Was macht eigentlich…

Tim Berners-Lee, Erfinder des World Wide Web

Tim Berners-Lee ist zum Zauberlehrling geworden, der versucht, die Macht der Konzerne im Web einzuschränken.

Ohne Tim Berners-Lee wäre die Welt heute eine andere: kein Google, kein Online Banking, kein Wikipedia und auch kein Facebook. Der Physiker, Informatiker und seit 2004 Träger des britischen Ritterordens gilt als Erfinder des Word Wide Web. Das «Time Magazine» zählt ihn zu den hundert wichtigsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Ohne seinen Erfindergeist und seine Freigiebigkeit wäre das Internet wahrscheinlich eine Spielwiese für Wissenschaftler geblieben.

Doch heute, mehr als dreissig Jahre nach seiner bahnbrechenden Innovation, findet Berners-Lee, dass die Online-Welt in die Irre gegangen sei. «Trotz all des Guten, das wir erreicht haben, hat sich das Web zu einem Motor der Ungerechtigkeit und der Spaltung entwickelt, beherrscht von mächtigen Kräften, die es für ihre eigenen Ziele nutzen», hat er anlässlich der Gründung des Start-up Inrupt geschrieben, für das er als Chief Technology Officer arbeitet. Er wolle nun ein Web schaffen, wie er es ursprünglich vor Augen gehabt habe.

Die mit 20 Mio. $ Risikokapital ausgestattete Inrupt soll eine von Berners-Lee entwickelte Open-Source-Software namens Solid verbreiten, die Webnutzern die Souveränität über ihre persönlichen Daten sichern soll.

Der 1955 in London geborene Berners-Lee kam Mitte der Achtzigerjahre als Stipendiat an das europäische Forschungszentrum Cern in der Nähe von Genf. Er ärgerte sich über die chaotischen Zustände bei der digitalen Kommunikation. Die rund 4000 Mitarbeiter nutzten unterschied­liche Computer, verschiedene Dateiformate und unzählige Programme. Digitale Daten liessen sich nur mit grossem Aufwand austauschen, wenn überhaupt. ­Zudem war die Personalfluktuation, wie in Forschungseinrichtungen üblich, sehr hoch. Ständig ging daher Wissen verloren.

Berners-Lee veröffentlichte 1989 einen Aufsatz mit dem Titel «Informationsmana­gement: Ein Vorschlag». Er beschreibt darin ein System, mit dem elektronische Dokumente auf allgemein zugänglichen Servern gespeichert und mit Links verknüpft werden. Das Prinzip des World Wide Web war geboren. In der Folge entwickelte er zusammen mit Kollegen die Hypertext Markup Language (HTML), mit der Webseiten erstellt werden. Dazu das Protokoll, dem Computer folgen müssen, um am Datenverkehr im Web teilnehmen zu können, einen Browser und das Adressformat für Webseiten. Ende 1990 ging die erste Webseite online: http//info.cern.ch.

Berners-Lee sah auch ausserhalb des Cern grossen Bedarf an seiner Technologie und entschloss sich zu einem epochalen Schritt. Statt die Software zu patentieren und sich die Rechte an der Technologie zu sichern, verschenkte er seine Idee. Am 30. April 1993 veröffentlichte das Cern den Softwarecode, und Berners-Lee wurde kein reicher Mann. Stattdessen explodierte das Web, veränderte die Welt und machte Menschen zu Milliardären, die das Potenzial des Web früh erkannten und als Basis für ihre Unternehmen nutzen.

Heute ist Sir Tim Direktor des World Wide Web Consortium (W3C), einer 1994 gegründeten Organisation für Web-Standards. Gleichzeitig ist er Direktor der WebFoundation, die sich seit 2009 für ein freies und offenes Web für alle einsetzt. Die Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Web als öffentliches Gut und Grundrecht zu fördern.

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