Meinungen

Wenig Lohnspielraum

Die Gewerkschaften fordern auch in der tiefen Krise höhere Löhne. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Was in einem Unternehmen möglich sein mag, kann dem anderen das Genick brechen.»

Die Gewerkschaften wissen es wieder einmal besser: «Lohnerhöhungen sind nötig – und möglich.» So lautet der Titel ihrer Medienmitteilung zu den Lohnforderungen für das kommende Jahr. Vielen Branchen gehe es «gut bis sehr gut».

Diese Äusserungen stehen in einem seltsamen Kontrast zu den aktuellen Zahlen zur Wirtschaftsentwicklung. Im zweiten Quartal ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) 8,2% eingebrochen. Das ist die schlimmste Rezession seit Jahrzehnten. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sich die Wirtschaft etwas besser und rascher zu erholen scheint, als zunächst erwartet wurde. Das Staatssekretariat für Wirtschaft erwartet für das ganze Jahr einen Rückgang des BIP um «nur» 5% statt wie noch im Juni prognostiziert 6,2%. Das ist zwar erfreulich, die Schweiz bleibt aber in einer schweren Rezession.

Der Gewerkschaftsbund will sich mit dieser Realität nicht anfreunden und fordert unverdrossen höhere Löhne. Wenn nicht für die ganze Wirtschaft, so doch für die – vermeintlich – florierenden Branchen. In anklagendem Ton hielt der Prä­sident des Gewerkschaftsbunds, der SP-Politiker Pierre-Yves Maillard, am Montag vor den Medien fest, die Unternehmen hätten stets Milliarden von Dividenden ausgezahlt und Reserven geäufnet, nun seien die Löhne an der Reihe.

Mit diesen Äusserungen belegt Maillard ein bemerkenswertes Unverständnis ökonomischer Zusammenhänge. Dividenden sind der Preis, den ein Unter­nehmen für die von den Aktionären zur Verfügung gestellten Eigenmittel bezahlt. Sie dienen nicht zur Bereicherung angeblich ohnehin schon unverschämt reicher Aktionäre. Zudem geht Jahr für Jahr ein ­erheblicher Teil der Dividenden an die Pensionskassen und hilft damit, die Altersvorsorge zu finanzieren. Reserven sind letztlich eine Auszeichnung für vorsichtiges und vorausschauendes Wirtschaften. Unternehmen, die über genügend Reserven verfügen, sind krisenresistenter, ihre Arbeitsplätze sind sicherer.

Derartige Überlegungen sind den Gewerkschaften fremd. So fordert die Unia mindestens 100 Fr. mehr pro Monat für alle Angestellten, und der Bankpersonalverband verlangt eine Lohnerhöhung von 1,8% für Einkommen bis 148 000 Fr. sowie die Ausrichtung einer einmaligen Prämie von 900 Fr. Die Liste liesse sich verlängern.

Flächendeckende Lohnforderungen sind grundsätzlich falsch. Das gilt erst recht in einer tiefen Krise. Jedes Unternehmen ist besonders strukturiert und hat spezielle Möglichkeiten. Was dem einen Unternehmen möglich sein mag, kann dem anderen das Genick brechen – etwa wenn es an Reserven fehlt. So werden im schlimmeren Fall Arbeitsplätze gefährdet, was ja wohl nicht den Intentionen der Gewerkschaften entsprechen kann. 

In der gegenwärtigen Lage ist der Spielraum für Lohnerhöhungen sehr klein. Es muss darum gehen, Arbeitsplätze zu ­sichern und nicht die Löhne – und damit die Kosten – nach oben zu treiben. Eine derartige Politik könnte rasch zum Rohrkrepierer werden und nicht nur einzelne Arbeitsplätze, sondern die Existenz ganzer Unternehmen gefährden.