Meinungen

Weckruf für China

Der Krieg in der Ukraine legt die militärischen Schwächen Russlands offen. Die chinesische Volksbefreiungsarmee teilt viele dieser Mängel. Es bräuchte mehr Transparenz. Ein Kommentar von Minxin Pei.

Minxin Pei
«In einem Krieg kommt das Ausmass der Inkompetenz in der Armee aufgrund der Klientelwirtschaft voll zum Vorschein.»

Auch im vierten Monat des russischen Kriegs gegen die Ukraine wissen wir nicht, wie er enden wird. Aber eins ist auf jeden Fall gewiss: Die ukrainischen Streitkräfte, denen zu Beginn keinerlei Chance eingeräumt wurde, haben Russlands Militär einen schweren Schlag versetzt. Für Chinas Volksbefreiungsarmee (VBA), die viele der Schwächen teilt, die Russlands Effektivität auf dem Schlachtfeld untergraben, sollte dies ein Weckruf sein.

Eine dieser Schwächen ist Korruption. In dieser Hinsicht steht Russland unter den zwanzig weltgrössten Volkswirtschaften an allerletzter Stelle. Da überrascht es nicht, dass es auch im russischen Militär – das lange Zeit als eines der stärksten der Welt galt – vielerlei Missstände gibt. Aber auch in der chinesischen VBA wurden im vergangenen Jahrzehnt viele Generäle wegen Korruption eingesperrt, also könnte sie ebenso marode sein.

Kurz nachdem Xi Jinping im November 2012 in China an die Macht gekommen war, startete er eine Kampagne zur Korruptionsbekämpfung, der bis Ende 2017 über hundert Generäle zum Opfer fielen. Zwei ehemalige Vizevorsitzende der Zentralen Militärkommission, der Führungsstelle der VBA, wurden verhaftet, weil sie gegen Bestechungsgelder Beförderungen vorgenommen haben. Ein weiteres Kommissionsmitglied verübte vor fünf Jahren, während seine Verbindungen zu den in Ungnade gefallenen Vizevorsitzenden untersucht wurden, Selbstmord.

Armee stark politisiert

Man könnte denken, Xis Kampagne habe die VBA von Korruption befreit. Aber dies ist unwahrscheinlich, weil die Bedingungen dafür – namentlich Vetternwirtschaft, Geheimhaltung und mangelnde Kontrolle – wohl weiterhin bestehen.

Auch jenseits der Korruption weist die VBA ähnliche strukturelle Schwächen auf wie das russische Militär – wie die obsessive Beschäftigung mit materieller Ausrüstung, mangelndem Simulationstraining für echte Kampfbedingungen, schlechter Logistik und einer dauerhaften Unfähigkeit, gemeinsame operative Fähigkeiten zu entwickeln. Wie das russische Militär verlässt sich auch die VBA auf eine rigide und autoritäre Kommandostruktur, die es Offizieren und Soldaten der unteren Dienstgrade schwierig oder unmöglich macht, im Kampfeinsatz die Initiative zu ergreifen.

Eine weitere gemeinsame Schwäche des russischen und chinesischen Militärs ist die Vermischung mit der Politik. Tatsächlich ist die VBA, die erheblich von der Kultur der sowjetischen Roten Armee beeinflusst ist, noch stärker politisiert als das heutige russische Militär.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnte das russische Militär die Kontrolle der Kommunistischen Partei abschütteln und das System der politischen Kommissare abschaffen. So wurde die Politisierung stärker personenbezogen und ähnelt heute typischen Protektionssystemen, in denen unqualifizierte Bewerber in leitende Positionen befördert werden.

Loyalität zur Partei zählt am meisten

In Friedenszeiten mögen sich die Folgen dieser Missstände auf eine geschwächte Moral beschränken. Im Krieg aber kommt, wie Russland in der Ukraine erfahren musste, das Ausmass der Inkompetenz aufgrund der Klientelwirtschaft voll zum Vorschein.

