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Unternehmen / Schweiz

«Jedes Fass Erdöl, das wir einsparen, konsumieren andere»

Rolf Hartl, Präsident der Erdöl-Vereinigung, äussert sich im Interview mit FuW über die Perspektiven fossiler Energie sowie über Chancen und Grenzen der Schweizer Politik im globalen Kontext.

Die Schweiz stehe im internationalen Vergleich in Sachen Nachhaltigkeit im Energiesektor gut da, betont Rolf Hartl, Präsident der Erdöl-Vereinigung. Er sieht eine Symbiose zwischen fossiler Energie und erneuerbaren Quellen und mahnt, die beiden nicht gegeneinander auszuspielen.

Herr Hartl, was hat der Weltenergiekongress in Südkorea für Sie ergeben?
Im Gegensatz zur Situation vor drei oder sechs Jahren besteht Konsens, dass wir in naher Zukunft weder auf «Peak Oil», noch auf «Peak Gas» oder «Peak Coal» zusteuern. Die nötigen Ressourcen werden für den Bedarf von Generationen vorhanden sein. Die Herausforderung ist gegenwärtig nicht zu wenig Energie, sondern paradoxerweise ein Zuviel an Energie. Das äussert sich auch im Stromsektor, wo die Preise in Europa wegen Überkapazitäten unter Druck stehen.

Wie wird die CO2-Thematik eingeschätzt?
Ein steigender Wohlstand der Weltbevölkerung dürfte die Nachfrage nach Energie in den kommenden Jahrzehnten weiter anwachsen lassen. Der Zuwachs wird nicht allein durch erneuerbare Energien getragen werden können, dafür braucht es auch konventionelle Quellen. Die fossile Welt dürfte deshalb insgesamt mehr oder weniger erhalten bleiben. Das bedeutet, dass es ambitionierte CO2-Reduktionsvorschriften auf globaler Ebene schwer haben werden.

In Europa gibt es hohe Reduktionsziele.
Ja, aber jedes Fass, das wir einsparen, wird einfach von anderen konsumiert. In Europa werden sich die Energieindustrien auf einen stabilen bis rückläufigen Verbrauch einstellen, wegen einer steigenden Energieeffizienz und einer wirtschaftlich verhaltenen Entwicklung. Die grossen Zuwachsraten liegen anderswo.

Worum geht es dann für Europa?
Die Herausforderung wird sein, die bestehenden Kapazitäten im Stromsektor so gut wie möglich auszulasten und «stranded investments» zu vermeiden. Bei den fossilen Energien wird die Importabhängigkeit sowohl beim Öl als auch beim Gas weiter steigen. Das liegt daran, dass der Beitrag des Nordseeöls im Vergleich zu anderen Förderregionen rückläufig sein wird. Europa wird neben Asien die einzige Region sein, deren Importabhängigkeit steigen wird, trotz eines rückläufigen Verbrauchs an Öl und Gas.

Die USA gewinnen an Unabhängigkeit.
Ja, die Amerikaner können ihre Importabhängigkeit sowohl beim Öl als auch beim Gas erheblich reduzieren und werden in einigen Fällen zum Exporteur, zum Teil sind sie das heute schon, nämlich bei den Erdöl-Fertigprodukten.

Was bedeutet das für den Ölpreis?
Die Weltproduktion von Erdöl dürfte bis 2040 auf einen Wert von 110 bis 115 Mio. Fass pro Tag steigen – übrigens hat die Erdölnachfrage trotz Wirtschaftskrise im Westen in den vergangenen paar Jahren um jährlich 0,5 bis 1 Mio. Fass pro Tag zugenommen.

Die heutigen Einschätzungen legen jedenfalls keinen massiven Einbruch der Ölpreise auf das Niveau beispielsweise wie zu Ende des 20. Jahrhundert von 20 bis 30 $ pro Fass nahe.

