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Blogs / Fintech

Wenn Bitcoins sicherer sind als Euros

Luzius Meisser
Seit Jahren halten die polnischen Behörden Euro-Guthaben von Nutzern der ehemaligen Bitcoin-Börse Bitcoin-24 unter Verschluss. Eine Begründung gibt es auf Anfrage nicht.

Unter normalen Umständen gelten Guthaben in Euro als sicherer als solche in Bitcoin. Nicht so beim Untergang der deutschen Bitcoin-Börse Bitcoin-24 im Frühling 2013. Während die Kunden der Börse ihre Bitcoin-Guthaben bald ausbezahlt erhielten, ruht ein grosser Teil ihrer Euro-Guthaben noch heute eingefroren in Polen, gefangen in den Mühlen der dortigen Justiz.

Bitcoin-24 war vor ihrem Kollaps die zweitgrösste Bitcoin-Börse der Welt, hinter der berüchtigten MtGox, die weniger als ein Jahr später spektakulär unterging und dabei Kundengelder im Wert von mehreren hundert Millionen mit sich riss.

Viele Bitcoin-Benutzer trauten MtGox schon früh nicht so recht, und wandten sich deshalb an Bitcoin-24. Hätte Bitcoin-24 überlebt, könnte sie heute eine der grössten Bitcoin-Börsen der Welt sein, in einem Markt mit einem täglichen Handelsvolumen von über 1 Mrd. $.

Ungereimtheiten im Trading-System

2013 war das Handelsvolumen noch wesentlich kleiner. Eine gute Auswahl an Börsen gab es damals auch noch nicht. Die operativ tätigen Börsen waren dies nur deshalb, weil sie sich nicht um die damit verbundenen langwierigen regulatorischen Fragen scherten. Im Gegensatz dazu ist die rechtliche Situation heute klarer und die meisten Börsen halten sich inzwischen strikt an die relevanten Vorschriften.

Gegründet wurde Bitcoin-24 von einem jungen deutschen Informatik-Studenten, der vom raschen Wachstum des Ganzen wohl selbst überwältigt war. So kam es hin und wieder zu Ungereimtheiten im Trading-System.

Insgesamt aber funktionierte die Börse, bis die deutsche Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Geldwäscherei eine Hausdurchsuchung durchführte und alle deutschen Bankkonten einfror. Den Deutschen gleich tat es die Staatsanwaltschaft Polens, wo Bitcoin-24 ein paar Millionen Euro an Kundengeldern bei der Bank Zachodni lagerte.

Konten wegen Hackern eingefroren

Doch warum wurden die Konten eingefroren? Das Hauptproblem von Bitcoin-24 und vieler anderer Bitcoin-Börsen bestand damals darin, dass diese immer wieder Geld von gehackten Bankkonten überwiesen erhielten. Solche Hacks sind wohl weiter verbreitet, als es die meisten Banken zugeben wollen.

Jedenfalls scheint es gängige Praxis der Banken, die Konten von Bitcoin-Börsen nach wenigen eingegangen Zahlungen von gehackten Konten zu schliessen; selbst wenn der Empfänger unbeteiligt ist und dieser das Geld bei Bekanntwerden umgehend wieder retourniert.

Leider sind die genauen Umstände des Bitcoin-24-Falls unbekannt, da der Gründer auf Anraten seiner Anwälte im Verlauf der Geschichte immer wortkarger wurde und sich zunehmend vom direkten Kontakt mit den Benutzern zurückzog.

Polnischer Staatsanwalt droht mit Verhaftung

Die diversen Drohungen gegen seine Person waren wohl auch nicht der offenen Kommunikation zuträglich. Bekannt ist aber, dass er sich bemühte, die Guthaben der Kunden baldmöglichst zurückzuzahlen. Bei den Bitcoin-Guthaben ging das naturgemäss rasch und unkompliziert, da sie nicht eingefroren werden können.

Die Rückzahlung der Kunden-Guthaben, die auf einem Euro-Konto der Commerzbank (CBK 12.12 0.5%) lagerten, dauerte etwas länger. Nach etwa zwei Monaten sah die deutsche Justiz aber ein, dass das Einfrieren aller Kundenvermögen unverhältnismässig ist, und gab sie wieder frei.

Der zuständige Staatsanwalt in Polen hält die dortigen Millionen aber bis heute auf unbestimmte Zeit fest, ohne schlüssige Begründung und ohne Akteneinsicht zu gewähren. Ein Bitte um Stellungnahme zum Verfahren bleibt unbeantwortet. Er möchte den Gründer vor Ort befragen, droht ihm aber gleichzeitig mit Verhaftung bei Einreise und mit mehreren Jahren Gefängnis.

Was ist die Grundlage der Beschlagnahmung?

Hingegen finden die Anwälte von Bitcoin-24, Röhl, Dehm und Partner, in einer Erklärung an die betroffenen Nutzer deutliche Worte: «Hierzu ist vorweg zu sagen, dass sich die Lage in Polen und das Vorgehen der polnischen Staatsanwaltschaft als immer unerfreulicher und wohl mit rechtsstaatlichen Gedanken als nicht mehr vereinbar darstellt….Erschwerend kommt hinzu, dass die polnische Staatsanwaltschaft allem Anschein nach das System der Börse unserer Mandantin nicht verstanden hat und auch nicht bereit zu sein scheint, das System verstehen zu wollen….Allerdings gab auch das Gericht nicht zu erkennen, was überhaupt die wirkliche Grundlage der Beschlagnahme war. Dieses Verhalten ist kaum nachvollziehbar und wirft ein enorm schlechtes Licht auf die Justiz in Polen.»

Im Fall Bitcoin-24 sind Nutzer mit Guthaben in Bitcoin also deutlich besser gefahren als diese mit Guthaben in Euro. Deren Euro-Guthaben drohen in einem Staatsapparat zu versickern, der eigentlich dafür da wäre, Rechte und Eigentum der Bürger zu schützen.

Die Betroffenen können ihre Forderungen leider nicht direkt geltend machen, und haben so teuer lernen müssen, dass Eigentum nicht unbedingt sicherer wird, wenn es der Staat jederzeit in seine Gewalt bringen kann, und dass eine funktionierende Justiz keine Selbstverständlichkeit ist.