Meinungen

Weltwirtschaft bleibt schwächlich

Die Politik sollte eine Anpassung der Welthandelsorganisation WTO an die ökonomischen Veränderungen anstreben. Ein Kommentar von Bernd Schips.

«Europa sollte nicht mit einer gesamtwirtschaftlichen Erholung rechnen.»

Die Wachstumsdynamik der Weltwirtschaft hat sich sukzessive abgeschwächt. In weiten Teilen Europas und in nicht wenigen Schwellenländern ist eine deutliche Verringerung der Wachstumsrate der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung (BIP) zu beobachten. Praktisch nur in den USA hat die Wachstumsrate des BIP bislang nicht wirklich auf den Rückgang im weltweiten Austausch von Waren und Dienstleistungen reagiert.

Die Deregulierung wirtschaftlicher Aktivitäten, höhere Staatsausgaben und  Steuersenkungen führten in den letzten drei Jahren zu einem robusten und vergleichsweise kräftigen Wachstum des US-BIP. Nicht zuletzt deshalb wirkten sich die von den USA ausgelösten Handelsstreitigkeiten für das eigene Land noch nicht spürbar negativ aus. Die Warenexporte sind zwar etwas zurückgegangen, doch im Unterschied zu vielen europäischen und asiatischen Ländern sind diese Exporte für die Entwicklung des amerikanischen BIP aber nicht entscheidend (Anteil ca. 8%).

Auch der Wachstumsbeitrag des verarbeitenden Gewerbes ist in den USA schon seit Jahren erheblich geringer als in den meisten europäischen und vielen asiatischen Ländern. Es ist daher wenig überraschend, dass sich die Handelsstreitigkeiten – sowie die aus unterschiedlichen Gründen verhängten wirtschaftlichen Sanktionen – noch kaum im US-BIP bemerkbar gemacht haben. Die angesichts aktueller Daten für die Einkaufsmanagerindizes zu erwartende Verschlechterung der Lage im verarbeitenden Gewerbe ist deshalb kein hinreichendes Indiz für einen unmittelbar bevorstehenden konjunkturellen Einbruch. Dienstleistungen und privater Verbrauch bestimmen nach wie vor die Entwicklung des US-BIP.

Bleiben die USA verschont?

Trotz der aufgrund chronischer Handelsbilanzdefizite als nötig erachteten Anhebung von Zollsätzen für Warenimporte aus bestimmten Wirtschaftsräumen und für ausgewählte Produkte sind diese Defizite weiter gestiegen. Die Gegenreaktionen der von der Zollsatzanhebung betroffenen Handelspartner haben sich bisher nur auf einzelne Wirtschaftsbereiche ausgewirkt. Dank des gegenwärtig starken Dollars ist es aber nicht zu einem stärkeren Anstieg der Konsumentenpreise gekommen.

Das Wirtschaftswachstum hat zu einer positiven Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt geführt. Die Arbeitslosenquoten sind massiv zurückgegangen und die Löhne gestiegen. Solange die gute Lage auf dem US-Arbeitsmarkt anhält, ist deshalb von einem die BIP-Entwicklung weiterhin stützenden Wachstumsbeitrag des privaten Verbrauchs auszugehen. Allerdings ist in den letzten Monaten der Beschäftigungszuwachs geringer geworden. Sollte sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt verschlechtern, dürfte sich die Kaufkrafteinbusse im privaten Verbrauch und in der Entwicklung des BIP niederschlagen. Eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums könnte sich auch auf die Finanzmärkte (v. a. auf die Aktienkurse) auswirken; sinkende Kurse und damit einhergehende negative Vermögenseffekte würden das Verbraucherverhalten beeinträchtigen und die konjunkturelle Abschwächung verstärken.

Das Fed wird jedoch einer sich abzeichnenden konjunkturellen Abschwächung mit weiteren Senkungen der Federal Funds Rate vorbeugen. Mit dem erneuten Kauf von Staatsanleihen ist aber vorerst nicht zu rechnen. Die jüngsten Unruhen am Tagesgeldmarkt sind lediglich ein Indiz für einen temporären Mangel an qualitativ hochwertigen liquiden Anlagen. Regulatorisch vorgegebene strengere Liquiditätsanforderungen haben zu einer vom Fed nicht gewollten monetären Straffung und zur Verringerung überschüssiger Bankreserven geführt. Das Fed lehnt deshalb eine Lockerung der Liquiditätsanforderungen und eine Ausweitung seiner Bilanz ab.

