Was macht eigentlich…

Joschka Fischer, ehemaliger Spitzenpolitiker

Ein Foto für die Geschichtsbücher: Joschka Fischer bei seiner Vereidigung zum hessischen Minister für Umwelt und Energie am 12. Dezember 1985. Bild: heinz Wieseler/ DPA/Keystone

Das hätte Joschka Fischer wohl kaum zu träumen gewagt, als er 1983 als Teil der ersten Fraktion der Grünen in den deutschen Bundestag einzog: Gemäss mehreren Umfragen sind die Grünen im Moment die stärkste Kraft in der Bundesrepublik. Fischer war Anfang der Achtzigerjahre massgeblich als Wahlkampfzugpferd der damaligen «Anti-Parteien-Partei» beteiligt. Die Turnschuhe, die er bei seiner Vereidigung in Hessen als erster grüner Minister auf Landesebene trägt, werden zum Symbol für die Andersartigkeit seiner Partei.

Heute trägt Fischer keine Turnschuhe mehr. Für die momentane politische Situation in Deutschland hat er nur ein Kopfschütteln übrig. In einem Sitzungssaal der Privatbank UBP mit Blick über den Zürichsee bis zu den Alpen referiert er über den technologischen Wandel. Falls Europa diesen verschlafe, «wird es einen hohen Preis dafür zahlen».

Auch Fischer hat seinen Preis, gemäss der Referentenvermittlung Speakers Associates kostet ein Auftritt Fischers zwischen 12 500 und 31 200 Fr. Der 71-Jährige jettet nicht nur als Ehrengast von Banken um die Welt, er betreibt auch eine Beratungsfirma. Joschka Fischer & Company beschäftigt heute mehr als fünfzehn Angestellte in Büroräumlichkeiten hoch über dem Berliner Gendarmenmarkt. Sein Unternehmen ist Teil der Albright Stonebridge Group, die von der ehemaligen amerikanischen Aussenministerin Madeleine Albright mitgegründet wurde. «Meine Beratung hier ist Fortsetzung der Aussenpolitik mit anderen Mitteln», hat Fischer dem deutschen Magazin «Wirtschaftswoche» mitgeteilt.

Mit internationaler Politik kennt Fischer sich aus. Unter der Regierung Gerhard Schröders ist er von 1998 bis 2005 Aussenminister und Vizekanzler. Für viele Grüne verrät er als Teil der ersten rot-grünen Koalition auf Bundesebene die Grundwerte der Partei. Allen voran die Ideale von Gewaltlosigkeit und Pazifismus, als er sich für den Nato-Einsatz im Kosovo ausspricht. Auf dem Kosovo-Sonderparteitag in Bielefeld 1999 gipfelt der Protest gegen ihn in einer Farbbeutelattacke. Der daraus resultierende Trommelfellriss hält Fischer nicht davon ab, 2001/2002 Bundeswehrsoldaten in den Afghanistankrieg zu schicken. Erst 2003, als es um die Unterstützung der «Koalition der Willigen» im Irakkrieg geht, tritt die rot-grüne Regierung in die aktive Opposition gegen das Kriegsgebaren der USA.

Für seinen Einsatz in einem anderen Konflikt im Nahen Osten wurde Fischer die Ehrendoktorwürde verliehen. Sowohl die Universität Haifa als auch die Universität Tel Aviv zeichneten ihn aus für seine Verdienste als Vermittler zwischen Palästinensern und Israelis. Der mehrfache Buchautor war nie an einer Universität eingeschrieben. Er brach das Gymnasium ab, um eine Lehre als Fotograf zu beginnen, die er wiederum vorzeitig beendete. Daraufhin war er Taxifahrer, Buchhändler und beteiligte sich an den Studentenprotesten der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre.

Vom damaligen Protest gegen das Establishment ist heute nicht mehr viel übrig geblieben. Seit seinem Rückzug aus der aktiven Politik im Jahr 2005 war Joschka Fischer beratend oder als Lobbyist für Siemens, BMW, Rewe Group sowie die Energiekonzerne RWE und OMV tätig. Für Letztere bewarb er das Nabucco-Pipeline-Projekt auf dem politischen Parkett. Dieses sah eine 3300 km lange Pipeline zum Erdgastransport vom Kaspischen Meer über die Türkei nach Europa vor. Anders als die Nord-Stream-Pipeline, für die Fischers ehemaliger Chef Schröder als Lobbyist wirkte, wurde das Nabucco-Projekt nie fertiggestellt. Der Ruhestand ist für den bereits zum fünften Mal verheirateten Fischer auch heute noch weit entfernt: Dieses Jahr wurde er beim kanadischen Hanfhersteller Tilray Mitglied des internationalen Beirats, der bei der Umsetzung einer «offensiven weltweiten Wachstumsstrategie» helfen soll.

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