Was macht eigentlich…

François Loeb, Ex-Warenhaus-Chef und ehemaliger Nationalrat

François Loeb beaufsichtigt Mitte 1994 den Umbau des gleichnamigen Warenhauses in Bern.

«Kultur ist Ausdruck der Seele»: Einen solchen Satz würde man von einem ehemaligen Unternehmer und Bundesparlamentarier nicht a priori erwarten. Doch Kultur lag François Loeb, während 27 Jahren in vierter Generation umtriebiger Patron des gleichnamigen traditionsreichen Berner Warenhauses, stets am Herzen.

In seiner zwölfjährigen Zeit als FDP-Parlamentarier organisierte er während der Session frühmorgens um sieben jeweils ein «Kulturfrühstück» für Ratsmitglieder, parteiübergreifend. Den Sprung in den Nationalrat habe er, zunächst als Lückenbüsser auf die Liste gekommen, übrigens erst im zweiten Anlauf geschafft, erzählt Loeb schmunzelnd.

In der FDP sei er gelandet, weil sie unkonventionelle Parteimitglieder akzeptiert habe. Ausgefallene Ideen waren auch das Markenzeichen von François Loeb in seiner Zeit als «Warenhäusler», wie er sich mal selbstironisch nannte.

«Pyjama-Party» im Warenhaus

Legendär eine Übernachtungsaktion im Schaufenster oder das Öffnen der Kaufhaustüren eine Minute nach Mitternacht, um das damals strikte Ladenöffnungsgesetz legal zu umgehen. Er selbst war, zusammen mit dem heutigen Bundesrat Ueli Maurer, Teil der «Pyjama-Party», wie das Spektakel später genannt wurde. Auch der Gratiseintritt in sämtliche Berner Kinos zum 100-Jahr-Jubiläum des Warenhauses provozierte Schlagzeilen – und ein Verkehrschaos.

Seinen Beruf übte er mit Engagement und Leidenschaft aus. Bisweilen liess er es sich nicht nehmen, im Abendverkauf an der Kasse zu stehen. Am Schluss verabschiedete er die letzten Kundinnen am Ausgang persönlich.

Nun frönt er der Schriftstellerei, der dritten Berufung in seinem Leben. François Loeb ist gerade auf dem Weg in seine Heimatstadt Bern, wo er sein neustes Werk in einer Buchhandlung vorstellt: «Erinnerungen an Friedrich Dürrenmatt». Mit dem Schriftsteller, Dramatiker und Maler war er freundschaftlich verbunden; mit Erfolg hatte sich Loeb als Nationalrat für die Gründung des Centre Dürrenmatt Neuchâtel eingesetzt.

Dürrenmatt als Schreibpate

Dürrenmatt war es auch, der Loeb zum Schreiben ermunterte. Zusammen mit Franz Kafka zählt Loeb ihn zu seinen Vorbildern, das Groteske und Absurde in ihren Romanen fasziniert ihn.

Die literarische Karriere begann Loeb beim Satiremagazin «Der Nebelspalter» und mit Fast-Read-Romanen in der Wochenendausgabe der NZZ, unter dem Pseudonym Bruno A. Nauser (abgeleitet von «Banauser», wie Loeb schalkhaft erklärt). Danach hat der Berner über dreissig Bücher veröffentlicht, etwa «Parlamentsgeschichten», «Kleinanzeigen» (und was sich hinter ihnen verbirgt) und «Dreisatzromane».

Derzeit arbeitet Loeb an einem «verrückten Projekt», wie er sagt. Im vergangenen Jahr hat er 160 Museen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz besucht, zwischen Mannheim, Metz und Bern. Es habe sich gelohnt, meint er: «Seit der Schulzeit habe ich nicht mehr so viel Neues gelernt.» Geplant ist, seine Beobachtungen als Kurzbeschrieb des jeweiligen Museums, teilweise garniert mit einer Kurzgeschichte, in Buchform zu publizieren.

Loeb mag die Kurzform. Und den Kontakt mit der Leserschaft, den er über die eigene Homepage pflegt: Jeden Donnerstag um 22 Uhr stellt er für die etwa 850 Abonnenten eine Kurzgeschichte aufs Netz, gratis. «Es schreibt mir ständig», sagt er. Meist auf dem Mobiltelefon, zu Hause in einem Weinbauerndorf in der Nähe von Freiburg im Breisgau, im Café oder im Zug, denn: «Ein Tag ohne Schreiben ist ein verlorener Tag.» Nach Süddeutschland ist er seiner Ehefrau gefolgt, die eine Musikprofessur an der Universität Freiburg angenommen hatte.

«Der dritte Lebensabschnitt ist der schönste»

Mit 62 hörte Loeb im Beruf auf. Im Dezember 80 werdend, geniesst er die Freiheit, nicht mehr zu müssen: «Der dritte Lebensabschnitt ist der schönste», betont er. Von der Politik hat er sich «ziemlich abgekoppelt», ein Mal pro Jahr treffe er ehemalige FDP-Bundesparlamentarier. Er nehme aber noch an jeder Volksabstimmung teil.

Am meisten beschäftigt auch ihn die Klimafrage – die man, selbstredend für einen Liberalen, mit marktwirtschaftlichen Instrumenten lösen sollte, «nicht mit der Verwaltungsbürokratie wie in Deutschland». Je länger er im nördlichen Nachbarland lebe, desto mehr sei er ein «Fan des schweizerischen Politsystems». Das deutsche Parlament produziere viel Leerlauf.

François Loeb ist ein inspirierender Gesprächspartner. Die Neugier auf den Gang der Welt ist ihm nicht abhandengekommen, Themen wie künstliche Intelligenz und ihr Einfluss auf den Menschen beschäftigen ihn sehr. Für ihn ist klar: «Wir leben in der spannendsten Zeit seit der ersten industriellen Revolution.»

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