Was macht eigentlich…

Kamala Harris, US-Vizepräsidentin

Kamala Harris am 7. November 2020, nachdem sie zur ersten Vizepräsidentin der USA erklärt wurde.

Der 19. November 2021 sah eine Premiere in der bald 246-jährigen Geschichte der USA. Zum ersten Mal erhielt eine Frau die «Kompetenzen und Pflichten» des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Amtsinhaber Joe Biden musste sich einer Darmspiegelung unterziehen, Vizepräsidentin Kamala Harris übernahm interimsmässig die Geschäfte.

Das erste Amtsjahr der 57-Jährigen war voller erster Male. In ihrer Position ist sie die erste Frau, die erste Afroamerikanerin und die erste Amerikanerin mit asiatischen Wurzeln – ihre Mutter stammt aus Indien. Im Wahlkampf schien die Energie der ehemaligen Staatsanwältin von Kalifornien umso gewaltiger im Kontrast zum greisen Joe Biden.

Ein Jahr später sieht das Bild ganz ­anders aus. In Umfragen steht sie noch schlechter da als ihr Chef, der im öffentlichen Ansehen schon so rasch abgestürzt ist wie kaum ein Präsident zuvor. Das liegt zum einen an Harris selbst, zum anderen an ihrem Amt. Viele ihrer Vorgänger verzweifelten schon daran. Es ist «das bedeutungsloseste Amt, das sich ein Mensch je ausgedacht hat» (John Adams, Vize unter Washington). Oder etwas drastischer: «Es ist nicht einen Krug voll warmer Pisse wert» (John Nance Garner, Vize unter Franklin Roosevelt).

Die Stunde, in der aus Unwichtigkeit höchste Bedeutung wird, schlug nur für die wenigsten Vizes, denn Präsidenten sterben selten im Amt und treten kaum vorzeitig zurück. Nur neun von 49 Vizes rückten so an die Staatsspitze. Nur sechs wurden nach ihrer Stellvertreterzeit zum Präsidenten gewählt.

Um sich als Vize auszeichnen zu können, muss man auf einen gnädigen Chef hoffen. Den hat Harris. Biden soll sie in alle wichtigen Entscheidungen miteinbeziehen und hat ihr das Dossier der Einwanderungskontrolle an der US-mexikanischen Grenze anvertraut. Zwar ist das ein jahrzehntealtes politisches Streitthema, aber auch eines, bei dem man sich beweisen könnte. Doch Harris schien hier vergangenes Jahr zu versagen. Im Juni reiste sie nach Guatemala und Mexiko, rief den Leuten in einer Pressekonferenz zu: «kommt nicht zu uns» und sprach davon, dass die Ursachen der Migration herausgefunden werden müssten, als wären die nicht längst bekannt.

Sie wirkte «unvorbereitet, unkonzentriert und unseriös», schrieb das «Wall Street Journal». Diesen Eindruck verfestigen Berichte der «Washington Post» und von CNN, die beschrieben, dass Harris sich nicht ausreichend auf Dinge vorbereiten würde und dann Mitarbeiter dafür verantwortlich mache. Ihr direktes Amtsumfeld sei «dysfunktional und chaotisch», Angestellte würden in Scharen kündigen.

Harris’ Vorteil: Totgesagte brauchen nicht viel, um zu überraschen, und dafür hat sie immer noch drei Jahre Zeit. Vergangene Woche war Harris in New Jersey zu Gast. Die Stadt Newark hat in den letzten Jahren alle ihre Trinkwasser-Bleirohre ausgetauscht und gilt als Modell, wie die Regierung mit 15 Mrd. $ im ganzen Land die giftigen Leitungen ersetzen will.

Bei einem Bürgergespräch versagte einer Betroffenen das Mikrofon. Harris stand auf und reichte ihres. «Über solche Dinge sollte man sich keine Sorgen machen müssen», tröstete Harris. Eine präsente, mitfühlende Politikerin bringt Geld mit, um konkrete Probleme der Bürger anzugehen. Die Szene war politisches Gold. Es könnte der Beginn eines Neuanfangs gewesen sein.

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