Zum Thema: Die Blockchain steht vor der Bewährungsprobe

Was mit Blockchain alles möglich ist

Vier Beispiele wie Start-ups und etablierte Finanzdienstleister zeigen, wie die Technologie konkrete Verbesserungen bringen kann.

Valentin Ade und Alexander Trentin

Everledger
Börsen
Ripple
Ethereum

Everledger

Leanne Kemp sagt dem Handel mit Blutdiamanten den Kampf an. Ihre Waffe: die Blockchain. Die Australierin ist Gründerin und CEO von Everledger. Das Unternehmen, das erst vor rund einem Jahr in London aus der Taufe gehoben wurde, hat mittlerweile rund 1 Mio. Diamanten in seiner Blockchain registriert. Damit hat Kemp ein fälschungssicheres, für alle einsehbares Register geschaffen, das es erlaubt, jeden Diamanten darin jederzeit zu identifizieren.

Wenn es um Edelsteine oder grundsätzlich um Luxusgüter wie Schmuck oder Kunst geht, heisst das Zauberwort Provenienz, erklärte Kemp unlängst auf der Veranstaltung Fintech 2016 von «Finanz und Wirtschaft». Provenienz bezeichnet die Herkunft und den Werdegang eines Gegenstandes, was untrennbar mit dessen Wert verbunden ist. Beispielsweise gewinnt ein Gemälde an Wert, wenn es in einer bekannten Galerie oder einem grossen Museum ausgestellt wird.

«Heute ist Provenienz immer noch auf Papier festgehalten», sagt Kemp: Das Echtheitszertifikat eines Rembrandt oder die Kaufquittung einer Uhr von Patek Philippe. Papier kann allerdings verloren gehen oder gefälscht werden. Und Diamanten können schlicht gestohlen werden – die Provenienz lässt sich kaum mehr ermitteln. So wurden etwa im Londoner Diamantendistrikt vergangenes Jahr Edelsteine, Schmuck, Uhren und Bargeld im Wert von 200 Mio. £ gestohlen. Ein einträgliches Geschäft für Hehler.

Hier tritt Everledger auf den Plan. Kemp hat Beziehungen zu den grossen Zertifizierungshäusern der Welt in den USA, Indien, Israel und Belgien etabliert. Dort werden die Edelsteine klassifiziert, zertifiziert und bekommen eine Seriennummer. Diese wird in die Blockchain eingeschrieben, zusammen mit einem digitalen Abbild des Diamanten. «Das ist wie ein Fingerabdruck», sagt Kemp. Täglich geschieht das rund tausendmal. So bleibt der Stein identifizierbar, selbst wenn die Nummer durch einen Laser entfernt wird. «Wir wissen dadurch, wenn Diamanten auf digitalen Marktplätzen gekauft und verkauft werden», sagt Kemp.

Doch nicht nur die Handelshäuser hat Everledger auf sich aufmerksam gemacht. Das Unternehmen arbeitet mit Interpol und Europol in der Bekämpfung des Schwarzmarkthandels zusammen. Versicherungen wollen die Dienste nutzen, um Betrüger zu erkennen. Banken bauen Everledger im Prozess der Finanzierung der Diamantenbranche ein.

«Wir fokussieren uns auf eine ethische Versorgungskette», sagt Kemp. Ihre Blockchain soll dem Handel mit Blutdiamanten den Garaus machen, indem die Edelsteine von Beginn an identifizier- und nachverfolgbar werden. Zwar gibt es ein internationales Konsortium von 54 Ländern, die im sogenannten Kimberley-Prozess den Handel mit Blutdiamanten verhindern wollen. Die Versorgungskette der Edelsteine sei aber immer noch wenig transparent, sagt Kemp. Das mache Diamanten ideal für Geldwäscherei. Ihre Blockchain soll den Schleier über der Kette lüften und, neben der Bekämpfung der Kriminalität, Diamanten zu einem besseren Investmentvehikel machen. Denn durch die Intransparenz im Diamantenmarkt gibt es bis heute keine Wertschriften auf die Edelsteine. «Wir können hier grosse Werte erschliessen», sagt Kemp.

