Meinungen

Wenn die Besten das Land verlassen

Katastrophale Arbeitsmarktaussichten in Südeuropa zwingen immer mehr Menschen zum Auswandern. Die Effekte werden einseitig interpretiert, schreibt FuW-Redaktor Andreas Neinhaus.

«Abwanderung ist zu einem wichtigen volkswirtschaftlichen Phänomen geworden.»

Dieser Tage laufen die Rechner der Konjunktur­forschungsinstitute auf Hochtouren. Eben sind die ersten Schätzungen des Bruttoinlandprodukts des laufenden Jahres in den meisten europäischen Staaten eingetroffen. Bisher waren nur einzelne Komponenten bekannt, etwa die Konsumstimmung oder die Aufträge im Maschinenbau. Das BIP ermöglicht nun die erste Gesamtschau auf fast jeden Aspekt einer Volkswirtschaft. Es erlaubt eine ziemlich akkurate Diagnose des Zustands eines Landes in den vergangenen drei Monaten. Öko­nomen nutzen die Daten, gehen über die Bücher und passen ihre Prognosen an.

Für die Peripheriestaaten der Eurozone ist das Krankheitsbild leider wenig erbaulich ausgefallen. Das BIP ist im ersten Vierteljahr weiter geschrumpft. Immerhin hat sich der Rückgang nicht mehr beschleunigt, was an den Märkten bereits ein Aufatmen – eine minimale Verrin­gerung der Risikoaufschläge – bewirkte. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus. Selbst wenn das BIP leicht gestiegen wäre, würde das an der Lebens- und Einkommens­situation in den betroffenen Ländern wenig ändern. Sie bleibt noch auf Jahre hinaus prekär.

Damit sich die Lage tatsächlich bessert, müssen sich neue Beschäftigungsmöglichkeiten auftun und Stellen geschaffen werden. Davon sind Griechenland, Italien, Portugal und Spanien – die sogenannten GIPS-Staaten – weit entfernt. Schlimmer noch: Während sich die Abwärtsspirale des BIP zu stabilisieren scheint, beschleunigt sich der Verlust des Vertrauens der Bevölkerung in das ­Beschäftigungspotenzial des eigenen Landes, und das mit einer Geschwindigkeit, die erschreckend ist. Von den 19 Mio. Arbeitslosen in der Eurozone entfallen inzwischen 60% auf die vier genannten Länder. Vor zehn Jahren ­waren es knapp 40%.

Wer kann, verlässt das Land, lautet inzwischen dort die Devise. Abwanderung ist zu einem wichtigen volkswirtschaftlichen Phänomen geworden. Man braucht kein Hellseher zu sein, um vorauszusagen, dass die Emigration Konjunkturforscher und Wirtschaftspolitiker zunehmend beschäftigen wird, selbst wenn sie dem Phänomen heute noch wenig Beachtung schenken und dessen öko­nomische Effekte häufig zu einseitig interpretieren.

Mobil und anpassungsfähig

Die Theorie erkennt nur Vorteile, wenn Arbeitskräfte mangels Beschäftigungschancen im eigenen Land ins Ausland abwandern und dort nach einer Stelle suchen. Es ist Teil eines natürlichen Anpassungsprozesses. Wett­bewerbsschwächen und -stärken, Nachfragelücken und -überhänge werden so überwunden. Olivier Blanchard, seit viereinhalb Jahren Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, fasste in einer in den Neunzigerjahren veröffentlichten Studie den Idealfall der Arbeitsmigration in wirtschaftlichen Krisenzeiten wie folgt zusammen: «Schocks in der Arbeitsnachfrage führen zu Bewegungen der relativen Löhne und der Arbeitslosigkeit. Diese lösen Anpassungen in Form von Arbeits- und Firmenmobilität aus. Das dauert so lange, bis die Arbeitslosenrate und die Löhne wieder zum Normalzustand zurückgekehrt sind.» Eine Kettenreaktion also, die die Wirtschaft immer in den gewünschten Gleichgewichtszustand führt.

Die Gründer der Europäischen Währungsunion legten grossen Wert darauf, dass diese Fähigkeit, sich stets ­anpassen zu können, im Euroraum auch garantiert sein würde: Mobilität nicht nur von Kapital, Gütern und Dienstleistungen, sondern auch von Arbeit. Wenn von «optimalen Währungsräumen» die Rede ist, dann ist ­genau diese Mobilität gemeint. Sie ist unerlässlich, weil Euromitglieder wie eben Italien oder Griechenland nicht mehr das frühere Notventil ziehen können: die Lira oder die Drachme abzuwerten, um die von Blanchard angesprochene Anpassung der Löhne rasch und ohne müh­selige Reformumwege zu realisieren.