Für China ist dies kein gutes Zeichen: Die VBA wird völlig von der Kommunistischen Partei des Landes kontrolliert, und ihre Hauptmission besteht darin, das politische Monopol der Partei zu verteidigen. Das System der politischen Kommissare, das Leo Trotzki beim Aufbau der Roten Armee eingeführt hat, ist in China immer noch quicklebendig.

So hängt die Ernennung und Beförderung von VBA-Offizieren nicht nur von deren professionellen Qualifikationen, sondern auch von ihrer offensichtlichen Loyalität zur Partei ab. Sogar Jungoffiziere werden vor ihrem Einsatz politisch überprüft. Das Ergebnis ist eine verwirrende Doppelkommandostruktur, die die Fähigkeit professioneller VBA-Soldaten zur effektiven Kriegsführung beeinträchtigen könnte – wie es auch bei der Roten Armee zu Beginn der Invasion durch die Nazis im Zweiten Weltkrieg der Fall war.

Zu wenig Kampferfahrung

Eine letzte wichtige Schwäche, die das russische Militär und die VBA gemeinsam haben, ist der Mangel an Kampferfahrung. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat das russische Militär bloss verhältnismässig kleine Kriege geführt – in Tschetschenien, Georgien, der Ukraine und Syrien. Dies hat sie offensichtlich nicht darauf vorbereitet, die gesamte Ukraine einzunehmen, wie die jüngste Entscheidung zeigt, sich auf Ziele in der östlichen Donbas-Region zu beschränken.

Auch hier ist China noch schlechter dran: Das Militär des Landes hat seit dem desaströsen Grenzkrieg gegen Vietnam 1979 keinen echten Einsatz mehr gehabt. Obwohl die VBA seit Anfang der 1990er-Jahre massiv in militärische Modernisierung investiert hat, bleiben ihre Kompetenzen und Fähigkeiten also weiterhin ungeprüft.

Wenn schon Russland in der Ukraine derart grosse Probleme hatte, wie kann dann die VBA, deren Schwächen wie Politisierung und mangelnde Kampferfahrung noch ausgeprägter sind, erwarten, heute einen Krieg zu gewinnen – besonders einen weiträumigen Konflikt, der sich auch auf Grossmächte wie die Vereinigten Staaten erstreckt?

Öffentliche Kontrolle fehlt

Dabei hilft es auch nicht, dass Strukturreformen, die die schlimmsten Schwächen der Armee ausbessern könnten, schwierig oder gar unmöglich durchzuführen sind. Das Militär zu entpolitisieren würde bedeuten, die organisatorische Präsenz der VBA und das System der politischen Kommissare abzubauen, was beides nicht absehbar ist. Und auch echte Kampferfahrung lässt sich in Friedenszeiten kaum erlangen.

Der einzige sinnvolle Schritt, den China zur Stärkung der VBA unternehmen kann, besteht darin, die Transparenz erheblich zu verbessern. Wäre in Russland eine stärkere Kontrolle durch die Medien möglich gewesen, wären die militärischen Missstände aufgedeckt und vielleicht sogar behoben worden – lange Zeit vor einem Krieg, den das Land, zumindest so schnell und überwältigend wie vom Kreml erwartet, nicht gewinnen kann.

Für Xi Jinping besteht die Lektion darin, dass die chinesischen Behörden eine der geheimsten Institutionen des Landes stärker in den Fokus nehmen müssen – genau deshalb, weil ihnen die Erkenntnisse wahrscheinlich nicht gefallen werden.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare

Alexander Kampel 20.06.2022 - 14:02
Der Artikel ist reines Wunschdenken. Die EU Länder haben militärisch schon längst abgewirtschaftet und sind dabei auch ihre Wirtschaft zu ruinieren (Stichwort Klimawandel, Engergiewende, Bürokratisierung). Der Wehrwille der Europäer tendiert gegen 20 % mit sinkender Tendenz. 80 % haben kein Intderesse an der Landesverteidigung. Wen wunderts, LBGT, Gender, Impfzwang, Inflation, Massenzuwanderung, explodierenende Steuerbelastungen für die Bürger usw. Wer nimm dafür… Weiterlesen »