Doch die Diamenten sollen erst der Anfang sein. «Alles mit einer Seriennummer kann in die Blockchain eingespeist werden», sagt Kemp. (VA)

 

Börsen

In Australien wird soeben versucht, den Börsenhandel zu revolutionieren. Die Börsenbetreiberin in Sydney, ASX (Australien Securities Exchange), ist dabei, ihr System für den nachbörslichen Handel, das sogenannte Post-Trading, zu erneuern. Das Mittel dazu ist die Blockchain. Das könnte ein erster Schritt sein, das Finanzsystem in einer Weise zu verändern, wie es die E-Mail mit dem Briefverkehr getan hat, sind die Analysten von Morgan Stanley (MS 96.29 -0.32%) überzeugt. Beim Post-Trading-Prozess vergleichen Käufer und Verkäufer die Details ihres Handels, stimmen der Transaktion zu, tauschen Besitzinformationen aus und arrangieren den Transfer von Wertschriften und Geld.

Heute wird dieser Prozess unter anderem mit den Systemen der Börsen dieser Welt abgewickelt. Die Blockchain-Technologie könnte theoretisch diese zentralen Instanzen überflüssig machen. Die gesamte Wertschöpfungskette eines Börsenunternehmens – Handel, Clearinghaus, Wertschriftenverwahrung, Registratur und Dienstleistungen für Emittenten – läuft Gefahr, durch die Blockchain pulverisiert zu werden. Ein globales Umsatzvolumen von 750 Mrd. $ (rund 10% davon erwirtschaftet das Post-Trading) könnte implodieren.

Angesichts dieser Aussichten ergreift ASX die Flucht nach vorn. Mit ihrer Post-Trading-Blockchain, die sie bis Mitte 2017 implementieren will, kann sie nicht nur Kosten reduzieren, sondern auch ihr Monopol auf dem Kontinent verteidigen. Diejenigen Börsenbetreiber, die mit der Blockchain vorweggehen, können sich neue Einnahmen erschliessen, sagen die Analysten von Morgan Stanley. Jene, die zurückbleiben, werden Probleme mit ihrem Geschäftsmodell bekommen.

Doch nicht nur «Down under» experimentieren die alten Handelsplätze mit dieser neuen Technologie – auch wenn die Australier dabei am weitesten gehen. Fast jeder Börsenbetreiber in den USA und Europa unterhält zumindest ein Projekt, mit dem er sich vorsichtig an die Blockchain herantastet.

Auch die Schweizer SIX Group. In ihrem Innovationsbrutkasten F10 (so genannt, weil die Räumlichkeiten an der Förrlibuckstrasse 10 in Zürich liegen) entwickelt sie einen Blockchain-Prototypen. Den grossen Wurf wie in Australien wagt die heimische Börsenbetreiberin allerdings nicht. Die Blockchain soll hier im Geschäftsbereich Financial Information, konkret beim Austausch von Finanzdaten und der Abbildung von Wertschriften zum Einsatz kommen. Wann genau, steht aber noch nicht fest. Für einen Einsatz im Post-Trading herrschen bei der SIX noch einige Vorbehalte. Wenn eine zentrale Abwicklungs- und Aufsichtsinstanz entfällt, was passiert dann beispielsweise beim Konkurs einer Vertragspartei?

