Was macht eigentlich…

Christoph Meili, Wachmann

Christoph Meili (1997 mit seiner Ex-Frau) wurde für seine Taten heftig kritisiert und bedroht.

Die Affäre beschäftigt ihn bis heute jeden Tag. 24 Jahre nach der verhängnisvollen Nacht im Schredderraum der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG, heute UBS) kämpft Christoph Meili als ­indirekte Folge seines Verhaltens um Anschluss in der Schweizer Jobwelt. Eine ­längere unbefristete Anstellung hat der 53-Jährige seit seiner Rückkehr aus den USA 2009 nirgends erhalten.

Im Gespräch mit der FuW bezeichnet er sich als fleissig und zuverlässig, als vielseitig interessiert. «Ich wurde nie verurteilt und bin kein ­Böser», sagt Meili. «Doch die Arbeitgeber haben mir gegenüber Vorurteile. Sie haben Angst vor einem Reputationsschaden oder trauen mir ethisches Verhalten nicht zu, was natürlich Unsinn ist.»

Bevor sein Leben eine radikale Wende nahm, war Christoph Meili bei der Wache AG angestellt, aber ausschliesslich für die SBG tätig. Es war die Zeit, als sich die Schweiz mitten in der Aufarbeitung ihrer Rolle während der Nazizeit befand. Im ­Dezember 1996 verbot das Parlament die Vernichtung von Akten, die der Nachverfolgung von Vermögenswerten aus dem Holocaust dienten. Meili wusste von diesem Entscheid und entdeckte im SBG-Schredderraum mehrfach relevante Dokumente, die er damit in Verbindung brachte. Der gläubige Christ erachtete es als Zeichen Gottes zu handeln, wie er sagt.

Am 8. und 9. Januar 1997 nahm er 60 Kontoblätter und drei Folianten mit und übergab sie der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, nachdem sein Anruf beim «Tages-Anzeiger» unbeantwortet blieb. Die Brisanz der Dokumente ist bis heute umstritten. Meili sagt, er habe «Hitlers Bedienungsanleitung» gefunden. «Die Unter­lagen beweisen die Beziehung zwischen Schweizer Banken und den Nazis.» Andere Beobachter zweifeln daran.

Für die junge Familie blieb kein Stein auf dem anderen. Meili wurde von der Wache AG freigestellt und nach anfänglicher Anerkennung seiner Tat kehrte die Stimmung im Land. Innert kurzer Zeit wurde Meili vom heldenhaften Whistleblower zum Nestbeschmutzer. Die Familie setzte sich in die USA ab, wo sie politisches Asyl erhielt. Meili setzte sich für die jüdische Klägerschaft in der Auseinandersetzung mit den Schweizer Banken ein.

Im August 1998 einigten sich die beiden Parteien auf eine Zahlung von 1,25 Mrd. $. Meili erhielt 1 Mio., wovon 25% an den später verurteilten US-Anwalt Ed Fagan ging. Beruflich blieb die Situation schwierig, daran konnte auch ein Studium in Kommunikationswissenschaften nichts ändern. Die Familie zerbrach, er verlor zeitweise den Kontakt zu seinen zwei Kindern. Auch eine nächste Ehe, woraus ein weiteres Kind entstand, hielt nur kurz.

Mittel- und perspektivlos kehrte Meili in die Schweiz zurück. Heute lebt er in der Ostschweiz mit seiner dritten Ehefrau. In seiner Freizeit widmet sich der gelernte Radio- und TV-Verkäufer technischen Projekten, etwa dem Bau einer eigenen Solaranlage. Ein wichtiger Fixpunkt ist unverändert die Freikirche.

Derzeit arbeitet er befristet und Teilzeit bei einer Logistikfirma. Den Lohn für das Umladen von ­Reifen bekommt er von Adecco. Ein Teil des Einkommens stammt nach wie vor vom Arbeitsamt. Zum Abschluss des Gesprächs sagt der berühmteste Nachtwächter der Schweiz: «Die Medien waren mitverantwortlich für meinen schlechten Ruf. Aber ich stehe dazu, was ich getan habe. Man hat mir recht gegeben.»

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