Meinungen

Was Robo Advisors noch nicht können

Mit Robo Advice dringt künstliche Intelligenz in die Anlageberatung und die Vermögensverwaltung vor. Noch ist es aber keine echte Alternative zur menschlichen Beratung im Private Banking. Ein Kommentar von Teodoro D. Cocca.

Teodoro D. Cocca
«Nicht alles, was technisch möglich sein wird, wird der Kunde automatisch bevorzugen.»

Die Verheissungen der neuen digitalen Finanzwelt sind zurzeit in aller Munde. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft aber gerade beim Thema Robo Advice eine ernüchternde Lücke auf. Ein Robo Advisor wird als Online-Plattform definiert, die automatisierte Anlageberatung auf Basis von Algorithmen anbietet.

Die Anlagebedürfnisse und die Risikobereitschaft des Kunden werden dabei über einen Online-Fragebogen erfasst. Daraus wird ein Musterportfolio (meistens bestehend aus ETF) abgeleitet, das mit wenigen Mausklicks direkt bei einem angeschlossenen Broker gekauft werden kann. Je nach Ausgestaltung des Angebots wird in zeitlichen Abständen ein vollautomatisches Rebalancing durchgeführt, die Anteile der verschiedenen Fonds werden auf ihre Ausgangsquote zurückgesetzt.

In einem gewissen Sinne ähnelt ein derartiges Angebot einem kostengünstigen Vermögensverwaltungsmandat, bei dem die Vermögensveranlagung diskretionär im Auftrag des Kunden (automatisch) im Hintergrund durch den Vermögensverwalter durchgeführt wird und der Kunde sich nicht um Umschichtungen kümmern muss.

Genau betrachtet handelt es sich bei Robo Advice aber weder um einen Robo noch um die Erbringung von Advice (dt. Beratung). Versteht man unter einem Robo eine Maschine, die der menschlichen Gestalt nachgebildet ist (Humanoid), dann hat das nichts mit den heutigen Angeboten zu tun. Von Advice zu sprechen, erscheint auch nicht präzise. Die Beratung vermögender Privatkunden ist mehr als die Verknüpfung eines Fragebogens mit einem Dutzend möglicher Anlageprodukte. Beratung bedeutet nicht nur, Handlungstechniken zu beherrschen, sondern ist eine immer wieder kontextuell herzustellende Mischung aus Handlungs- und Reflexionskompetenz.

Retailkundschaft im Visier

Die durchschnittliche Portfoliogrösse bei den beiden grössten US-Robo-Advisors wie Betterment (7 Mrd. $ Kundenvermögen) oder Wealthfront (5 Mrd. $ Kundenvermögen) bewegt sich in der Grössenordnung von 20 000 bis 40 000 $. Die Zahlen für Anbieter im deutschsprachigen Raum sind sehr ähnlich. Es ist ferner zu beobachten, dass bei zunehmender Komplexität der angebotenen Vermögensverwaltungsdienstleistung oder in Fällen, in denen der Kunde über substanzielle Vermögenswerte verfügt (ab rund 500 000 $), auch Robo Advisors einen menschlichen Kundenberater zur Verfügung stellen. Die Möglichkeit, einen Kundenberater zu kontaktieren, wird dabei als teurere Premium-Dienstleistung vermarktet, womit man faktisch wieder beim traditionellen Beratungsmodell angekommen ist. Das alles kann als Hinweis gedeutet werden, dass vorwiegend eine Retailkundschaft angesprochen wird, die bisher keinen Zugang zur Beratung durch einen klassischen Kundenberater im Private Banking hatte.

Der Inhalt einer Anlageberatung kann in unterschiedlichem Mass virtualisiert werden. Im Zentrum steht die Frage, ob der «Rat» durch eine menschliche Denkleistung entstanden ist oder ob ein auf einem Programmcode basierter Informationsverarbeitungsprozess den Rat (Information) generiert hat (z. B. ein Expertensystem). Trotz des technologischen Fortschritts ist es nach wie vor ein weiter Weg, bis ein Informationssystem oder eine Roboterberatung in der Form, wie es ein Mensch tun würde, Rat anbieten kann.

