Markttechnik / A. Cortés

Wenn der Ölpreis die Börse ölt

Die Opec-Tagung hatte sich zum Ziel gesetzt, den Ölpreis zu stabilisieren. Die Konferenz scheiterte, dennoch steigt seither der Ölpreis.

Alfons Cortés

Mitte April tagte die Opec. Ziel: Produktion drosseln, Ölpreis mindestens stabilisieren. Ergebnis: Konferenz gescheitert. Am darauffolgenden Tag eröffnete der Crude-Oil-Futures in Fernost 4,5% tiefer und fiel um bis zu 6,9%. Das nennen gewisse Leute effiziente Verarbeitung von Informationen.

Für mich war das ganz einfach wertungsfrei eine Reaktion auf eine Nachricht. Sie war –  wie Reaktionen auf Tagesnachrichten meistens sind – ökonomisch ineffizient, denn seither ist der US-Crude-Oil-Futures bis letzten Freitag 16,3% gestiegen. Damit hat er den Trend nach oben fortgesetzt, der am 11. Februar begonnen und bis zum 22. April einen Anstieg von 60% gebracht hat.

Ein junger Bulle

Wie Preise auf welche Nachrichten reagieren, ist ein wichtiger Informant.  Der bisherige Verlauf an der Nahtstelle Preis/Nachrichtenfluss ist ein Mosaiksteinchen im Porträt des Ölmarktes. Es stellt einen jungen Bullen dar, von dem man noch nicht weiss, wie dynamisch und kräftig er werden wird, aber gleichzeitig annehmen darf, dass er nicht eines vorzeitigen Todes stirbt.

Es gibt noch andere Mosaiksteinchen, die gar nicht alle aufgezählt werden können. Eines möchte ich allerdings erwähnen, weil es immer wieder vorkommt und nie gering geschätzt werden sollte. Es geht um das Dreiecksverhältnis zwischen Relative Strength Index (RSI), Preis und Bollinger-Band, in diesem Falle dem 10-Monate-Band. Der tiefste Wert des RSI wurde Ende Januar 2015 auf 24,3515 notiert. Der Ölpreis lag bei 47.85 $. Gleichzeitig entwickelte sich eine Blase in besagtem Band. Zu erwarten war eine Erholung gegen den fallenden Trend. Sie liess nur zwei Monate auf sich warten (für meine Kritiker: sie wurde in der Kolumne vom 4. März 2015 angesagt).

Die Erholung führte bis zum fallenden 10-Monate-Durchschnitt und scheiterte dort im Juni 47% über dem Tiefststand von März 2015. Im Februar 2016 schloss der Preis auf 33.90 $, nach einem Tief von 26.05 $. Der RSI hatte sich derweil von 24,3515 auf 26,3312 erholt. Eine deutliche positive Divergenz zwischen Preistrend und RSI war entstanden. Die japanische «Kerze» des Monats Februar stellte einen sogenannten Doji dar. Die zweite «Blase» im Abwärtstrend seit Juli 2014 war im 10-Monate-Bollinger Band entstanden und setzte an, sich zu schliessen.

Signalwirkung

Die Kombination der positiven Divergenz, des Doji und der Bollinger-Blase ist es, die dafür spricht, dass der Ölpreis im Februar – Opec hin oder her – sein Tiefst im Abwärtstrend gesehen und eine Trendwende eingeläutet hat. Als einzelne Erscheinung hätte keines dieser Symbole Signalwirkung gehabt. Diese Kombination war der Katalysator für die Rally gegen den Trend an den Aktienmärkten. Seit dem 11. Februar legen Aktien aus Gruppen wie Öl, Rohstoffe, Industrie relativ stark zu den Indizes zu, während die früheren Gewinner, besonders aus Getränke und Nahrungsmittel, Pharma und dergleichen, relativ zu den Indizes fallen.

Diese Neuausrichtung der Präferenzen ist noch nicht abgeschlossen. Viele werden sich an das Ende der Ölbaisse noch anpassen müssen. Die enge Korrelation zwischen Ölpreistrend und Aktienindextrend ist daher als noch nicht beendet anzusehen. Doch wie es mit Katalysatoren an der Börse üblich ist, wird auch dieser seine Wirkung mit der Zeit verlieren. Von einer dauerhaften Korrelation zwischen Aktienindizes und Öl kann man nicht ausgehen. Die Geschichte spricht jedenfalls nicht dafür.

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