Märkte / Makro

Wechsel im britischen Finanzministerium treibt Pfund

Premierminister Boris Johnson stellt sein Kabinett um. Finanzminister Sajid Javid tritt zurück. Das Pfund reagiert mit deutlichen Gewinnen.

(Reuters) Mitten in der Kabinettsumbildung des britischen Premierministers Boris Johnson ist Finanzminister Sajid Javid überraschend zurückgetreten. Mit der umgehenden Ernennung des loyalen Rishi Sunak zum Nachfolger Javids demonstrierte Johnson am Donnerstag seinen Willen, das Kabinett fest in den Griff zu nehmen, seine Vorstellung von Grossbritannien nach dem Brexit umzusetzen und die Spaltung seiner Konservativen Partei sowie des Landes zu überwinden.

Der 39-jährige Sunak war bislang Javids Stellvertreter und für die öffentlichen Ausgaben verantwortlich. Er arbeitete früher für die Investmentbank Goldman Sachs (GS 201.21 0.91%) und wurde 2015 erstmals ins Parlament gewählt. In einer ersten Reaktion sagte Sunak, es gebe noch eine Menge Dinge, mit denen man weitermachen müsse. Der Kurs des britischen Pfunds stieg nach der Ernennung Sunaks, Anleger erwarten, dass er den Weg freimacht für einen ausgabenlastigeren Etat im kommenden Monat. Die britische Währung legte am frühen Abend zum Dollar klar auf 1.3063 $ zu. Zum Euro gewann sie ebenfalls klar und notierte mit 1.2042 € auf einem Achteinhalb-Wochen-Hoch. Der Kurs zum Franken avancierte ebenfalls; auf einen Stand von 1.2785 Fr.

Javid trat offenbar im Streit mit Johnson zurück. Der Premierminister habe von ihm verlangt, seine Sonderberater allesamt zu entlassen und durch Berater aus Johnsons Büro zu ersetzen, um so ein Team zu bilden, zitierte die Zeitung «Mirror» einen Vertrauten Javids. Kein Minister, der vor sich selbst Respekt habe, würde solche Bedingungen akzeptieren, habe Javid Johnson geantwortet.

Auch Wirtschaftsministerin Andrea Leadsom verlor ihr Ministeramt und wurde durch Alok Sharma ersetzt. Er war zuvor für internationale Entwicklung zuständig und gilt wie der neue Finanzminister als äussert loyal gegenüber Johnson. Sharma soll auch für den COP26-Klimagipfel im November in Schottland verantwortlich sein. Entlassen wurde zudem Umweltministerin Theresa Villiers.

Entlassung von Nordirlandminister Smith stösst auf Kritik

Auf Kritik in Nordirland und Irland stiess die Entlassung von Nordirlandminister Julian Smith, der erst im Januar die jahrelange politische Blockade in der britischen Provinz aufgelöst hatte. Smith erklärte per Twitter (TWTR 36.255 -0.37%), es sei das grösste Privileg gewesen, der Bevölkerung von Nordirland zu dienen. Smith war es gelungen, den Stillstand zwischen der protestantisch-unionistischen DUP und der katholisch-republikanischen Sinn Fein zu beenden und Nordirland wieder zu einer Regierung zu verhelfen. Drei Jahre lang war die Provinz ohne eine eigene Selbstverwaltung gewesen und wurde aus London regiert. Dass die beiden Lager die Macht teilen, ist ein wesentlicher Bestandteil des Karfreitagsabkommens von 1998, das die Gewalt in Nordirland beendete. Smith hatte erst im Juli das Ressort übernommen. Die Regierungschefin von Nordirland, Arlene Foster, würdigte seine Leistung ebenso wie der irische Aussenminister Simon Coveney.

Im Amt bleiben Aussenminister Dominic Raab, Innenministerin Priti Patel und Kabinettsminister Michael Gove. Noch am Mittwoch war aus Johnsons Büro verlautet, der Premierminister wolle neue Talente und insbesondere Frauen fördern und Posten auf der Ebene der Staatssekretäre mit ihnen besetzen. Zugleich wolle er loyale Unterstützer belohnen, die ihm zu seiner klaren Mehrheit bei der Parlamentswahl im vergangenen Jahr verholfen hatten.

Der Rücktritt Javids aber kratzt am Eindruck einer geordneten und lange geplanten Kabinettsumbildung, den Johnson verbreiten wollte. So sprachen Oppositionspolitiker von einem Durcheinander. «Das ist ein historischer Rekord», sagte der finanzpolitische Sprecher von Labour, John McDonnell. «Eine Regierung im Chaos nur wenige Wochen nach der Wahl.»