Wie ist die Schweiz im internationalen Vergleich aufgestellt, was Energieverbrauch und Umweltverträglichkeit angeht?
Im Nachhaltigkeitsindex des Weltenergierates steht die Schweiz an der Spitze. Bewertet wurden Umweltverträglichkeit, sozial gerechter Zugang zur Energie und die Wirtschaftlichkeit der Energieversorgung. Das hängt vor allem mit dem hohen Anteil an Wasserkraft in der Schweiz und der nahezu CO2-freien Stromerzeugung zusammen. Das gibt uns einen grossen Vorteil, wie auch der Umstand, dass in der Schweiz keine fossilen Stromkapazitäten stehen.

Wie stark fallen Importe ins Gewicht?
Es wurde nur die inländische Stromproduktion berücksichtigt. Bei den fossilen Energieträgern ist allen bewusst, dass es sich um Importe handelt. Beim Strom weniger, obwohl die Schweiz auch dort importiert. Europaweit stammen etwa 60% des produzierten Stroms aus fossilen Quellen, Kohle (Kohle 92.05 -0.65%) und Gas. Wir Schweizer verdrängen diese Tatsache. Vor allem für die Stabilisierung des Stromsystems, wegen der unregelmässig anfallenden Elektrizität aus Solar- und Windenergie, sind fossile Kraftwerke aber wichtig. Diese Symbiose werden wir noch lange sehen, daher macht es auch keinen Sinn, die eine Energieart gegen die andere politisch auszuspielen.

Wo steht die Schweizer Energiepolitik?
Wir leben in einer komfortablen Situation, was die Energieversorgung angeht, weshalb Gelassenheit angezeigt ist. Es geht deshalb primär darum, keine Fehler zu begehen, also keine Eigentore zu schiessen. Die Versuchung, die eine oder andere energiepolitische Vision verwirklichen zu wollen, ist natürlich immer gross, wenn man die Versorgungssicherheit als quasi gottgegeben betrachtet – was sie genauer betrachtet nicht ist.

Wie meinen Sie das?
Gerade das deutsche Beispiel zeigt, dass staatliche Fördermittel, Gebote und Verbote vielfach eine ganz andere Wirkung haben als erhofft: Per saldo und paradoxerweise profitiert deutscher Kohlestrom vom geförderten Wind- und Sonnenstrom, während – auch bei uns – die Wasserkraft darunter leidet.  Wie sollen Politiker die Konsequenzen ihres Tuns voraussehen können in einem Markt mit derart vielen Unwägbarkeiten und Überraschungen – Stichwort Schiefergas. Mehr Zurückhaltung und mehr Ergebnisoffenheit täte auch unserer Diskussion gut.

Lassen sich Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch entkoppeln?
Die Entkoppelung ist möglich, hat aber auch mit der Veränderung der Wirtschaftsstrukturen zu tun, insbesondere mit dem Wandel von einer Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Pro Anwendung geht der Verbrauch von Energie zurück, etwa im Fall von Autos oder Computern. Gleichzeitig leisten wir uns aber immer mehr solcher Anwendungen, weil nicht die Energie-, sondern die Investitionskosten über den Kauf eines Autos oder Computers entscheiden.

Was kann eine ökologische Steuerreform bewirken und welche Risiken sehen Sie?
Wenn es eine echte ökologische Steuerreform sein sollte, müsste sie alle Energieträger erfassen. Das wird relativ schwierig, weil alle eine Sonderlösung anstreben werden. Hinzu kommen innere Widersprüche. So schafft sich eine solche Reform selbst ab, wenn sie Früchte trägt, weil die Besteuerung dazu führt, dass weniger verbraucht wird. Wenn der Staat damit Fiskalziele verbindet, also Einnahmen erzielen will, funktioniert das nicht.

Können Sie ein Beispiel geben?
Benzin und Diesel werden heute zu fiskalischen Zwecken besteuert, zur Finanzierung des Strassennetzes und des öffentlichen Verkehrs. Die Hälfte des Preises an der Zapfsäule machen Mineralölsteuer und dessen Zuschlag aus. Man kann aber die Kuh nicht auf der einen Seite melken und auf der anderen Seite schlachten. Sie können zwar eine Lenkungssteuer einführen, müssen aber dann noch sehen, wo sie die Milliarden für den Strassenausbau bekommen.

