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Was, wenn die Ukraine zur Dauerkrise wird?

Putins Strategie dürfte darin bestehen, so lange durchzuhalten, bis Europa und die USA nicht mehr fähig oder willens sind, die Ukraine weiter zu unterstützen und Russland zu bestrafen. Ein Kommentar von Harold James.

Harold James
«In Demokratien finden regelmässig Wahlen statt, so dass es womöglich nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die Politik in den wichtigsten Ländern ändert.»

Russlands Angriff auf die Ukraine weist zunehmend Ähnlichkeiten mit vielen früheren geopolitischen Krisen auf. Gesamtgeschichtlich betrachtet entwickelten sich Ereignisse, die zunächst wie vorübergehende Einschnitte erschienen, zu langwierigen Angelegenheiten. Was als kurze Konfrontation beginnt, mündet sehr häufig in einen scheinbar endlosen Schlamassel.

Der bekannteste Fall einer derartigen Krise ist der Erste Weltkrieg, den George F. Kennan treffend als die «Urkatastrophe» des 20. Jahrhunderts bezeichnete. Das schiere Ausmass der Mobilisierung im August 1914 liess die Menschen glauben, dass der Konflikt nicht lange dauern würde – dass er bis Weihnachten vorbei wäre. Es folgte jedoch ein Zermürbungskrieg fast ohne jede Bewegung an der Westfront. Die Stadt Ypern in Flandern war 1914 ebenso Schauplatz erbitterter Kämpfe wie 1918. Wird es im Jahr 2026 auch in Mariupol noch Kämpfe geben?

Der deutsche Kanzler Olaf Scholz hat seine Regierung zwar auf die Botschaft eingeschworen, dass Russland «nicht gewinnen darf», und auch der deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat in ähnlicher Weise erklärt, die Ukraine dürfe «nicht verlieren.» Doch wenn Europas politische und intellektuelle Führungspersönlichkeiten derart dramatische Erklärungen abgeben, ist klar, dass sie damit ein tiefer liegendes Gefühl der Hilflosigkeit kompensieren wollen. Was können derartige Aussagen in einer Pattsituation überhaupt bedeuten? Solange Russland nicht zusammenbricht oder einen plötzlichen Regimewechsel sowie eine Demokratisierung erfährt, ist es schwer vorstellbar, wie die Ukraine «nicht verlieren» soll.

Gefährliches Patt

Krisen wie diejenige in der Ukraine folgen tendenziell einem bekannten Drehbuch der Eskalation und Politisierung. Je länger sich der Konflikt hinzieht, desto mehr werden die Beteiligten nicht nur in finanzieller, sondern auch in spiritueller Hinsicht involviert. Die für die Sache erbrachten Opfer lassen den Konflikt zu etwas Heiligem – oder zumindest Sakralisiertem – werden. Für die Befehlshaber ist das ein notwendiger Schritt. Da niemand für sinnloses Sterben verantwortlich sein will, muss der Verlust an Menschenleben mit einem tieferen Sinn ausgestattet werden, wie es Patriarch Kyrill von der Russisch-Orthodoxen Kirche versucht hat, als er Wladimir Putins Krieg segnete.

Hat sich dieses Muster erst einmal verfestigt, wird es zunehmend schwierig, zu ermessen, wie der Konflikt ohne einen völligen Zusammenbruch einer Seite enden könnte. Es ist nie einfach, die Denkweise eines unnahbaren Diktators zu verstehen, und wir werden vielleicht nie genau wissen, welche Machtdynamik sich im Kreml abspielt. Man kann jedoch davon ausgehen, dass Putins Strategie darin besteht, so lange durchzuhalten, bis Europa und die USA die Fähigkeit oder den Willen verlieren, die Ukraine weiterhin zu unterstützen und Russland zu bestrafen. Der Kreml hofft zweifellos, dass die reichen Länder nicht in der Lage sein werden, das Ungemach aufgrund der höheren Treibstoff- und Lebensmittelpreise und deren Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Einkommen zu schultern.

In der Vergangenheit haben Kriegsherren, die sich in einer Pattsituation befanden, von der Ausweitung des Konflikts geträumt. So könnte Putins Kalkül auch darin bestehen, dass die durch den Krieg ausgelöste weltweite Nahrungsmittelkrise in verwundbaren, auf Lebensmittelimporte angewiesenen Regionen wie dem Nahen Osten zu politischen Unruhen und daher auch zu einer neuen Flüchtlingswelle nach Europa führt. Putin und seine Spiessgesellen haben bereits gezeigt, dass sie nicht davor zurückschrecken, verzweifelte Migranten und Flüchtende als Waffe gegen den Westen einzusetzen.

