Was macht eigentlich…

Vreni Spoerry, Ex-FDP-Politikerin

Vreni Spoerry (links im Bild) im Juni 2001, im Gespräch mit der damaligen Bundesrätin Ruth Metzler.

Horgen Oberdorf, ein nasser Herbsttag am linken Zürichseeufer, wo der alte Saumpfad der Fugger über den Hirzel in Richtung Gotthard führt. Hier wohnt – zusammen mit ihrem Ehemann – Vreni Spoerry, die Grande Dame der FDP, Alt-National- und Ständerätin und ehemalige Verwaltungsrätin von namhaften Unternehmen wie Schweizerische Kreditanstalt, Zürich Versicherung, Nestlé und Swissair. «Ohne den Gotthard wäre die Schweiz sicher nicht, was sie heute ist», sagt sie.

Politisch und wirtschaftlich hat Spoerry eine grosse Karriere hinter sich, die sie gerne als zweiten Bildungsweg bezeichnet. Keine spezifische Frauenpolitikerin, aber früh an finanz- und wirtschaftspolitischen Fragen interessiert, hatte sie den Mut, unbekannte Wege auszuprobieren. «Ich war ausschliesslich Hausfrau und Mutter, als ich 1974 für ein Amt in der Rechnungsprüfungskommission von Horgen angefragt wurde.»

Unterstützt von ihrem Mann wagte sie den Sprung ins Unbekannte und stellte bald fest, dass auch Männer nur mit Wasser kochen. Rasch ging es vorwärts. In jenen Zeiten sprach man noch nicht über die zahlenmässige Gleichstellung der Frauen. «Heute wundere ich mich manchmal, dass man in der gegenwärtig laufenden Diskussion kaum über die Biologie spricht. Der Aufbau einer Karriere und einer Familie fallen ungefähr in dieselben zwanzig Lebensjahre – und in diesen ist die Frau, die die Kinder austrägt, gebärt und stillt, eindeutig stärker beansprucht als der Mann.»

Spoerry, gebürtig Toneatti, entstammt einer Familie, die in der Bauwirtschaft tätig war. Das über hundertjährige Unternehmen wurde 2001 verkauft, weil sich keine familieninterne Nachfolge finden liess. Sie freut sich, dass der Name bis heute weitergeführt wird und das Geschäft offensichtlich gut läuft. Heute ist ihre Arbeit wieder näher jener zu Beginn ihrer Ehe. Sie ist erneut Hausfrau und freut sich an den drei Enkelkindern – an Max, der beginnt, sich um seine berufliche Zukunft zu kümmern, dem Sonnenschein Ladina und dem Energiebündel Raoul.

Politisch hat sie Bern definitiv hinter  sich gelassen. Wenn sie am Bundeshaus vorbeikommt, wundert sie sich, dass sie dort während zwanzig Jahren ein- und ausging. Jetzt besucht sie es höchstens noch zusammen mit einer Gruppe von Frauen. Gerne macht sie noch in der FDP Horgen mit. Dort fühlt sie sich zu Hause.

«Ich bin etwas besorgt, ob es uns gelingt, unser einmaliges politisches System unbeschadet in die Zukunft zu bringen.» Dazu bräuchte es Toleranz, Augenmass, Realitätssinn und echte Kompromisse, wo jeder anerkennt, nicht die ganze Wahrheit zu haben, und einen Schritt auf den anderen zugeht, damit im Resultat jeder etwas von seiner Wahrheit findet.

Ein interessanter Zeuge der Schweizer Geschichte ist das bis Ende des Zweiten Weltkriegs genutzte Braunkohlewerk von Horgen, wo der gewaltige Ausbau des Sozialstaates sichtbar wird. Damals gab es keine Altersvorsorge, keine Krankenversicherung und keine Witwenrente, und die Arbeiter waren selbst verantwortlich für ihre Sicherheit während der zwölfstündigen Schichten. Die Vergangenheit ist vorüber, aber der persönlichste Schicksalsschlag bleibt Vreni Spoerry ewig gegenwärtig – der viel zu frühe Unfalltod ihres Sohnes Kaspar im Alter von knapp einundzwanzig Jahren.

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