Haben konventionelle Fahrzeuge Zukunft oder dominieren bald Elektroautos?
Es kommt vor allem auf die Effizienz an. Ein hocheffizientes Benzin- oder Dieselauto, das 4 Liter auf 100 Kilometer verbraucht, ist gegenüber einem Elektroauto, das auf dem fossillastigen europäischen Strommix basiert, in Bezug auf Umweltbelastung gleichauf. Man kann die ökologische Diskussion nicht am Auspuff führen, sondern muss die ganze Kette ansehen.

Könnten Sie mit einem Benzinpreis von 4 bis 5 Fr. pro Liter leben?
Wenn man die Diskussion über eine mögliche Erhöhung der Vignette von 40 auf 100 Fr. ansieht, und bedenkt, dass der Benzinpreis ein noch sensibleres Thema ist, schaue ich solche Überlegungen mit einer gewissen Gelassenheit an. In der Schweiz gibt es ein Problem mit dem Tanken im nahen Ausland. Die Bundeskasse, die auf die Milliarden aus den Treibstoffabgaben angewiesen ist, hätte keine Freude, wenn sich die Einnahmen drastisch reduzieren. Es ist insofern davon auszugehen, dass eine höhere Besteuerung von Mineralöl relativ moderat ausfallen wird, nämlich im Rappenbereich.

Gilt das auch für Biotreibstoffe?
Die Diskussion über Biotreibstoffe ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich die Schweiz nicht durch Entwicklungen in der EU treiben lassen muss. Eine CO2- und gesamtökologische Betrachtung hat ergeben, dass praktisch nur Biotreibstoffe aus Altholz und aus Restmaterialien wirklich etwas bringen, im Vergleich zu konventionellen, aber hocheffizienten Benzin- und Dieselfahrzeugen. Auch Fragen der verbauten Ressourcen oder des Recycling müssten in die Waagschale geworfen werden.

Gegenwind gibt es auch für Ölheizungen.
Schon seit der ersten Erdölkrise steht die Heizölbranche unter Druck, auch wegen der Konkurrenz durch Erdgas (Erdgas 2.946 -4.78%) und Stromanwendungen. Die Effizienzfortschritte waren deshalb vor allem bei Heizungen immens und höher als etwa bei Autos. Der Verkauf von Brennern und Kesseln in der Schweiz hat sich in den vergangenen Jahren stabilisiert, trotz einer relativ starken Verunsicherung der Konsumenten durch den Anstieg des Ölpreises. Die Konsoli­dierung unter den Heizöllieferanten wird dennoch weiter fortschreiten.

Kann man sich heute noch guten Gewissens eine Ölheizung ins Haus stellen?
Die technische Tendenz geht dahin, den Verbrauch derart zu vermindern, dass die Wahl des Energieträgers gar keine grosse Rolle mehr spielt. Wenn alle Anlagen gleich effizient sind und gleich wenig verbrauchen, ist es fast nur noch persönlicher Geschmack, ob jemand mit Öl, Gas oder einer Wärmepumpe heizt. Moderne Ölheizungen sind platzsparend, emissionsarm und sie haben einen relativ geringen Verbrauch. Mit der Brennwerttechnik können wir seit rund 20 Jahren bei der Ölheizung bis zu 99% des Brennstoffes in Wärme umwandeln und nutzen. Dies ist bis zu 35% mehr als früher.

Bleibt die Schweizer Mineralölwirtschaft eine «Insel der Glückseligen»?
Die Aussage habe ich im Vergleich zum deutschen Treibstoffmarkt gemacht. Wir haben glücklicherweise die Abstimmung über die Tankstellenshops gewonnen und eine einigermassen liberale Lösung bekommen. Die Regulierungswut treibt in Deutschland merkwürdige Blüten, insbesondere was die tägliche Meldung der Tankstellenpreise an eine Behörde angeht. Auch die in Deutschland eingeführte Beimischung von Biotreibstoffen ist kritisch zu sehen. In der Schweiz leben wir im eigentlichen Tankstellengeschäft noch in einem relativ markwirtschaftlichen Umfeld.