Ähnliche Bedenken formuliert die Europäische Zentralbank (EZB). Sie räumt zwar ein, dass die Blockchain im Börsenhandel die Kosten senken sowie die Prozesse vereinfachen, beschleunigen und transparenter machen könnte. Doch würden gewisse Funktionen «immer von Institutionen ausgeführt werden müssen», schreiben die Autoren der EZB in einem aktuellen Diskussionspapier. Angesichts dieser Vorbehalte und der hohen Regulierungsdichte auf dem Gebiet klingt eine komplett offene Architektur zum Austausch von Informationen und Wertschriften heute noch utopisch. Aber schliesslich setzte sich die E-Mail auch nicht von heute auf morgen durch. (VA)

 

Ripple

Geld in ein anderes Land und eine andere Währung zu überweisen, dauert lange und ist teuer. Dazu braucht es manchmal eine ganze Kette von Finanzinstituten. Banken könnten hier dank einer Blockchain-Plattform bis zu 60% sparen – meint zumindest der Anbieter der Software, Ripple. Das in San Francisco ansässige Unternehmen ist in der Zeitrechnung der Fintech-Szene (Financial Technology) ein alter Hase.

Schon 2012 stellte Ripple ein internationales Netzwerk vor, das Transaktionen von einer Währung in eine andere günstiger ohne zentrale Stelle abwickeln kann. Nach Unternehmensangaben arbeiten zehn der fünfzig grössten Banken der Welt mit Ripple. Sechzig Länder seien durch das Ripple-Netzwerk schon erreichbar.

Einer der wichtigsten Vorteile ist die sofortige Abwicklung von Devisentransaktionen. «Ripple ermöglicht Finanzinstituten grenzüberschreitende Zahlungen in fünf bis zehn Sekunden», erklärte der Ripple-Manager Ryan Zagone in einer Stellungnahme gegenüber US-Kongressabgeordneten Ende Mai. Dagegen dauern Überweisungen über das Bitcoin-Netzwerk zehn Minuten.

Neben den offensichtlichen Gebühren könnten so auch verborgene Kosten reduziert werden. Laut Angaben von Ripple entstehen 80% der effektiven Tauschkosten für Grossunternehmen dadurch, dass Kapital gebunden ist. Es befindet sich im Transfer oder liegt ungenutzt auf ausländischen Konten.

Zagone verteidigt, dass die Banken bei Ripple weiterhin Mittelsmann sind – und nicht die Konsumenten direkt wie bei Bitcoin (Bitcoin 37'927.00 -4.59%) die Zahlungen ausführen. «Dadurch bleiben die bisherigen Regeln des Konsumentenschutzes anwendbar und unverändert. So ist es eine sicherere Anwendung eines dezentralen Zahlungssystems.» Damit würde auch die bestehende Finanzregulierung nicht untergraben werden. «Es ist schwierig, die Identität von Nutzern von Bitcoin herauszufinden, dagegen müssen Finanzinstitute bei Ripple ständig Know-Your-Customer-Regeln und Geldwäschevorschriften beachten», schreibt Zagone.

Die Blockchain von Ripple registriert nicht nur schon getätigte Devisentransaktionen. Die Blockchain selbst ist der Handelsplatz, denn der Umtausch der Währungen läuft über das dezentrale Register. So werden die aktuellen Geld- und Briefkurse in die Blockchain geschrieben. Automatisch wird so vom Netzwerk festgestellt, wo sich Angebot und Nachfrage treffen und der Umtausch der Währung durchgeführt.

Für das Ripple-Netzwerk wurde eine eigene Blockchain-Währung geschaffen. Der Ripple ist einerseits die Heimwährung des Netzwerks. Als Ankerwährung kann er das Geldwechseln effizienter machen. Will man in eine selten gehandelte Währung tauschen, könnte man sie erst in Ripple wechseln.

Doch notwendig ist das nicht unbedingt. Ein spezifischer Zweck der Währung ist der Spam-Schutz. Jede Transaktion muss mit ihr «frankiert» werden. Hat sich ins Ripple-Netzwerk ein Hacker eingeschleust und will es durch sehr viele Anfragen ausser Gefecht setzen, kann der Preis nach oben gesetzt werden. Dadurch kann die Attacke schnell begrenzt werden. Der Umlauf an «Ripples» hat einen Wert von aktuell rund 250 Mio.  $. Damit liegt die Valuta auf dem vierten Platz der Digitalwährungen. Auf Platz zwei, hinter Bitcoin, befindet sich eine andere Währung mit einer eigenen Funktion: die Ether.  (AT)

 

Ethereum

Er ist der Superstar der Blockchain-Szene: der 22-jährige, in Russland geborene Vitalik Buterin. 2014 stellte er seine Idee vor: Man könne nicht nur Währungen und Besitztümer in der Blockchain ablegen – sondern ganze Computerprogramme. Ethereum wurde so geboren. Heute treibt Buterin im Stiftungsrat der Ethereum Foundation die Entwicklung voran. Der Sitz der Stiftung ist in Baar (Zug).

