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Unternehmen / Konsum

Was Schneiders Historie für Nestlé bedeuten könnte

Beispiel Fresenius: Nestlé-Chef Mark Schneider könnte durch höhere Schulden und den Verkauf des L’Oréal-Pakets 50 bis 60 Mrd. Fr. lockermachen – eine Zahlenspielerei.
Adrian Blum

In seinem ersten Jahr als CEO von Nestlé hat Mark Schneider erste Zeichen gesetzt, aber keinen grossen Coup gelandet. Dabei stehen dem Unternehmen aus finanzieller Warte zumindest theoretisch riesige Hebel zur Verfügung. Welches Potenzial in den Finanzen des Nahrungsmittelriesen steckt, das eröffnet auch ein Blick auf die Strategie von Fresenius.

Schneider führte den deutschen Gesundheitskonzern von 2003 bis 2016 als CEO und schrieb eine der grossen Erfolgsgeschichten am deutschen Aktienmarkt der vergangenen Jahrzehnte. 2003 erzielte Fresenius mit 7 Mrd. € Umsatz eine Ebitda-Marge von 15,7%. 2016 waren es 29 Mrd. € und eine Marge von fast 19%. Dass sich diese Expansion für die Aktionäre auch tatsächlich ausgezahlt hat, zeigt der Gewinn je Aktie, der sich in dieser Periode von 0.30 auf 2.92 € erhöht hat.

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In seinem ersten Jahr als CEO von Nestlé hat Mark Schneider erste Zeichen gesetzt, aber keinen grossen Coup gelandet. Dabei stehen dem Unternehmen aus finanzieller Warte zumindest theoretisch riesige Hebel zur Verfügung. Welches Potenzial in den Finanzen des Nahrungsmittelriesen steckt, das eröffnet auch ein Blick auf die Strategie von Fresenius.

Schneider führte den deutschen Gesundheitskonzern von 2003 bis 2016 als CEO und schrieb eine der grossen Erfolgsgeschichten am deutschen Aktienmarkt der vergangenen Jahrzehnte. 2003 erzielte Fresenius mit 7 Mrd. € Umsatz eine Ebitda-Marge von 15,7%. 2016 waren es 29 Mrd. € und eine Marge von fast 19%. Dass sich diese Expansion für die Aktionäre auch tatsächlich ausgezahlt hat, zeigt der Gewinn je Aktie, der sich in dieser Periode von 0.30 auf 2.92 € erhöht hat.

Ein solch fulminantes Umsatzwachstum ist für Nestlé angesichts ihrer Grösse nicht möglich. Doch interessant für die finanziellen Möglichkeiten ist der Blick auf die Profitabilität. Bei der Ebitda-Marge liegen Nestlé und Fresenius in etwa gleichauf.

Überträgt man den finanziellen Rahmen, den Mark Schneider für Fresenius gesteckt hatte, auf Nestlé, kommt Unglaubliches zutage.

Als Schneider bei Fresenius anfing, betrug die Nettoverschuldung des Gesundheitskonzerns rund 2,9 Mrd. und der Ebitda 1,1 Mrd. €. Das Verhältnis Nettoschulden zu Ebitda erreichte somit eher hohe 2,6.

Solche Werte lassen Ratingagenturen, Investoren und Banken in der Regel durchaus aufhorchen. Doch Schneider hielt das nicht davon ab, immer weiter zu akquirieren und auch noch höhere Schulden in Kauf zu nehmen. Kaum hatte sich das Verhältnis Nettoschulden zu Ebitda etwas verbessert, kam der nächste Zukauf, und das Verhältnis schnellte wieder in die Höhe, auf Werte von 3,5 oder zeitweise höher. Das war die Strategie.

Das funktionierte über Jahre hinweg hervorragend, weil Schneider klug akquirierte und geschickt integrierte. Es gab kaum Fehlschläge. Der Ebitda (Betriebsergebnis vor Abschreibungen und Amortisationen) wuchs und wuchs. 2016, als Schneider das Unternehmen verliess, erreichte die Nettoverschuldung 13 Mrd. € und der Ebitda 5,5 Mrd. €, woraus sich ein Netdebt/Ebitda von 2,4 ergab. Fresenius kam Ende 2016 in absoluten Werten und umgerechnet in Franken sogar auf höhere Nettoschulden als Nestlé, mit ihren 14 Mrd. Fr.

Der Nahrungsmittelkonzern hat in den vergangenen fünfzehn Jahren die Nettoschulden in der Regel stets in etwa auf dem Niveau des Ebitda gehalten.

Gemäss Schätzungen von Analysten wird der Ebitda 2017 gut 17 Mrd. Fr. betragen, die Nettoverschuldung etwa 19 Mrd. Fr. erreichen, woraus sich ein Verhältnis von knapp über 1 ergibt.

Was also, wenn Schneider auch nur ansatzweise eine ähnliche Finanzpolitik für Nestlé fährt? Ein Verhältnis Nettoverschuldung zu Ebitda von 2,5 würde auf Basis der Schätzungen 2018 (Ebitda: 19 Mrd. Fr.) grob gerechnet eine Nettoverschuldung von 47,5 Mrd. Fr. erlauben. Das sind rund 35 Mrd. Fr. mehr als jetzt.

Das laufende Programm von Nestlé zum Rückkauf eigener Aktien im Volumen von rund 20 Mrd. Fr. (auf drei Jahre verteilt) kann teilweise aus dem freien Cashflow finanziert werden und schränkt daher das Potenzial von 35 Mrd. auf vielleicht «nur noch» 30 Mrd. Fr. ein.

Und dann sind da noch Nestlés 23%-Paket an L’Oréal im Wert von 23 Mrd. € oder umgerechnet 27 Mrd. Fr. sowie weitere Devestitionen. Bisher hat Nestlé stets bekräftigt, an der Beteiligung festhalten zu wollen. L’Oréal hat andererseits gerade wieder bestätigt, das Paket zu erwerben, falls Nestlé es abstossen wollte.

Eine höhere Nettoverschuldung belastet zwar immer auch das Finanzergebnis und verschlechtert das Rating eines Unternehmens. Doch Fresenius hat die aggressive Strategie nicht geschadet. Der Unternehmenswert (Marktkapitalisierung plus Nettoschulden) betrug 2003 rund 7 Mrd. €, jetzt sind es mehr als 60 Mrd. €. Die Titel, die im Deutschen Aktienindex (Dax) enthalten sind, gehören zu den besten Aktien der vergangenen fünfzehn Jahre. Das einzige Warnzeichen ist der hohe Goodwill, der in etwa dem Wert des Eigenkapitals entspricht.

Es ist nicht zu erwarten, dass Schneider bei Nestlé ähnliche Verhältnisse einführen wird wie bei Fresenius. Das hat er erstens nicht allein zu bestimmen, und zweitens spricht die Historie des Konzerns gegen ein derartig radikales Nutzen der Bilanz. Doch Schneiders Historie beim deutschen Gesundheitskonzern wiederum macht klar: Übertriebene Angst vor einer höheren Verschuldung bei Nestlé dürfte der CEO nicht an den Tag legen.

Da Grossakquisitionen sehr unwahrscheinlich sind, dürfte Nestlé allfällige Mittel eher den Aktionären zurückführen. 30 Mrd. Fr. aus einer höheren Nettoverschuldung und 25 Mrd. Fr. aus dem L’Oréal-Paket würden jedenfalls je Aktie rund 17.50 Fr. entsprechen.
Die komplette Historie zu Nestlé finden Sie hier. »