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Unternehmen / Finanz

Welche Fintech-Trends die Banken verschlafen

Kontaktloses Bezahlen und digitales Anlegen will fast jedes Institut. Andere Anwendungen werden ignoriert. Das könnte sich rächen.

Den Schweizer Banken steht noch ein langer Weg bis zur vollkommenen Digitalisierung ihres Geschäfts bevor. Das zeigt eine Studie von E-Foresight, dem Think Tank der Swisscom (SCMN 505.5 -0.39%), und dem Kompetenzzentrum Sourcing in der Finanzindustrie der Universität St. Gallen (HSG).

«Einiges wurde schon lanciert, doch stehen wir in der Schweiz punkto Fintech immer noch am Anfang», sagt Falk Kohlmann, Chef von E-Foresight, der auf 1. November Leiter Digitalisierung bei der St. Galler Kantonalbank wird.

Zahlungen via Messenger 

Die für die Studie befragten 38 Retailbanken (sechzehn aus der Schweiz, zehn aus Deutschland) sind vor allem daran, zunächst ihr Kerngeschäft zu digitalisieren. So schätzt über die Hälfte der Institute das kontaktlose Zahlen als sehr relevant für die Zukunft ein.

Über 40% planen bzw. entwickeln eine digitale Lösung zum Geldtransfer zwischen Privatpersonen oder Unternehmen und Privatpersonen. Über 30% haben eine solche schon umgesetzt. Ein Beispiel dafür ist die neue Twint. Gefahr droht hier allerdings von finanzferner Seite.

Denn nicht nur die mobilen Zahllösungen von Apple oder Samsung (SMSN 1278 -0.08%) bieten Konkurrenz, sondern auch die bekannten Messenger-Apps. So hat Facebook (FB 179 -0.33%) bereits mitgeteilt, eine Zahlungsfunktion in ihren Messenger einbauen zu wollen. «Banken könnten dadurch in diesem Bereich markant an Marktanteilen einbüssen», sagt Thomas Zerndt, Leiter des Kompetenzzentrums der HSG.

Siegeszug der Robo Advisors

Für die Banken eines der relevantesten Themen, das digitale Anlegen, hat in den vergangenen Monaten an Fahrt gewonnen. Eine Reihe Start-ups wie z.B. die Schweizer Truewealth, aber auch etablierte Finanzplayer wie Charles Schwab oder Vanguard haben einen sogenannten Robo Advisor lanciert.

In der Schweiz gibt es schon seit Jahren das Angebot von Swissquote (SQN 34.5 -0.86%). Viele Banken wie UBS (UBSG 16.98 0.18%) oder Credit Suisse (CSGN 15.88 -0.25%) nutzen zudem interne Robo Advisors zur Unterstützung der Vermögensverwaltung. «Robo Advisors werden sich breitflächig durchsetzen», so Kohlmann.

Gutes Geschäft mit Online-Krediten

Fast 60% der Banken erachten zudem Online-Hypotheken für sehr relevant. Allgemein halten sie eine vollständige onlinebasierte Kleinkreditanfrage und -freigabe für wichtig. Als Vorreiterin gilt hier die Glarner Kantonalbank (GLKBN 31.55 0.32%), die ihr Know-how nun bereits an andere Banken lizenziert.

«Die Banken sind daran, ihren Kreditbearbeitungs- und Angebotsprozess zu digitalisieren», sagt Zerndt. Über 90% sprechen sich in diesem Zusammenhang für das sogenannte Online Onboarding aus, die Kontoeröffnung und den Produktabschluss via Internet.

Doch obwohl sich einiges tut oder bereits getan hat und z.B. 70% der befragten Banken zumindest eine separate Gruppe für digitale Initiativen eingerichtet haben: «Umgesetzt ist noch relativ wenig», sagt Zerndt.

Social Media Fehlanzeige

So wird das Thema Social Trading von vielen nicht als relevant angesehen. Co-Investieren erlaubt es Kunden, ihr eigenes Portfolio gegen diejenigen von professionellen und privaten Investoren zu spiegeln und diese Informationen anschliessend selbst zu nutzen. 91% der Banken planen keine Realisierung eines solchen Angebots, wofür das Start-up Wikifolio und in Teilen auch Crowders der Luzerner Kantonalbank (LUKN 449 -0.22%) als Beispiele stehen.

Ähnlich sehen es die Banken mit dem Messen der Marktstimmung über Social Media. Hier existieren Informationsportale wie StockPulse oder der Fintech-Award-Gewinner Sentifi, die investmentrelevante Informationen aus unterschiedlichen Kanälen zu Trendanalysen aggregieren. «Der Mehrwert von Social Media als Interaktions- und Transaktionskanal wird von Schweizer Banken derzeit kaum erkannt», sagt Rebecca Nüesch, Co-Leiterin des Kompetenzzentrums Sourcing, «es ist aber auch bisher keine originäre Banking-Disziplin.»

Kein Interesse an Crowdlending

Mit Plattformen täten sich Banken in der Schweiz grundsätzlich schwer. Beispiel Crowdfunding: Zwar haben viele Banken mittlerweile eine Plattform zur Projektfinanzierung für Private lanciert. Die Luzerner Kantonalbank versucht zurzeit, ein KB-weites Angebot auf die Beine zu stellen.

Doch darüber hinaus geschieht wenig. Rund 85% wollen kein Crowdlending anbieten, sprich Kreditfinanzierung für beispielsweise KMU, wo die Beträge um einiges höher wären. Der Bereich wird zum grossen Teil den Start-up-Plattformen überlassen.

Kooperation könnte sich lohnen

«Die Banken sehen heute die digitalen Marktplätze noch nicht als sehr zukunftsrelevant», so Zerndt, «sie wissen nicht, welche Innovation in Zukunft ertragsversprechend ist.» Auch Immobilienmarktplätzen, Plattformen für Bonuspunkte oder bankeigenen App Stores messen sie kaum Bedeutung zu.

Dabei ist dieser Bereich eines der grössten Wachstumsfelder im Fintech-Bereich, und Kooperationen mit Start-ups auf diesem Gebiet könnten sich lohnen. «Diese Angebote könnten gut für eine moderne Positionierung der Bank genutzt werden», sagt Kohlmann.

Kaum Ideen fürs Filialnetz

Die Zukunft lässt auf sich warten, und über die Gegenwart macht man sich kaum Gedanken: Nur gut ein Viertel der Banken hat sich bisher überlegt, wie ihr Filialnetz in der digitalen Zukunft aussehen soll. Fest steht hingegen für 80% der Banken, dass sie sich nicht komplett digitalisieren und die physische Filiale in irgendeiner Form erhalten wollen.

Von dem her passt die Einschätzung von über der Hälfte der Banken, dass sie Stand heute nicht zu 100% auf die Herausforderungen der digitalen Welt eingestellt sind.