«Ukraine-müde» Gesellschaften

Möglicherweise rechnen die russischen Strategen aber auch damit, dass der Westen irgendwann einfach das Interesse verliert. In unserem mediengesättigten Zeitalter ist die Aufmerksamkeitsspanne bekanntermassen kurz, und die westliche Öffentlichkeit lässt sich leicht von aufsehenerregenden Skandalen fesseln, sei es ein Gerichtsstreit unter Promis oder eine fürchterliche Schiesserei an einer Schule. Für «Ukraine-müde» Gesellschaften erscheinen Bilder aus dem Donbass dann wieder weit entfernt und nicht fassbar.

Ausserdem finden in Demokratien regelmässig Wahlen statt, sodass es womöglich nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die Politik in den wichtigsten Ländern ändert. Der Kreml hatte offensichtlich gehofft, dass sich Marine Le Pen in der Stichwahl gegen den französischen Präsidenten Emmanuel Macron durchsetzt. Was, wenn sich der Konflikt bis 2025 hinzieht, während hohe Inflation und enttäuschte Hoffnungen auf eine rasche Lösung die westliche Entschlossenheit erodieren lassen? Wie würde eine weitere Trump-Regierung (oder trumpistische) in den USA das Problem angehen?

In der Zwischenzeit werden beide Seiten weiter um die Kontrolle der politischen Formulierungen kämpfen. In ihrer Unterstützung für die Ukraine verkünden westliche Führungspersönlichkeiten, dass sie sich der Aggression widersetzen, den Völkermord verhindern, faschistischen Autoritarismus zurückdrängen und den Multilateralismus bewahren. In Russland hört es sich allerdings ziemlich gleich an, wenn Putin eine vermeintliche «militärische Spezialoperation» vom Zaun bricht, um die Nato-Aggression zu stoppen, dem ukrainischen Nazismus entgegenzutreten, einen Völkermord zu verhindern und den Multilateralismus vor der US-Hegemonie zu retten.

Wenn Worte ihren Sinn verlieren

Während die westliche Politik Putins Lügen anprangert, erzeugt die russische Propaganda ein Zerrbild der Geschichte und der Realität. Laut Maria Sacharowa, Leiterin der Abteilung für Information und Presse des russischen Aussenministeriums, war George Orwells Warnung in seinem Buch «1984» nicht gegen die Sowjetunion oder das Nazi-Regime gerichtet, sondern gegen den westlichen Liberalismus.

Bedeutet die Verwendung der gleichen Sprache auf beiden Seiten, dass es eine Diskussion über die Beendigung des Krieges geben könnte? Oder deutet es auf das Gegenteil hin: dass Worte bedeutungslos geworden sind?

Höchstwahrscheinlich Letzteres, und das heisst, dass der Sieg im Krieg die einzige Möglichkeit bietet, den Sinn wiederzufinden. Doch auch das würde die Krise nicht beenden. Am Ende des Ersten Weltkriegs sprachen die Sieger ständig von Demokratie und Selbstbestimmung und schufen gleichzeitig die Voraussetzungen für die Fortsetzung des Konflikts in anderer Form. Um Derartiges diesmal zu vermeiden, muss der Sieg zu grundlegenden Veränderungen in der internationalen politischen Ordnung führen.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare

s.kade 24.06.2022 - 10:39
Ich glaube nicht, dass das Putins Strategie ist (so lange durchzuhalten, bis Europa und die USA nicht mehr fähig oder willens sind, die Ukraine weiter zu unterstützen und Russland zu bestrafen), wie Sie schreiben – damit würde sich Putin vermutlich masslos überschätzen, denn ich vermute mal, dass Europa und die USA gemeinsam über bedeutend mehr (gebrauchsfähiges) “Kriegsmaterial”, Ausdauer und Sanktionswillen… Weiterlesen »
Bernhard Kaltenbach 24.06.2022 - 14:17
Putin und sein Regime wollen ihre Macht unmittelbar auf die Ukraine und weitere ehem. Bestandteile der UdSSR ausweiten, den Westen maximal destablisieren und eine Hegemonie über Europa errichten. Dazu werden in die pandemische Krise hinein die Armee, die stark mit westlicher Technik gehobenen Rohstoffe, Mord, Drohungen, Cyberwar, Korruption und Propaganda eingesetzt. Das ist evident, es geht um Machterhalt und -ausweitung.… Weiterlesen »
c.schmoele 26.06.2022 - 20:54

Erinnern wir uns, daß Rußland die NATO-Osterweiterung in die Ukraine seit langem als nicht akzeptabel bezeichnet hat. So wie Kennedy 1962 die Stationierung von UdSSR-Raketen auf Kuba.
Wo bleibt die bindende Erklärung des Westens, auf diese militärische Eingliederung zu verzichten?