Meinungen

Wenn sich die Flut zurückzieht

Das Eingreifen der Notenbanken nach der Finanzkrise war notwendig. Doch die lockere Geldpolitik führt zu Marktverzerrungen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Rohner.

«Wenn sich die Zentralbanken zurückziehen, wird sich zeigen, welche Bewertungen in normalen Zeiten gerechtfertigt sind.»

Mit ihrem entschiedenen Eingreifen haben die westlichen Zentralbanken vor bald zehn Jahren eine Kernschmelze des Finanzsystems verhindert. Und ohne das Bekenntnis der Europäischen Zentralbank, zur Not auch Staatsanleihen in grossem Stil zu kaufen, wäre die Eurozone vielleicht nicht mehr so, wie wir sie heute kennen.

Doch die Nullzinspolitik und die massiven Wertschriftenkäufe haben an den Finanzmärkten eine bedrohliche Situation geschaffen. Es gibt kaum ein Marktsegment, wo die Preise nicht in irgendeiner Form durch die jahrelange expansive Geldpolitik verzerrt sind. Am augenfälligsten ist dies am Anleihenmarkt. Dort haben die Renditen schon längst nichts mehr mit den Wachstums- und Inflationserwartungen der Anleger zu tun.

Die Bank of Japan etwa besitzt bereits 40% aller ausstehenden japanischen Staatsanleihen. Die immer mickrigeren Renditen drängen die Anleger in höher verzinsliche – sprich riskantere – Segmente. Deshalb sind auch Unternehmens- und Schwellenländeranleihen gleichermassen überteuert. Indirekt haben die Nullzinspolitik und die Liquiditätsschwemme auch die Aktien- und Immobilienpreise künstlich in die Höhe getrieben.

Dieser Zustand kann noch lange anhalten. Doch die jüngste Korrektur am Anleihenmarkt und die Äusserungen der Währungshüter in Frankfurt und London sind ein Weckruf. Das Fed hat sein Anleihenkaufprogramm 2014 eingestellt und seither mehrmals den Leitzins erhöht. Bald will es mit dem Abbau der Bilanz beginnen.

Wenn die Konjunktur so weiterläuft, werden ihm andere Zentralbanken folgen. Dann wird sich zeigen, welche Bewertungen auch in normalen Zeiten gerechtfertigt sind. Das wahre Schadensausmass sieht man erst, wenn sich die Flut zurückzieht.