Wegen der Zinssenkungen wird der Renditevorteil der USA jedoch abnehmen. Die Kapitalimporte (v. a. aus der Eurozone) werden deshalb zurückgehen, trotz der Dominanz des Dollars im Weltwährungssystem und der Anlagemöglichkeiten suchenden Sparüberschüsse anderer Volkswirtschaften. Die Finanzierung der Haushaltsdefizite und der privaten Verschuldung der USA durch das Ausland wird daher künftig schwieriger sein und das Fed unter Umständen erneut zum Ankauf eigener Anleihen zwingen. Der Dollarkurs dürfte dann deutlich nachgeben. Ein wieder schwächerer US-Dollar wird aber keine deutlich höheren Warenexporte auslösen,  die wechselkursbedingten höheren Importgüterpreise werden jedoch zu steigenden Konsumentenpreisen und einem Rückgang des privaten Verbrauchs führen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) ist für die Entwicklung der Weltwirtschaft 2020 noch recht zuversichtlich. Die von ihm erwartete wirtschaftliche Erholung der Schwellenländer und die für das kommende Jahr unterstellte nur leichte Abschwächung der Wachstumsrate des US-BIP sowie das höhere BIP-Wachstum in der Eurozone, dem Vereinigten Königreich, Kanada und Japan sind jedoch keinesfalls gesichert. Die für die Eurozone angenommene  Wachstumsrate für 2020 basiert z. B. auf einem wieder höheren BIP-Wachstum in Deutschland, was aber mit einiger Sicherheit nur auf mehr Arbeitstage zurückgehen dürfte.

Die gesamtwirtschaftliche Schwäche Deutschlands ist nicht nur Folge der Handelsstreitigkeiten und der Sanktionen, sondern auch das Ergebnis interner struktureller Probleme, wie bürokratischer Behinderung privater und öffentlicher Investitionen, der Stromverteuerung, gestiegener Abgaben für Privathaushalte und Unternehmen, umwelt- und sozialpolitisch motivierter Eingriffe in Marktmechanismen, politisch geforderter Umstellungen wichtiger Industrien usw. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland ist aber für die Eurozone und Nachbarländer – wie die Schweiz – ein die gesamtwirtschaftliche Entwicklung bestimmender Faktor. Die europäischen Länder sollten deshalb eher mit einer sich fortsetzenden konjunkturellen Schwäche als mit einer rasch einsetzenden gesamtwirtschaftlichen Erholung rechnen.

Künftig mehr Freihandelsverträge 

Die anhaltenden  Handelsstreitigkeiten führen nicht nur zu negativen Wachstumsbeiträgen des Aussenhandels, sondern beeinträchtigen v. a. die Investitionsentscheide der Unternehmen. Auch wenn sich China und die USA in einzelnen Handelsfragen einigen sollten, ist nicht mit einer raschen Wiederherstellung des Funktionierens der Welthandelsorganisation (WTO) zu rechnen. In den USA wird nicht verstanden, dass die Integration Chinas und anderer Länder nach den Zusammenbruch der Sowjetunion eine massive Ausweitung der internationalen Arbeitsteilung ermöglichte. Die zur Bewältigung der Angebotsschocks notwendigen Anpassungen fielen etlichen Volkswirtschaften leichter als den USA, die sich aufgrund ihres grossen Binnenmarktes zuvor nicht im internationalen Wettbewerb behaupten mussten. Auch die technologischen Fortschritte Chinas und anderer asiatischer Länder und ihre Folgen für die Industrie wurden in den USA zu lange unterschätzt.

Der Versuch der USA, mit Handelsbeschränkungen Wettbewerbsstärke zurückzugewinnen, dürfte – wie die Entwicklung der Handelsbilanzdefizite zeigt – scheitern. Die Folge der von der Politik in den USA ausgehenden Handelskonflikte wird eine steigende Zahl von Freihandelsverträgen sein. Damit können marktmächtigere Handelspartner ihre nationalen Interessen in der Regel einfacher durchsetzen als im Rahmen der WTO. Die politischen Bemühungen sollten sich deshalb auf eine rasche Anpassung der WTO an die ökonomischen Veränderungen im Zuge der Globalisierung konzentrieren. Solange dies nicht der Fall ist, wird sich auch die Weltwirtschaft nicht erholen können.