Meinungen

Weisse Weste ist Pflicht

Mit einer entspannten Haltung gegenüber fehlbaren Managern tun sich Unternehmen keinen Gefallen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Jeffrey Vögeli.

«Das Führungspersonal der Schweizer Finanzbranche hat allerhöchsten Ansprüchen zu genügen.»

Boris Collardi hat bei Pictet alles richtig gemacht. Er hat den Fussabdruck der Bank in Asien vergrössert. Er hat die Präsenz in Zürich und in der Deutschschweiz verstärkt. Er hat die Digitalisierungsbemühungen der Bank vorangetrieben. Und doch scheidet der jüngste je ernannte geschäftsführende Teilhaber der Genfer Privatbank Knall auf Fall aus. Was ist schiefgelaufen?

Weder Collardis Sprecher noch einem Vertreter der Bank ist auf diese Frage eine eindeutige Antwort zu entlocken. In den Medien spriessen entsprechend die Spekulationen. Primus inter pares Renaud de Planta habe Collardi, der ein sehr hohes Tempo fährt, ausgebremst, heisst es beim Finanzbranchenportal Finews.ch. Die «Financial Times» schreibt derweil von «cultural clashes».

Derweil versichern die Auskunftspersonen, Collardis grösster professioneller Makel habe nichts mit seinem plötzlichen Rücktritt nach gut drei Jahren bei der Bank zu tun. Collardi war bis 2017 CEO der Bank Julius Bär (BAER 64.48 -0.74%). Sie wuchs unter ihm in halsbrecherischem Tempo. Dabei blieb die Sorgfalt auf der Strecke. Die Spätfolge war eine Untersuchung der Finma, die dieses Jahr zu einer Rüge des Aufsehers für Collardi und seinen Nachfolger bei Julius Bär geführt hat.

Die folgenlose blosse Rüge mag die mildestmögliche Finma-Sanktion sein. Dennoch erstaunt es, dass eine Privatbank von Weltrang, die grossen Wert auf Diskretion legt, einem Banker die Stange hält, von dessen Managementfehlern sich seine vorherige Arbeitgeberin mehr als zwei Jahre lang erholen musste. Dass ihm direkt kein juristisch relevantes Fehlverhalten vorgehalten werden kann, tut da nichts zur Sache. Das Führungspersonal der Schweizer Finanzbranche hat allerhöchsten Ansprüchen zu genügen. Schliesslich gilt es, den Rufschaden der jahrzehntelangen Kultivierung von Steuerflüchtlingen und anderen Kriminellen wiedergutzumachen.

Wäre es nur eine verschwiegene Genfer Privatbank, die lange ein Auge zu viel zudrückt, gäbe es weniger Anlass zur Klage. Doch diesen Monat ist ein Vorfall ans Licht gekommen, in dem die Corporate-Governance-Standards noch deutlich entspannter interpretiert wurden. Jean Claude Bregy, CEO und grösster Aktionär des Gebäudetechnikers Poenina (PNHO 43.80 -0.68%), war im Juni wegen Gehilfenschaft zum gewerbsmässigen Betrug und mehrfacher ungetreuer Geschäftsbesorgung verurteilt worden. Im ersten Moment war das kein Grund für das Unternehmen, tätig zu werden.

Erst ein Zeitungsbericht und der darauf folgende Kurssturz brachten die Verantwortlichen zur Einsicht. Zehn Tage nachdem die «SonntagsZeitung» seine vergangenen Verfehlungen öffentlich gemacht hatte, trat Bregy zurück. Der Präsident des Unternehmens bleibt ebenfalls nur noch bis zur nächsten Generalversammlung – er war der Meinung gewesen, die Verurteilung des CEO sei für die Öffentlichkeit nicht relevant.

Die Beispiele Bregy und Collardi sind sehr unterschiedlich gelagert. Gemeinsam ist ihnen aber eine viel zu nachlässige Einstellung der Unternehmen gegenüber Managern, deren Weste nicht komplett weiss war oder die sich zumindest in der Vergangenheit von falschen Motiven leiten liessen.

Langfristig lässt sich damit für keine Anspruchsgruppe etwas gewinnen. Verlieren die Anleger das Vertrauen in die Kompetenz oder die Ehrlichkeit eines CEO, zieht dies immer auch den Kurs in Mitleidenschaft. Das Gleiche gilt für die Kunden, die gerade in der für die Schweiz wichtigen Bankbranche Vertrauen in die funktionierenden Prozesse der Institute haben können müssen.

Mitarbeiter wollen sich derweil nach dem Verhalten ihrer Vorgesetzten richten. Kommen diese auch nach grobem Fehlverhalten zu lange ungeschoren davon, sendet das die falschen Signale an die Belegschaft. Es ist nicht auszuschliessen, dass das ein Grund ist, weshalb gerade in der Finanzbranche immer wieder Einzelne für viel Schaden sorgen.

Sei es die mögliche Duldung von Geldwäsche bei Julius Bär, die Bespitzelung von Mitarbeitern wie bei Credit Suisse (CSGN 9.68 -1.18%) oder unzweifelhafter Betrug wie nun bei Poenina: Die Elite der Wirtschaft muss sich an entsprechenden Standards messen lassen. Eine weisse Weste ist Pflicht.