Was macht eigentlich…

Benedikt Weibel, Ex-CEO der SBB

Zusammen mit dem damaligen Bundesrat Moritz Leuenberger inspiziert Benedikt Weibel (r.) im Mai 1997 den umgebauten Bahnhof Aarau.

Mit einem Funkenschlag begann am 8. März 1994 das schwärzeste Jahr im Leben von Benedikt Weibel. Kurz nach 8 Uhr entgleisten vor Zürich-Affoltern aufgrund eines technischen Defekts mehrere mit Benzin gefüllte Kesselwagen. Das Benzin entzündete sich, es kam zu Explosionen mit bis zu 100 Meter hohen Flammen. Drei Wohnhäuser brannten nieder, drei Menschen wurden schwer verletzt. Wie durch ein Wunder gab es keine Toten.

Für den damals noch frischen SBB-Chef war es die erste grosse Krise. Es sollte nicht die letzte bleiben. Bereits dreizehn Tage später schlitzte im solothurnischen Däniken ein Schienenkran sieben Wagen eines vorbeifahrenden Schnellzuges auf. Neun Menschen starben. Drei Monate später entgleiste in Lausanne ein Güterzug, giftige Chemikalien flossen aus.

Dazu kamen finanzielle Katastrophen. 1995 wuchs das Defizit der SBB auf 0,5 Mrd. Fr. Der Staatsbetrieb, ein Sanierungsfall. «Damals hatte ich zwei Möglichkeiten», sagt Weibel. «Depressiv werden oder etwas unternehmen.» Weibel lancierte ein umfassendes Sicherheitsprogramm und setzte die SBB auf einen harten Sparkurs. Und triumphierte zum Schluss. Heute macht er sich aber keine Illusionen, wie die Geschichte hätte ausgehen können. «Ein CEO könnte sich in einer solchen Situation heutzutage nicht mehr halten», sagt er. Schon damals sei unter Journalisten diskutiert worden, ob man seinen Kopf fordern solle.

Nie hätte Weibel sich vorstellen können, nach seinem Ende bei der SBB selbst zur schreibenden Zunft zu stossen. Doch das Schreiben wurde zur Leidenschaft. Derzeit arbeitet er an seinem sechsten Buch «Warum wir arbeiten, auch morgen noch». Es könnte der Titel seines Lebens sein. 73 Jahre alt, ist der Solothurner neben seinem Engagement als Publizist an drei weiteren Fronten aktiv. Er ist Aufsichtsratsvorsitzender der österreichischen Westbahn. An Hochschulen und Universitäten gibt er Vorlesungen. Und er ist im Komitee des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests, das 2022 in Pratteln stattfindet. Sein Fazit: «Bei mir sieht keine Woche aus wie die andere.»

Weibel schmeckt das. Ans Aufhören denkt er nicht. «Alles eine Frage der Energie», sagt er. Immerhin gönnt er sich ab und zu längere Ferienpausen. Das war nicht immer so. Als er bei der SBB 2008 nach vierzehn Jahren ein letztes Mal als Chef das Büro verliess, dauerte die Auszeit gerade mal eine Woche. Dann übernahm er die Organisation der Fussballeuropameisterschaft 2008. Den Spitznamen «Mister Euro» hat er bis heute.

Konstant ist Weibels Verbundenheit mit der Bahn. «Der emotionale Bezug zur Bahn ist hierzulande ohnehin grösser als sonst wo», sagt er. «Das ist bei mir nicht anders.» Dass sich Kritiker auch über scheinbare Nichtigkeiten wie Verspätungen oder schmutzige Sitze aufregen, kann der Bähnler verstehen. «Die Schweiz hatte schon immer hohe Erwartungen an ihre SBB – das ist ja auch ein Kompliment.»

Aller Schienenliebe zum Trotz macht Weibel dann aber doch ab und zu eine Ausnahme und steigt ins Auto. Dann nämlich, wenn er sich zu seinen ebenso geliebten Bergen aufmacht. In jungen Jahren hat er das Bergführerpatent gemacht. «Heute ist gesundheitlich leider nicht mehr so viel möglich wie damals», sagt Weibel und lacht. «Aber ab und zu eine Skitour liegt immer noch drin.»

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