Wenn diese Annahmen stimmen, dann müsste die gegenwärtige Krise in Südeuropa den empirischen ­Nachweis erbringen, ob der Eurowährungsraum wirklich ­optimal ist. Funktioniert die Arbeitsmobilität genauso gut wie in den USA? Charles Goodhart und James Bee von der London School of Economics sind der Frage nachgegangen. Sie untersuchten die Anpassungsfähigkeit, speziell des Arbeitsmarkts, in Spanien und im US-Bundesstaat Arizona während der vergangenen Jahre. Sie kommen zu keinem eindeutigen Schluss, gestehen der Eurozone jedoch zu, dass die Zu- und Abwanderungsbewegungen als Reaktion auf makroökonomische Faktoren deutlich ­flexibler seien als früher. Damals, in den Achtziger- und Neunzigerjahren, führten strukturelle Arbeitsplatzverluste in Staaten oder Regionen nur dazu, dass die Arbeitslosenrate stieg und später die Partizipationsrate am Arbeitsmarkt sank, denn viele Menschen gaben die Stellensuche auf und schieden aus dem Berufsleben aus.

Sind die Abwanderungen aus Süd- nach Nordeuropa also tatsächlich ein ökonomischer Gewinn? Ja und Nein. Letztlich tragen sie zu dem innereuropäischen Anpassungsprozess bei, der wie beschrieben irgendwann zu einem neuen Gleichgewicht führt, wenn man der Theorie glaubt. Arbeitnehmer finden neue Stellen, verdienen Geld, und so wird verhindert, dass sich die Armut ausbreitet. Die Migration übt sogar einen positiven Effekt auf die Konjunkturindikatoren aus: Die EU revidierte kürzlich die Arbeitslosigkeitsprognose für Irland nach unten. Nicht weil die Wirtschaft besser läuft, sondern weil die Abwanderung stärker ausfällt, als die Brüsseler Ökonomen bisher angenommen hatten. Arbeitsämter und die Arbeitslosenkasse werden entlastet, wenn wie in Portugal sich vergangenes Jahr zwischen Januar und Oktober 25 000 ­registrierte Arbeitslose abmeldeten, weil sie das Land ­verliessen. Viele Ökonomen halten das Pro-Kopf-BIP für die aussagekräftigere wirtschaftliche Grösse. Auch sie ­gewinnen einem demografischen Schwund Positives ab.

Verlust an Wettbewerbsfähigkeit

Und doch sollte die Entwicklung all diejenigen beunruhigen, die an einer Überwindung der Wirtschaftskrise in Südeuropa interessiert sind. Wenn die Besten das eigene Land verlassen, dann geht mit ihnen auch künftiges Wachstumspotenzial verloren. Die Volkswirtschaften ­verlieren Ingenieure, Mediziner – allein die Zahl Bewer­bungen griechischer Ärzte in Grossbritannien hat sich Medienberichten zufolge verdreifacht – und viele andere Spezialisten. Daraufhin verliert das Land auch als Investitionsstandort an Attraktivität. Das ist genau das Gegenteil dessen, was mit der schmerzhaften Austerität und ­Reformpolitik doch eigentlich angestrebt wird; sie sollen die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft verbessern – dazu gehört allerdings mehr, als nur die Lohnstückkosten zu reduzieren. Die Abwanderung betrifft zudem in ­hohem Masse die junge Elite des Landes. Qualifizierte Schul- und Hochschulabgänger, in die die Gesellschaft über das ­öffentliche Bildungswesen investiert hat. Künftige Unternehmer, Erfinder und Innovateure, die dazu beitragen sollten, die Produktivität zu steigern.

Der sowieso schon ungünstige Verlauf der Demografie in den GIPS verschärft sich daraufhin nur noch. Gemäss OECD machten Zuwanderer im vergangenen Jahrzehnt 70% des Wachstums der erwerbstätigen Bevölkerung in der EU aus. Die Bedeutung der Migration nehme zu, weil mehr und mehr Babyboomer in Pension gehen werden. Die Experten der OECD warnen, dass ab 2015 die bis­herige Zuwanderungsentwicklung nicht mehr ausreiche, um die erwerbstätige Bevölkerung zu halten. Die GIPS sind diesbezüglich einen Schritt näher an die «demografische Klippe» gerückt: Die Gesamtbevölkerung schrumpft, nur Italien verzeichnet noch einen leichten Anstieg.

Der wachsende Abwanderungsdruck in den GIPS stellt die Troika aus EU-Kommission, Weltwährungsfonds und Europäischer Zentralbank vor ein neues Problem. Ihre Formel, wie sich die finanziellen Verbindlichkeiten der öffentlichen Hand in den kommenden Jahren zurückführen lassen, enthält plötzlich eine weitere Unbekannte. Wie realistisch sind vor diesem Hintergrund die Wachstumsschätzungen? Wie viele Steuerzahler werden überhaupt noch in den Ländern leben, um die riesigen finanziellen Altschulden zu schultern? Die jüngste Erfahrung rät zu zurückhaltenden Erwartungen.