Obwohl schon Hunderte Programme über Ethereum – dezentrale Applikation oder Dapps – gebaut wurden, sind die Auswirkungen noch nicht abzuschätzen. Denn ein Programm auf der Blockchain läuft unabhängig von menschlichem Einfluss, nachdem es in die Wildbahn ausgegeben worden ist.

Viel verspricht man sich von Smart Contracts, intelligenten Verträgen. Ein Vertrag, der über Ethereum aufgesetzt ist, kann seine Erfüllung selbst überwachen. Ohne Gericht oder Anwalt überprüft das Computerprogramm in der Blockchain, ob Bedingungen eines Vertrags erfüllt wurden. So sind Versicherungsverträge denkbar, die im Schadenfall sofort und automatisch auszahlen. Im «Internet of Things», wenn Haushaltgeräte per Internet verbunden sind, könnten Transaktionen ohne menschliches Zutun abgewickelt werden.

Einen ersten Schritt dazu will der Start-up Slock.it  anbieten. Dank Ethereum soll Zugriff auf Objekte in der realen Welt gesteuert werden. Solche Objekte nennt man dort «Slocks». Der Eigentümer des Objekts würde zuerst einen Preis für die Entsperrung festlegen. Ist jemand interessiert, könnte er per Ethereum auf dem Mobiltelefon für die Nutzung bezahlen und das Objekt nutzen. Dank des Smart Contracts würde das ohne zentrale Instanz oder menschliches Zutun gehen.

Für die Bezahlung im Netzwerk hat Ethereum eine eigene Währung, den Ether, geschaffen. So müssen die Dapps für die von ihnen genutzte Rechenkapazität bezahlen. Die wachsende Beliebtheit von Ethereum zeigt die Aufwertung des Ethers. Mit einem Gesamtwert von 1,4 Mrd. $ liegt er nun auf dem zweiten Platz der digitalen Währungen hinter Bitcoin.

Das Prinzip der intelligenten Verträge wurde dieses Jahr auf die Spitze getrieben. In der bislang grössten Crowdfunding-Kampagne – in der von vielen einzelnen Investoren Startkapital gesammelt wurde – konnte die erste DAO in der Blockchain geschaffen werden. DAO steht für dezentralisierte autonome Organisation, eine Firma, die ohne Angestellte auskommen soll.

Die Logik der DAO ist auf der Blockchain hinterlegt. Die Eigentümer sollen über Vorschläge abstimmen, in was für Projekte investiert wird. Die autonome Organisation führt dann ohne menschliche Leitung die Entscheidungen aus. Selbst kann sie nichts produzieren, aber sie heuert menschliche Auftragnehmer an.

Buterin verteidigte derartige autonome Konstrukte vergangenes Jahr im Interview mit FuW: «Die Blockchain an sich hat keine Macht. Es ist nur eine Plattform, über die Leute zusammenarbeiten können.» Jede Aktion in der Blockchain werde im Grunde durch Menschen ausgelöst.

Wie experimentell die neue Technologie trotz aller Sicherheitsversprechungen aber noch ist, hat sich am 17. Juni 2016 gezeigt. Die DAO wurde gehackt, 50 Mio. $ an Ether wurden entwendet. Die autonome Organisation wird nach Auskunft eines Initianten aufgelöst. Aber auch wenn Ethereum scheitern sollte, wird an intelligenten Verträgen weiter geforscht. (AT)