Was macht eigentlich…

Theresa May, ehemalige britische Premierministerin

Theresa May sitzt im House of Commons nun auf den hinteren Bänken, ergreift aber dennoch ab und zu das Wort.

Auf der Insel trägt sie gerne schrille Pumps – in den Ferien, oft in Zermatt, eher Wanderschuhe: Theresa May, seit gut zwei Jahren britische Premierministerin a. D., hat jetzt mehr Zeit für die Schweiz, rein touristisch, weit weg von jeder Politik. Lady May (demnächst 65) und ihr Gatte Sir Philip – die Huld der Krone ist dem ehemaligen ersten Ehepaar der britischen Politik mit der Adelung erwiesen worden –  verbringen ihre Ferien seit Jahren vorzugsweise in den hiesigen Bergen, was sie selbstredend ganz besonders sympathisch macht.

In einem ihrer ersten Interviews nach dem tränenreichen Abschied aus 10, Downing Street im Juli 2019 sagte May, sie werde keinesfalls Memoiren verfassen, und sie habe auch kein Tagebuch hierzu geführt. Viel lieber wäre es ihr, einen Krimi zu schreiben, und zwar inspiriert von der Erstbesteigung des Matterhorns durch ihren Landsmann Edward Whymper 1865 bzw. vom tragischen Absturz von vier der sieben Mann aus Whympers Seilschaft. Die strafrechtliche Untersuchung konnte damals den Verdacht nicht erhärten, Whymper habe das Seil durchgeschnitten.

Dass die Seilschaften der Tories nicht immer verlässlich sind und Intriganten schon mal heimtückisch eine Leine kappen, ist offenkundig. May, die im Juli 2016 nach dem Ja im Brexit-Referendum David Cameron abgelöst hatte, scheiterte letztlich an der aussen-, innen- und parteipolitisch überaus kniffligen und folgenschweren Herauslösung des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union; ihre Deals mit Brüssel brachte sie im Parlament nicht durch, und Parteifreunde wie Boris Johnson waren und sind, nun ja, beschränkt loyal und nicht wirklich Freunde.

May ist auf die MP-Gage von rund 82 000 £ nicht angewiesen, denn anderweitig verdient sie ein Mehrfaches: Sie hält fleissig Reden – verbürgt sind etwa Auftritte in Zürich, Atlanta, Dubai oder San Antonio – und kassiert dafür sechsstellige Honorare. Das machen auch ihre Vorgänger Cameron, Blair und Brown so, also Tory- wie Labour-Veteranen. Zudem wird Philip May als Investmentmanager beim amerikanischen Finanzkonzern Capital Group kaum kärglich gehalten sein.

Die beiden, die keine Kinder haben, residieren im altenglischen Idyll Sonning, in Mays Wahlkreis. Offenbar eine bevorzugte Wohngegend: Hollywood-Star George Clooney hat dort eine Bleibe, ebenso die unterdessen ruhe-, doch sonst alles andere als bedürftigen Rockmusiker Jon Lord (Deep Purple), Jimmy Page (Led Zeppelin) und Ric Lee (Ten Years After).May, Tochter eines anglikanischen Pfarrers, besucht regelmässig Gottesdienste in der Dorfkirche St. Andrew’s. Sie mag, «very british», das für Kontinentaleuropäer unenträtselbare Cricket, und sie rühmt sich des Besitzes vieler Kochbücher – was Theresa May daraus am heimischen Herd so kreiert, entzieht sich dem potenziell lästerlichen Festländerurteil.

Unlängst hat May im Unterhaus das Debakel des Westens in Afghanistan scharf kritisiert. Überhaupt ist es gar nicht so, dass ihr Nachfolger immer auf Mays Stimme zählen kann, im Gegenteil; da sind zu viele Rechnungen offen. Immerhin hat May in Verteidigungsminister Ben Wallace einen resoluten Förderer: Er empfiehlt sie wärmstens als Nachfolgerin für Jens Stoltenberg, der in einem Jahr sein Amt als Generalsekretär der Nato zur Verfügung stellen wird.

Manfred Rösch

, Closing Bell / Was macht