Was macht eigentlich…

Michail Gorbatschow, ehemaliger Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der KPdSU

Eine Zeitenwende: Michail Gorbatschow und Wladimir Putin an einem Empfang im Kreml 2002.

«Mr Gorbachev, tear down this wall!». ­Veränderung liegt in der Luft, als der ­damalige US-Präsident Ronald Reagan im Juni 1987 vor dem Brandenburger Tor in Berlin Michail Gorbatschow, damals ­Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der UdSSR, zur Öffnung auffordert.

Im Westen gilt dieser als Hoffnungsträger. Unter seiner Führung wurden in der Sowjetunion tief­greifende Reformen angestossen. Die Rede war von Glasnost (Offenheit) und Perestrojka (Umbau). Der Gipfel in Genf 1985 zwischen Reagan und Gorbatschow weckte Hoffnung auf ein Ende des Kalten Krieges; zwei Jahre später vereinbarten die USA und die UdSSR die Abschaffung nuklearer Mittelstreckenraketen in Europa.

Zwei Jahre nach dem Auftritt des US-Präsidenten fällt die Berliner Mauer. Unter massgeblicher Beteiligung von Gorbatschow kam es zur Wiedervereinigung Deutschlands. 1990 wurde ihm der ­Friedensnobelpreis verliehen. Die Sowjetunion selbst liess sich dagegen nicht reformieren.

Nach dem gescheiterten Putschversuch im August 1991 erklären sich die Ukraine und andere Republiken für ­unabhängig, Gorbatschow wird de facto durch Boris Jelzin, damals Präsident der ­russischen Teilrepublik entmachtet. Die ­Sowjetunion löst sich auf. Gorbatschow wird zum Präsidenten ohne Land und tritt am 25. Dezember von seinem Amt zurück.

Dass ausgerechnet die Reformgedanken des heute 91-Jährigen Weltgeschichte schreiben würden, war lange Zeit wenig absehbar. Der Bauernsohn aus dem Gebiet Stawropol im Süden Russlands verfolgte eine klassische Funktionärskarriere. Bereits während seines Jurastudiums trat er in die Partei ein. Nach einer steilen Karriere wird das Politbüro in Moskau auf ihn ­aufmerksam.

TV-Aufnahmen zeigen ihn mit dem senilen Parteichef Leonid Breschnew, der seine Rede nur dank der Hilfe von Gorbatschow zu Ende bringt. 1985 wurde er mit 54 als jüngstes Mitglied des Polit­büros zum Generalsekretär der KPdSU und damit Staatschef der UdSSR. Bereits ein halbes Jahr später rief er auf dem Parteitag zu Reformen auf. Der Rest ist Geschichte.

Im Gegensatz zum Westen stehen in Russland selbst viele ihrem früheren Parteichef kritisch gegenüber. Assoziiert wird sein Name in erster Linie mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Für Präsident Wladimir Putin etwa war dies die grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts.

Heute ist es ruhig geworden um den letzten Präsidenten der UdSSR. In den Jahren nach seinem Rücktritt versuchte er ein politisches Comeback, etwa bei der Präsidentschaftswahl 1996. Er gründete eine Stiftung und trat international als Redner auf. Sein Erbe bleibt jedoch umstritten. So verteidigte er die unter Putins Führung erfolgte Krim-Annexion 2014, warnte aber wiederholt vor der Gefahr eines Krieges in Osteuropa. Nach der ­Invasion der Ukraine rief seine Stiftung zu einem Ende der Kampfhandlungen auf, allerdings ohne Putin zu kritisieren.

Zu seinem Geburtstag vor wenigen ­Tagen schwieg das Staatsfernsehen. Fast während der gesamten Pandemie habe Gorbatschow in einem Sanatorium verbracht, erzählte ein Mitarbeiter seiner Stiftung der regierungsnahen «Komsomolskaja Prawda», Gorbatschow leide an ­Diabetes. Sein Erbe und die Perestrojka zu erklären ist ihm aber nach wie vor wichtig. Sein neuestes Buch ist diese Woche ­erschienen.

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