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Wenn menschliche Intelligenz nicht mehr reicht

Von der Spanischen Grippe zum Sputnik- bis zum Coronaschock: Statt Isolationismus ist Zusammenarbeit nun wichtig.

Pascal Kaufmann und Jakob Hauser

Auch mehr als 50 Jahre nach der ersten Mondlandung fasziniert es auch heute noch Millionen von Menschen, wenn Elon Musks SpaceX Menschen in die Umlaufbahn katapultiert. Und es beruhigt, dass technologische Impulse nicht nur aus Asien, sondern noch immer auch aus den USA vernommen werden.

Vorausgegangen war diesen Entwicklungen allerdings ein historischer Schock: Am 4. Oktober 1957 gelang es nämlich der Sowjetunion, einen Satelliten – den Sputnik – in eine Erdumlaufbahn zu schiessen. Was heute Routine geworden ist, war damals eine Sensation. Und ein Schock: denn im Westen – und die Schweiz zählte sich dazu – befürchtete man weitherum, die Sowjetunion habe sich einen technologischen Vorsprung erarbeitet.

Auf den Schock folgte die Bildungsoffensive

In der Folge reagierte der Westen energisch mit Technologie-Programmen und Bildungsoffensiven. Der Sputnik-Schock war der Auslöser für das Nasa-Programm in den USA ebenso wie für eine umfassende Bildungsexpansion der 1960er Jahre in der Schweiz. Der Sputnik-Schock von 1957 löste eine innovative Bildungspolitik aus. «Nachwuchsplanung als Mittel zur Stärkung einer freien Gesellschaft», lautete die mahnende Schlussfolgerung eines viel beachteten Berichts, des Kommissionsberichts Schultz.

Zahllose Gymnasien wurden auf dem Land gegründet, um das Potenzial der Schweizer Jugendlichen besser zu fördern; die Zahl der Studierenden stieg von 14’000 im Jahre 1960 auf rund 45’000 Immatrikulierte im Jahr 1975.

Unwissenheit und mangelnde Kooperation

Zum Jahresbeginn 2020 wurde die mittlerweile globalisierte Welt erneut geschockt: Die ersten Meldungen über Covid-19 liessen aufschrecken; innert kürzester Zeit wuchs sich die Krankheit zur Pandemie aus. Trotz wochen- und monatelangen Lockdowns in zahlreichen Ländern sind die gesundheitlichen Schäden bedenklich, die Zahl der Todesopfer steigt immer noch an.

Mindestens ebenso gravierend sind die wirtschaftlichen Konsequenzen: die Coronakrise hat eine globale Rezession ausgelöst. In der Schweiz wird wie in anderen hochentwickelten Ländern mit einem Rückgang des BIP um 6 bis 7% gerechnet.

Gerne wird die Spanische Grippe 1919/20 zum Vergleich mit der Coronakrise herangezogen. Die Grippe wütete mit hoher Mortalität, die Menschen waren nach dem 1. Weltkrieg geschwächt, und durch die Heimkehr der Truppen verbreitete sie sich weltweit rasend schnell.

Da halfen traditionelle Mittel wenig. Im spanischen Zamora rief der Bischof zu einer Bussprozession auf, bei der die Gläubigen reihum die Gebeine des Ortsheiligen – immerhin als heiliger Rochus der Schutzpatron gegen die Pest – küssten und so die Infektionskette noch beschleunigten. Es kam anders, als es sich der Bischof gewünscht hatte … Wissen hätte geschützt!

Was lernen wir aus der Geschichte mit dem Sputnik-Schock? America first, unkoordinierte Wettrennen um den Covic-19-Impfstoff, isolationistische Bemühungen von Regierungen, Konkurrenz und Eigensucht dominieren auch 50 Jahre nach dem Sputnik-Schock die Diskussion. Es scheint, als setzte man auch 100 Jahre nach der Spanischen Grippe noch immer auf den heiligen Rochus, auf dass der Patron der Siechenhäuser uns beschütze vor weiteren globalen Seuchen.

Was zur Schaffung von künstlicher Intelligenz noch fehlt

Gibt es Alternativen, als nur auf das Prinzip Hoffnung zu setzen? Dafür müssen die Forschungslabore der Welt zum Wohle der Menschheit eng zusammenarbeiten müssen.

Die Datenflut ist immens – und die Daten müssen verknüpft werden können. Dafür müssen Instrumente entwickelt werden, die Datenflüsse koordinieren und auswerten können – auch Daten zu Menschen und deren spezielle Begabungen und Fertigkeiten. Auch in der Tech-Szene ist «Skills Management» ein heisses Thema. Es braucht eine mutige Offensive zur Förderung der künstlichen Intelligenz, denn die Corona-Krise ist nichts anderes als der Sputnik-Schock von heute.

Internationale Zusammenarbeit tut not – und nach der Abfolge neu auftretender Krankheiten in den Jahren nach 2000 muss man kein Hellseher sein, dass die medizinische Forschung vor neuen Herausforderungen stehen wird. Die nächste Pandemie kommt bestimmt. Wir brauchen etwas Effektiveres als menschliche Intelligenz: Wir brauchen künstliche Intelligenz, die wir für uns nutzbar machen können – zum Wohle und zum Schutze des Menschen.