Was macht eigentlich…

Antonio Di Pietro, italienische Staatsanwaltlegende

Im Mittelpunkt des Mediensturms: Antonio Di Pietro im Jahr 1992 vor dem Justizpalast in Rom.

Als der stellvertretende Staatsanwalt Antonio Di Pietro vor 30 Jahren endlich vom zuständigen Richter das Okay erhält, den Lokalpolitiker und Leiter des grössten städtischen Altersheims in Mailand zu verhaften, tritt er eine juristische Prozesswelle los, die damals wohl niemand so vorausgesehen hatte. Mario Chiesa wird dabei ertappt, wie er umgerechnet knapp 7000 Franken von einem Reinigungsunternehmer aus Monza einsteckt, damit dieser einen Auftrag für das Hospiz erhält. Jener Montag im Februar 1992 ist der Beginn der Operation Saubere Hände, die in den folgenden Jahren Italien erschüttert.

Der sozialistische Regierungschef Bettino Craxi muss zurücktreten und flieht nach Tunesien ins Exil. Die christdemokratische Partei DC, das Machtzentrum Italiens schlechthin, löst sich auf. Manager von Staatskonzernen nehmen sich das Leben. Der Korruptionssumpf ist tief. Bestechungsgelder sind integraler Bestandteil des von den Parteien beherrschten Wirtschaftssystems. Di Pietro ist damals zwar nicht der einzige Staatsanwalt, der ermittelt, aber er ist der erste und der exponierteste unter den Magistraten im Feldzug gegen «Tangentopoli». Bald wird er selbst Ziel von Anschuldigungen und Klagen, mit denen ihn die Gegner persönlich zu desavouieren versuchen. Im Dezember 1994 wirft er das Handtuch.

Er verlässt die Staatsanwaltschaft und wechselt in die Politik. Von einem Haifischbecken in das nächste gewissermassen: Nur verfügt er als Politiker nicht über das notwendige Talent, das ihn als Juristen so weit gebracht hat. Hinzu kommt, dass ausgerechnet der von der Justiz initiierte Umbruch jenen Politiker an die Macht bringt, der in Sachen Korruption neue Standards setzt: Silvio Berlusconi.

Dieser soll Di Pietro zunächst umworben und einen Ministerposten angeboten haben. Aber der Ex-Staatsanwalt schliesst sich der Parteienkoalition unter der Führung des Sozialdemokraten Romano Prodi an. Er wird in den Senat gewählt, wird Minister und gründet eine eigene Partei, Italien der Werte. Der Erfolg stellt sich indes nicht ein. Ursachen dafür gibt es viele, u. a. sein erratischer Führungsstil, aber auch seine verständlichen Ressentiments gegenüber Politikerkollegen, die er kurz zuvor noch wegen Rechtsvergehen als Staatsanwalt verfolgte. Mit ihnen soll er nun Kompromisse schmieden, was er rundweg ablehnt.

2013 tritt er vom Vorsitz seiner auf ein Minimum geschmolzenen Partei zurück. Es folgen vergebliche Comebackversuche. Di Pietro muss feststellen, dass er die Mächtigen im politischen System zum Gegner hat. Er macht das, was vielen seiner politischen Weggefährten nicht gelingt: Er steigt aus der Politik aus und nimmt danach auch keinen gut bezahlten Posten in der Wirtschaft an, sondern er zieht sich ins Privatleben zurück.

In seinem Geburtsort Montenero di Bisaccia, in der süditalienischen Region Molise an der Adria, widmet er sich seither ausschliesslich seinem Bauernhof. Sein Kampf für die Legalität hat tiefe Spuren bei ihm persönlich hinterlassen, aber nur wenige in seiner Heimat. «Wenn ich heute die Zeitung aufschlage, scheint mir, dass sich in Italien nicht viel gegenüber der Lage von vor dreissig Jahren geändert hat», kommentiert der 71-Jährige bitter jenen Jahrestag, der ihn für die Nachwelt zur Legende machte.

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