiden massive Vermögenseinbussen und sitzen auf überschuldeten Bilanzen. Jedes Individuum tut in dieser Situation für sich das Richtige, verkauft seine Vermögenswerte und baut Schulden ab. Doch wenn dies alle gleichzeitig tun, tritt eine deflationäre Schuldenliquidation ein, in deren Verlauf die Wirtschaft und die Vermögenspreise immer weiter fallen. Bilanzrezessionen gemäss Koo waren die Grosse Depression in den Dreissigerjahren und die grosse Rezession in Japan nach dem Crash der Aktien- und Immobilienblase von 1990. In Japan war es der Unternehmenssektor, der hoffnungslos überschuldet war, in der Grossen Depression waren es Unternehmen und die Privathaushalte.

In der Bekämpfung der Yin-Rezession ist die Geldpolitik der Notenbanken nach Ansicht Koos machtlos, weil die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes laufend sinkt (Liquiditätsfalle). Erstens wollen die Banken in diesem Umfeld keine neuen Kredite vergeben, und zweitens – viel wichtiger – besteht aus der Privatwirtschaft keine Nachfrage nach Fremdkapital. Als einzige Nachfragequelle, die ihre Ausgaben erhöhen kann, muss der Staat mit Stimuluspaketen in die Bresche springen, um die Wirtschaft zu stützen. Andernfalls droht eine unkontrollierte Depression. Die Stimuluspakete müssen nach Koo während der gesamten Dauer des Schuldenabbauprozesses (Deleveraging) aufrechterhalten werden, da die Konjunktur sonst wieder einknickt. Die Bewältigung einer Bilanzrezession und ihrer Folgen kann Jahrzehnte in Anspruch nehmen.