Was macht eigentlich…

Alan Greenspan, ehemaliger US-Notenbankchef

Vizepräsident George H. W. Bush vereidigt Alan Greenspan am 11. August 1987. US-Präsident Ronald Reagan schaut zu.

Ruhestand ist ein Fremdwort für Alan Greenspan. «Was soll ich denn tun, auf­hören zu denken?», antwortet er jeweils, wenn die Frage in einem Interview aufkommt. So bedeutete der Rücktritt nach beinahe zwei Jahrzehnten an der Spitze der US-Notenbank Fed für ihn nicht Tage voller Tennismatches und Stunden am Piano – zwei seiner liebsten Beschäftigungen. Stattdessen kehrte er 2006 im Alter von 79 Jahren zu dem Beruf zurück, den er vor seiner Beamtenkarriere ausgeübt hatte: Wirtschaftsberater.

Zuerst in seiner eigenen Firma, seit knapp fünf Jahren als Chefberater beim US-Vermögensverwalter ACM. Seine jüngste Analyse erklärt dem Leser das Prinzip des «irrationalen Überschwangs» im Zusammenhang mit dem Kursgewinn der GameStop-Aktien.

Einem Hobby hat er mehr Raum ge­geben, aber nur, um es zur erfolgreichen Nebenkarriere zu machen: Er schreibt, nach eigener Aussage am liebsten in der Badewanne. Daraus sind drei Bücher entstanden, als meistverkauftes die Autobiografie «Mein Leben für die Wirtschaft» und als jüngstes eine geschichtliche Abhandlung über den Kapitalismus in Amerika.

Mit regelmässigen Medienauftritten nimmt Greenspan ebenfalls weiterhin am öffentlichen Diskurs teil, und man hört ihm zu. Im Krisenjahr 2020 schaltete jeden Monat ein anderer US-Fernsehsender ins Wohnzimmer von Greenspan und seiner Frau Andrea Mitchell in Washington DC. Die langjährige Fernsehjournalistin Mitchell moderiert eine nach ihr benannte politische Fernsehshow, die an jedem Werktag ausgestrahlt wird.

In seinen eigenen Fernsehauftritten ­offeriert Greenspan den Zuschauern wenig Hoffnung. Zu Beginn der Pandemie dominierte die Kritik am Trump’schen Krisenmanagement. Im September warnte er auf CNBC vor der Inflation, Monate bevor die Diskussion über steigende Preise breit geführt wurde. Im November sprach sich Greenspan, lebenslang ein Republikaner, auf CNN für das Stimuluspaket der Demokraten aus, das damals erst auf dem Papier existierte.

Seit Bidens Amtsübernahme ist es ruhiger geworden um Greenspan. Wie er Anfang März seinen 95. Geburtstag gefeiert hat, ist nicht bekannt. Vielleicht stand wieder ein mit einer Klarinette dekorierter Kuchen auf dem Tisch, wie vor fünf Jahren. Denn bevor Greenspan Volkswirtschaftslehre studierte und zum weltbekannten Notenbanker wurde, hatte er in Jazzbands gespielt. Während des Zweiten Weltkriegs war er gar am renommierten Juilliard-Konservatorium eingeschrieben.

Statt dem Saxophon treu zu bleiben wechselte er an die Spitze der Macht. Nach der Ernennung zum Fed-Chef durch Ronald Reagan im Jahr 1987 blieb er dort, auch wenn der Mann im Weissen Haus noch drei Mal wechselte. Gleich nach seinem Amtsantritt steuerte er die US-Wirtschaft durch den Börsencrash, dann kam die mexikanische Pesokrise und Ende Neunzigerjahre die Asienkrise. 2000 erhöhte er den Leitzins mehrmals und wurde im Nachhinein für das Platzen der Dotcom-Blase verantwortlich gemacht. In Kombination mit der Implosion des US-Häusermarktes kurz nach seinem Rücktritt brachte ihm das den Spitz­namen Mr. Bubbles ein. Seine Bewunderer nannten ihn hingegen schmeichelnd Maestro oder Rockstar.

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