In vielen verschiedenen Forschungsfeldern wird derzeit daran gearbeitet. Die Herausforderung für die Maschine liegt dabei sowohl auf der Ebene der inhaltlichen Informationsverarbeitung (Sinn einer Information, Verknüpfung von Informationen, Bewertung von Informationen) wie auch in der Form der Interaktion (Sprach-, Gesten- und Mimikerkennung, Wahrnehmung und Kognition). Bei der Interaktion ist die Maschine noch nicht in der Lage, die subtilen und vielfältigen Kommunikations- und Interaktionsmuster des Menschen zu replizieren oder richtig zu interpretieren (Speech Interpretation und Recognition Interface). Die technologische Entwicklung wird jedoch weiterschreiten und zunehmend Bausteine entwickeln, die dereinst der Anwendung von Robo Advice neues Potenzial verleihen könnten.

Die entscheidenden Aspekte für die Entwicklung echter Robo Advisors könnten die Kernfunktion der automatisierten Generierung von Anlageentscheidungen aus Echtzeitdaten sein. Das reiht sich in die Forschung zur Artificial Intelligence (AI), die zurzeit in den Denkfabriken der Finanzwelt zu den ganz heissen Themen gehört. AI ist eine Weiterentwicklung des sogenannten Algo Trading, das im Hedge-Funds-Bereich heute extensive Anwendung findet. Ein Algorithmus ist per se noch keine künstliche Intelligenz, da ein Algorithmus etwas profaner einfach als regelgebundene Anlagestrategie bezeichnet werden kann (ein seit Jahrzehnten praktiziertes Verfahren bei Börsenhändlern und Vermögensverwaltern).

Eine höhere Ebene hin zu einer Form künstlicher Intelligenz würde dann erreicht werden, wenn Algorithmen mit Lernfähigkeiten entwickelt würden, in Verbindung etwa mit neuronalen Netzen. An diesen Themen wird intensiv gearbeitet. Ein selbstlernender Algorithmus, der durch das Verarbeiten grosser Mengen historischer Daten die Regeln und Gesetzmässigkeiten der Finanzmärkte und des Entscheidungsverhaltens der Investoren erkennen und für eigene Entscheidungsprozesse zu nutzen lernt, sollte bald keine Utopie mehr sein.

Die Nutzung von Big Data, Realtime-Informationen und künstlicher Intelligenz in Verbindung mit Sprachassistenten könnte die Vision eines Robo Advisor dannzumal zur Realität machen. Eine der zentralen Fähigkeit, die allerdings noch entwickelt werden muss, ist die Fähigkeit einer Software, Texte (z. B. Nachrichten) im engen Sinne semantisch zu verstehen – eine bis anhin ungelöste Aufgabe. Von Intelligenz im Sinn von inhaltlichem Verständnis und kreativer Denkleistung kann bei den heutigen Algorithmen noch keine Rede sein. Die technologischen Bausteine entwickeln sich zurzeit aber mit rasanter Geschwindigkeit weiter, sodass in vielleicht fünf bis zehn Jahren rein technisch ein echter Robo Advisor möglich sein wird, der auch komplexere Fragestellungen als die (an sich relative simple) statische Aufteilung zwischen Aktien, Bonds und Cash wird beantworten können.

Vertrauen in Mensch oder Maschine?

Es bleibt aber die zentrale Frage in der Vermögensverwaltung, ob der Mensch einem solchen Robo Advisor tatsächlich vertrauen und ihn als Ersatz für eine menschliche Beratung sehen würde. Diese Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine bleibt die zentrale Herausforderung. Auch wenn man heute den Eindruck gewinnen kann, dass neue Kundengenerationen den Maschinen schon sehr viel zutrauen, darf dies nicht einfach linear in die Zukunft projiziert werden.

Wem der Mensch sein Vermögen in turbulenten Marktsituationen eher anvertrauen wird, ist sicherlich nicht einfach nur eine Frage der vermeintlich überlegenen Technik. Ob menschliche Berater oder Avatare unser Vertrauen gewinnen werden, wird stark davon beeinflusst werden, welche Erfahrungen wir mit den Möglichkeiten der neuen Technologien machen werden. Darüber werden nicht Phasen euphorischer Zukunftsvisionen entscheiden, sondern vielmehr die Reaktion auf Rückschläge in dieser technologischen Entwicklung. Diese Bewährungsprobe steht uns noch bevor. Technologie wird zwar zweifelsohne eine immer dominantere Rolle in der Vermögensverwaltung einnehmen, aber nicht alles, was technisch möglich sein wird, wird der Kunde auch automatisch bevorzugen.

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