Was macht eigentlich…

Mariano Rajoy, Ex-Ministerpräsident Spaniens

Il faut savoir quitter la table, lorsque l’amour est desservi, singt Charles Aznavour: in Würde vom Tisch gehen, sobald einem die Zuneigung entzogen wird. Mariano Rajoy hatte diese rare Grösse: geräuschlos das Pult des Regierungschefs im Moncloa-Palast geräumt, sich neu am Schreibtisch des Grundbuchverwalters in Santa Pola eingerichtet.

Bis zum 1. Juni war Rajoy «Presidente del Gobierno Español» – von der Machtfülle und vom Ansehen her ein gewichtigeres Amt als der Premiersposten in jeder anderen europäischen Monarchie. An diesem Tag stürzte ihn die Linke im Parlament mit einem Misstrauensvotum. Kurz darauf trat Rajoy als Vorsitzender des konservativen Partido Popular sowie als Abgeordneter zurück.

Am 19. Juni schon sichtete ihn die Presse, gewohnt indiskret, an alter Wirkungsstätte, im Städtchen südlich von Alicante. Der Jurist Rajoy hatte nämlich dort vor seiner Berufspolitikerkarriere als «Registrador de la Propiedad» gearbeitet. Dieses Amt verleiht der spanische Staat denjenigen ad personam, die nach dem Universitätsabschluss – den hatte der gebürtige Galizier in Santiago de Compostela erworben – eine anspruchsvolle Prüfung bestehen, die «oposiciones».

Mit nur 24 Jahren war Rajoy seinerzeit der jüngste solcher «Registradores» des Landes. Der Charme dieser Funktion liegt darin, dass sie derjenigen des Notars in manchen Schweizer Kantonen etwas ähnelt: eine Amtsperson zwar, die jedoch auf eigenes Risiko wirtschaftet und den Kunden ihre Dienste in Rechnung stellt. Rajoy dürfte im sonnigen, für Ruheständler und Touristen attraktiven Küstenstädtchen Santa Pola – wo ungleich mehr Immobilienhandel zu verurkunden ist als irgendwo im verschlafenen Hinterland – erheblich besser verdienen als zuvor in der Politik. Er hat denn auch auf das Ruhegehalt verzichtet, das ihm nach sechseinhalb Jahren als Regierungschef zustand, berichtet die Zeitung «El País».

In seinen fast drei Jahrzehnten als nationaler Politiker konnte Rajoy, nun 63, seine Beamtung mit Unternehmenscharakter als Titular ruhen lassen. Ob er nun wirklich an der Costa Blanca bleiben wird? In Spanien ist zu vernehmen, Rajoy habe im Justizministerium um die Versetzung nach Madrid nachgesucht, immerhin lange Zeit sein Lebensmittelpunkt.

Dass er sich in der Metropole als Elder Statesman wieder in die Politik einmischen wird, ist kaum zu befürchten. Rajoy hat weise darauf verzichtet, in seiner Nachfolgeregelung die Strippen zu ziehen (in vorteilhaftem Kontrast zum abwegigen Berliner Glaubenssatz, Merkel müsse ihr Erbe regeln). Der Parteikongress hat nicht Rajoys Vizepremierministerin Soraya Sáenz de Santamaria an die Spitze gewählt, sondern den jungen Pablo Casado.

Der PP geht nun durch die Läuterung der Opposition, was durchaus im Sinn Rajoys sein dürfte. Er wird wohl weder die chronischen Korruptionsskandale noch das dornige Katalonienproblem vermissen, ebenso wenig die Rosskur, die er dem Land während der Finanz- und Wirtschaftskrise zumuten musste. Immerhin, sie wirkt spürbar, das darf Rajoy für sich verbuchen. Ebenso die reibungslose Stabübergabe an Pedro Sánchez. Sollte Rajoy gelegentlich Erinnerungen verfassen wollen, dann vielleicht solche über den Wert stabiler Institutionen.

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