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Weiterer Notenbank-Chef der Türkei entlassen

Nach einer Zinsanhebung wirft der türkische Präsident auch Naci Agbal aus dem Amt. Die Lira geht auf Talfahrt.

(Reuters/AWP/SPU) Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat zum dritten Mal seit Mitte 2019 den Notenbank-Chef entlassen – offenbar erneut aus Ärger über steigende Zinsen. Einer überraschenden Mitteilung im Amtsblatt vom Samstag zufolge wird der erst vor knapp fünf Monaten ins Amt gehobene Naci Agbal durch Sahap Kavcioglu ersetzt, einem Ex-Banker, Ex-Abgeordneten der Regierungspartei und erklärten Gegner einer straffen Geldpolitik. Agbal hatte in den wenigen Monaten seiner Amtszeit die Zinsen kräftig angehoben – zuletzt vor wenigen Tagen von 17 auf 19%. Begründet hatte er dies mit dem Kampf gegen die Inflation. Experten hatten ihn dafür gelobt. Erdogan hatte indes wiederholt zur Senkung der Zinsen aufgerufen. Analysten erwarten nun zur Marktöffnung am Montag ein Absacken der Lira. Die Landeswährung hat seit 2018 bereits die Hälfte ihres Wertes zum Dollar verloren.

Lira auf Talfahrt

Die türkische Lira reagierte heftig. Am Montagmorgen wurde ein Dollar für 7,78 Lira gehandelt. Damit ist der Kurs im Vergleich zum Freitag um knapp acht Prozent abgerutscht. In der vergangenen Nacht war der Kurseinbruch zeitweise noch heftiger ausgefallen: bis auf 8,47 Lira mussten für einen Dollar gezahlt werden. Damit lag die türkische Währung nur knapp unter dem Rekordtief, das im vergangenen November bei 8,57 Lira für einen Dollar erreicht worden war.

Der drastische Kurseinbruch zu Wochenbeginn zeigte sich auch im Handel mit dem Euro. Am Morgen wurden für einen Euro 9,25 Lira gezahlt, was einem Kurseinbruch von knapp acht Prozent entsprach. Hier wurde das Rekordtief ebenfalls im vergangenen November bei 10,20 Lira für einen Euro erreicht.

Zinserhöhung deutlicher als erwartet

Agbal hatte am Donnerstag die Zinsen kräftiger als von Experten erwartet angehoben und erklärt, er habe die Straffung wegen steigender Inflationserwartungen «vorgezogen». Höhere Zinsen stärken die Landeswährung, was Importe verbilligt und damit den Preisauftrieb dämpft.

Bei Erdogan kam dieser Schritt aber offensichtlich nicht gut an. Dabei galt der ehemalige türkische Finanzminister als Verbündeter Erdogans. Er war im November per Erlass von ihm ins Amt gehoben worden. Auch damals kam der Wechsel überraschend. Die Opposition hat Erdogans Eingriffe kritisiert und ihm vorgeworfen, seinen Einfluss auf die Notenbank auszubauen. «Was noch fehlte, war eine an die Partei angeschlossene Zentralbank, jetzt ist es soweit», hatte ein Abgeordneter gesagt.

Neuer Notenbankchef kritisiert den alten

Der neue Notenbankchef Kavcioglu hatte zuletzt Agbals Zinspolitik kritisiert. «Die Zinsen rund um die Welt sind nahe Null. Eine Anhebung in der Türkei zu erwägen, wird unsere wirtschaftlichen Probleme nicht lösen», hatte er im Februar in einer Zeitungskolumne geschrieben.

Experten sehen seinen Einstieg mit Sorge. «Das legt nahe, dass die Regierung versuchen wird, die Wirtschaft erneut mit niedrigen Zinsen stimulieren zu wollen», sagte etwa Selva Demiralp, Wirtschaftsprofessorin an der Koc Universität in Istanbul. Das aber verstärke den Druck auf die Lira und könne die Wirtschaft noch mehr belasten.

Erst vor rund einer Woche hatte Erdogan erklärt, der Kampf gegen die Inflation gehöre zu seinen wichtigsten Vorhaben. Ziel sei eine einstellige Inflationsrate. 2020 hatte sie zeitweise bei 15 Prozent gelegen – befeuert auch durch die Abwertung der Lira, durch die Importe teurer wurden. Erdogan hat zudem Wirtschaftsreformen angekündigt. So soll die Steuerpolitik vereinfacht werden, Produktivität, Investitionen, Beschäftigung und Exporte sollen steigen. «Wir werden das Wachstumspotenzial erhöhen», so Erdogan, der seit 2014 im Amt ist.