Was macht eigentlich…

Henry Kissinger, ehemaliger US-Aussenminister

Als Aussen­minister im ­Kabinett von US-Präsident Richard M. ­Nixon bereitet Henry Kissinger die ­Öffnung zu China vor.

Die Antwort ist rasch gefunden. Henry Kissinger macht das, was er schon immer gemacht hat: er polarisiert. Davos ist dafür das jüngste Beispiel. Am World Economic Forum erklärte der ehemalige US-Aussenminister via Videoschaltung, dass die ­Ukraine Land abgeben sollte, um den Krieg zu beenden. Zudem warnte er davor, Russland keine «entblössende Niederlage» zuzuführen, da eine solche die langfristige Stabilität von Europa gefährden würde.

Wie erwartet prasselte harsche Kritik auf Kissinger ein. Überraschen darf die Einschätzung des 99-Jährigen aber nicht, denn Kissinger ist ein ausgeprägter Realist. Er sieht das Machtverhältnis zwischen den Ländern als treibende Kraft in den internationalen Beziehungen, und nicht, wie Idealisten, moralische Prinzipien. Die Erklärung findet sich unter anderem in seiner Vita.

Kissinger kommt am 27. Mai 1923 im bayrischen Fürth als Heinz Alfred Kissinger auf die Welt. Als Jude erlebt er Antisemitismus am eigenen Leib. Verprügelt wird er von Nazis oder von Sicherheitsbeamten, als er sich, obwohl für Juden verboten, im Stadion der SpVgg Fürth Fussballspiele des damals erfolgreichen Bundesligisten anschaut. Mit dem Verein, bei dem er in der Jugend gespielt hat, fühlt er sich auch in den USA verbunden. Resultate lässt er sich von der deutschen Botschaft übermitteln, und 1998 wird er Ehrenmitglied von SpVgg Greuther Fürth.

1938 flüchtet die Familie nach New York. Um das Einkommen aufzubessern, arbeitet er in einer Fabrik für Rasierpinsel. Mit zwanzig erhält er die US-Staatsbürgerschaft und wird in die Armee eingezogen. Im Nachrichtendienst macht er eine steile Karriere und ist unter anderem beauftragt, Gestapo-Offiziere zu finden. Zurück in den USA doktoriert er in Politikwissenschaften in Harvard.

Fortan widmet er sich der Aussenpolitik. Er forscht in Harvard und erhält 1959 eine Professur. Gleichzeitig berät er in den Sechzigerjahren die US-Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson in aussenpolitischen Fragen. Ganz nach ­Washington D.C. zieht es ihn 1969. Unter Richard Nixon wird er Nationaler Sicherheitsberater und ab 1973 US-Aussenminister. Den Posten behält er bis 1977 auch unter seinem Nachfolger Gerald Ford.

Damals ist Kissinger der wichtigste Akteur der Weltpolitik: die Öffnung zu China, die Détente mit der Sowjetunion sowie die Nahostpolitik mit dem Ende des Jom-Kippur-Kriegs. Seine Meisterleistung – auch ein Ziel scharfer Kritik – ist aber das Ende des Vietnamkriegs, für den er 1973 den Friedensnobelpreis erhält. Aus Protest treten zwei Mitglieder des Nobelpreiskomitees zurück. Denn nicht nur hat seine Strategie den Krieg um vier Jahre verlängert und zu unzähligen Toten geführt, mit der geheimen Bombardierung von Kambodscha fördert er auch den Aufstieg der Khmer Rouge. Kontrovers sind zudem seine Unterstützung des Militärputsches in Chile 1973 sowie 1976 in Argentinien.

Nach dem Rücktritt als Aussenminister bietet ihm die Universität Columbia eine Professur an, zieht das Angebot aufgrund von Protesten aber wieder zurück. Aktiv bleibt Kissinger aber in Washington. Er berät die Präsidenten Ronald Reagan und George H.W. Bush. Zudem gründet er ein Beratungsunternehmen und bleibt ein gern gesehener Gesprächspartner. Wie zuletzt am WEF.

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