Zum Thema: An der Schwelle zur säkularen Stagnation

Was ist säkulare Stagnation?

Die säkulare Stagnation beschreibt eine lange Phase, in der kein oder nur schwaches Wirtschaftswachstum herrscht. Das wirtschaftliche Umfeld ist geprägt von tiefen Realzinsen und niedriger Inflation.

«Säkulare Stagnation ist ein Rorschach-Test für Ökonomen: Der Begriff hat für alle eine unterschiedliche Bedeutung», schreibt der in Berkeley lehrende Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen. Tatsächlich herrscht über den Begriff, der die ökonomische Debatte derzeit prägt, erstaunlich wenig Einigkeit. Die Denkfabrik Centre for Economic Policy Research (CEPR) hat die Ansichten von neunzehn führenden Ökonomen zusammengetragen – und ebenso viele verschiedene Erklärungen erhalten wie Autoren am Werk waren. Grundsätzlich gilt: Die säkulare Stagnation beschreibt eine lange Phase, in der kein oder nur schwaches Wirtschaftswachstum herrscht. Das wirtschaftliche Umfeld ist geprägt von tiefen Realzinsen und niedriger Inflation. Die traditionelle Geldpolitik ist machtlos, denn die nominellen Zinsen haben die Untergrenze erreicht.

Über die Gründe der säkularen Stagnation sind sich die Fachleute uneinig. Im Folgenden soll die These des ehemaligen US-Finanzministers Larry Summers beschrieben werden, denn er hat dem Begriff mit seiner Rede vor dem Internationalen Währungsfonds (IWF) im November 2013 zu neuer Popularität verholfen. Gemäss Summers liegt der Kern des Problems im Ungleichgewicht zwischen Investitionstätigkeit und Sparverhalten: Die Wirtschaftsakteure investieren zu wenig und sparen zu viel, dadurch wird das Wirtschaftswachstum gebremst.

Summers identifiziert verschiedene Ursachen für die Investitionsflaute. Es handelt sich dabei um langfristige strukturelle Veränderungen, die bereits lange vor der Finanzkrise von 2008 eingesetzt haben. Dazu zählt die demografische Entwicklung: Ein langsameres Bevölkerungswachstum und eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung schmälern das Potenzialwachstum, dämpfen den Investitionsbedarf um Arbeitskräfte auszustatten und führen zu sinkender Endnachfrage. Zudem sind die Kosten für viele Kapitalgüter gesunken, etwa für Informationstechnologie. Dadurch schwächt sich die Gesamtnachfrage nach Investitionen ab.

Das spiegelt sich auch in der veränderten Unternehmenslandschaft: Konzerne wie Apple (AAPL 217.73 -1.46%) oder Google (GOOGL 1229.84 -0.72%) benötigen einen relativ geringen Kapitalaufwand und sitzen auf riesigen Cash-Beständen. Des Weiteren fördert die Ungleichheit der Einkommensverteilung die Sparneigung: Ein wachsender Anteil des Einkommens fliesst an vermögende Personen. Sie sparen mehr und investieren einen kleineren Anteil ihres Einkommens.

Die schwache Investitionsnachfrage führt laut Summers zu einem sinkenden realen Gleichgewichtszins, der für die Balance zwischen Investitions- und Sparquote bei Vollbeschäftigung sorgt. Summers argumentiert, dass der reale Gleichgewichtszins (Nominalzinsen minus Inflation) derzeit unter null liege. Daher sei es kaum möglich, dass die Wirtschaft ein Gleichgewicht finde.

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