Zum Thema: Schwache Schwellenländer werden jetzt bestraft

Wenn die Kapitalflut plötzlich zur Ebbe wird

Importländern droht eine Zahlungsbilanzkrise, wenn die internationalen Kapitalströme nicht mehr zu-, sondern abfliessen.

Den Kapitalabfluss stoppen und damit eine Zahlungsbilanzkrise abwenden ­wollen die Türkei und Indien, indem die ­Notenbanken diese Woche die Leitzinsen erhöhen. Ebenso auf den stetigen Zufluss von ausländischem ­Kapital angewiesen sind Brasilien, Indonesien und Südafrika. Zusammen bilden sie den Club der «fragilen Fünf».

Wie gerät ein Land in eine solche ­Abhängigkeit? Insgesamt ist die Welt im Gleichgewicht, zumindest aus buch­halterischer Sicht. Exportländer verkaufen Waren und Dienstleistungen, dafür bezahlen die Importeure die Rechnung. Den Lieferungen kommt also ein ­Zahlungsstrom entgegen, das gleicht sich aus. Doch es gibt eine zeitliche Ver­schiebung, falls der Importeur nicht bar bezahlt, sondern sich verschuldet.

Auf Pump importieren

Führt ein Land also mehr Güter ein als aus, ist die Handelsbilanz im Defizit – sie registriert den grenzüberschreitenden Warenverkehr. Die Handelsbilanz ist der grösste Posten der Leistungsbilanz (Current Account). Diese umfasst neben Waren auch Dienstleistungen, ausserdem das Nettoeinkommen aus Investitionen im Ausland sowie Transferzahlungen.

Ein Importland hat ein Defizit in der Leistungsbilanz und eine Zahlungs­verpflichtung gegenüber dem Ausland, es häuft Schulden an. Ob die Schulden bei inländischen Unternehmen, Privathaushalten oder dem Staat liegen, ist sekundär. Umgekehrt ergibt ein Exportüberschuss eine Forderung resp. ein Gut­haben, das Land ist Gläubiger.

Solche Ungleichgewichte bergen die Gefahr von Spannungen. US-Politiker hatten kritisiert, China wolle die Welt mit günstigen Exporten überschwemmen, auf Kosten amerikanischer Arbeitsplätze, und schwäche dazu seine Währung. In jüngster Zeit steht Deutschland am Pranger, es sei Exportweltmeister zum Schaden der europäischen Peripherieländer.

Exportländer werden mit Kritik eingedeckt, Importländern droht aber Gefahr. Für gewisse Schwellenländer besteht das Risiko eines Sudden Stop, eines plötz­lichen Ausbleibens des Kapitalzustroms.

Im Boom haben Importländer vorerst kein Problem, weil genügend Kapital ­zufliesst. Die Kapitalbilanz ist positiv – sie bildet zusammen mit der Leistungs­bilanz die Zahlungsbilanz.

Fliesst gar übermässig Kapital ins Land, wertet sich die Währung auf, so ­geschehen in Brasilien von 2008 bis 2011. Doch der harte Real war nachteilig für brasilianische Exportunternehmen. Um die Aufwertung zu bremsen, hat die Zentralbank Real verkauft und Fremdwährungen gekauft, und die Regierung schränkte den freien Kapitalverkehr ein. Damit lässt sich die Kapitalflut eindämmen.

Der Sudden Stop

Wenn die Stimmung dreht, wird die Flut zur Ebbe. Es fliesst mehr Geld ab als zu, die Kapitalbilanz wird negativ, und die Währung schwächt sich ab. Die Zentralbank kann stützen, indem sie die eigene Währung kauft, solange sie dafür Devisen hat. Oder sie kann den Leitzins erhöhen, womit Geldmarktpapiere und Anleihen attraktiver werden. Die Regierung kann den Abfluss bremsen durch Steuern, einen maximalen monatlichen Verkaufsbetrag, oder Verbote.

Fliesst gleichwohl plötzlich massenhaft Kapital ab, wird das als Sudden Stop bezeichnet. Die Lieblinge des Booms werden zu Sorgenkindern. In einer solchen Zahlungsbilanzkrise kann der Internationale Währungsfonds (IWF) mit Notkrediten einspringen, die aber an strenge Vorgaben gekoppelt sind.

Den Druck des IWF spürten Länder in der Asienkrise. Um dieser Schmach künftig zu entgehen, haben sie ihre (Geld-)Politik angepasst. Diese Lektion steht den «fragilen Fünf» noch bevor.