Am 3. August 1923, kurz vor drei Uhr in der Früh, ereignete sich in diesem weissen Haus in Neuengland – Parterre, im ­Erkerzimmer – Historisches. Calvin Coolidge legte den Amtseid als Präsident der Vereinigten Staaten ab, auf die Familienbibel und beim Flackern einer Kerosinfunzel: Der Notar des Nestes Plymouth Notch, Coolidge Vater, vereidigte Coolidge Sohn, am Sitz der seit jeher dort ansässigen Coolidge-Sippe. Die Sache duldete keinen Aufschub; am Vortag war Präsident Warren Harding im fernen San Francisco an einer Hirnblutung verstorben – Vizepräsident Coolidge genoss gerade seine Sommerfrische im heimatlichen Vermont, als ihm nach Stunden ein Bote (Telefon gab’s dort keines) die traurige Nachricht überbrachte. Diese «Homestead Inauguration» ist eine der vielen farbigen Anekdoten der amerikanischen Geschichte. Sie passt zu Silent Cal, wie der wortkarge Republikaner genannt wurde. Der neue Präsident fuhr sofort nach Washington, wo ihn ein Bundesrichter pro forma abermals vereidigte. Coolidge war der letzte Präsident alten Stils: Ihm diente ein einziger Sekretär zu, und auf seinem Schreibtisch stand kein Telefon, dafür gab’s irgendwo im Weissen Haus eine Telefonkabine. Der stille Cal benutzte sie nie.
(Bild: Walter Bibikow/Keystone)