Was macht eigentlich…

Rainer Voss, Ex-Banker

«Das Finanzsystem insgesamt ist nicht stabiler geworden», sagt Voss im ­Gespräch.

Ein verlassenes Hochhaus im Frankfurter Bankenviertel. Draussen ein trüber Wintertag, drinnen geht Rainer Voss durch leere Büroräume und erzählt von seinem früheren Leben als Investmentbanker. Schonungslos geht Voss, der bei grossen ­deutschen Investmentbanken gearbeitet hat, im Dokumentarfilm «Master of the Universe» des deutschen Regisseurs Marc Bauder von 2013 mit der Branche ins ­Gericht. Während 90 Minuten schildert der 60-Jährige seine Sicht auf die Finanzmärkte und die Wirtschaftskrise 2008/09.

Wie aktuell ist seine Kritik heute noch? «Das Finanzsystem insgesamt ist nicht stabiler geworden», sagt Voss im ­Gespräch, obwohl auf regulatorischer Ebene einiges umgesetzt worden sei. Zum Beispiel die Bankenunion: Wäre ihm vor einigen ­Jahren gesagt worden, dass es in Europa heute so etwas gibt, er hätte es nicht ­geglaubt. Trotzdem, die globale Verschuldung ist seit der Krise weiter gestiegen. Die verbliebenen Banken sind grösser und untereinander noch stärker verbunden. Der ehemalige Banker ist skeptisch, ob Europa dank der nach der Krise ein­geführten Regulierungsvorschriften tatsächlich eine neue Krise verhindern kann. «Es ist viel eher darum gegangen, Regeln für eine bereits bestehende Krise zu schaffen, nicht darum, den Ausbruch einer neuen zu verhindern.» Als Gegner der Banken und des Finanzsystems will sich Voss aber nicht verstanden wissen.

Es gäbe aber noch einiges zu tun für die Politik, etwa eine europaweite Einlagen­sicherung. Auch für die Bewältigung ­aktueller Herausforderungen ist ein funktionierender Kapitalmarkt wichtig. «Aktivistische Investoren könnten zum Beispiel eine wichtige Funktion bei der Energiewende einnehmen.» Voss selbst ist 2008 aus der Branche ausgestiegen. Heute ist er als Privatier tätig. Er publiziert und hält Vorträge an Universitäten. Investiert er denn selbst noch am Finanzmarkt? «Ich bin ein furchtbar schlechter Anleger.» Als er seine Investments nach zehn Jahren durchgerechnet hat, sei er in etwa auf die Rendite von Bundesanleihen gekommen. Bei vielen Anlegern ist es wie mit Glücksspielern im Casino. Sie erinnern sich ihr Leben lang an die 3000 Fr., die sie gewonnen haben, die 8000 Fr. Verlust vergessen sie dagegen sofort. Einfach ist ihm der Abschied vom Investment Banking trotzdem nicht gefallen. «Ähnlich wie bei einem Entzug», sei das gewesen, er habe auch psychologische Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Was würde er denn einem Universitätsabsolventen raten, der sich einen Einstieg ins Investment Banking überlegt? Für den Job müsse man einiges aufgeben, sagt Voss, und zwar trotz der ­hohen Entlohnung.

Mit der Zeit lebe man wie in einer ­Parallelwelt, die Branche ist ein geschlossenes System, das sich immer weiter von der Wirklichkeit entfernt. Sich selbst nimmt er davon nicht aus. «Man macht sich deshalb auch keine Gedanken, ob die Deals, die man während der Arbeit abschliesst, irgendwelche negativen Auswirkungen auf die Aussenwelt haben.» Schliesslich gehöre man fast wie zu einem eigenen Stamm. Das erstreckt sich auch auf die eigene Familie. Die Kinder ­besuchen denselben Kindergarten, man fährt an dieselben Orte in den Urlaub wie die Kollegen. Und auch heute noch haben ­gewisse Gewohnheiten Bestand. Am Morgen kontrolliert Voss als Erstes die Kurse an den Finanzmärkten.

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