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Wenn trotz Deflation vieles teurer wird

Seit fünf Jahren fällt in der Schweiz das Preisniveau. Weshalb sich das nicht unbedingt so anfühlt.

Peter Rohner

Seit fünf Jahren herrscht in der Schweiz Deflation. Insgesamt werden also alle Waren und Dienstleistungen Jahr für Jahr ein bisschen billiger. Das zumindest sagt uns der Landesindex der Konsumentenpreise (LIK, vgl. Grafik unten, dick in blauer Farbe abgebildet). Der LIK misst die Preisentwicklung eines Warenkorbs eines durchschnittlichen Schweizer Haushalts.

Seit Anfang der Achtzigerjahre ist das allgemeine Preisniveau in der Schweiz etwas mehr als 50% gestiegen. Den stärksten Teuerungsschub erlebte die Schweiz zu Beginn der Neunzigerjahre. Seither bewegt sich die jährliche Inflationsrate um 2% und darunter.

Doch das sind Durchschnittswerte, und diese decken sich nicht unbedingt mit der Wahrnehmung, besonders was die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre anbelangt. Was ist mit den steigenden Mieten, den teureren SBB-Tickets und dem Kaffee, der je nach Lage auch mal 5 Franken oder mehr kostet? Wo bitte schön herrscht denn diese Deflation?

Um das Paradox zwischen wahrgenommener Inflation und statistischer Deflation zu klären, reicht ein Blick auf die Untergruppen des LIK. Die dünnen Linien in der Grafik bilden die Preisentwicklung dieser Hauptgruppen seit 1983 ab. Sie zeigen deutlich: Gewisse Güter und Dienstleistungen sind um ein Vielfaches teurer geworden, andere dagegen massiv billiger, wie zum Beispiel die Nachrichtenübermittlung, wo das Ende des Staatsmonopols in der Telefonie die Preise zu Fall gebracht hat.

Teurere Privatschulen und höhere Studiengebühren

Schon fast Verhältnisse wie im inflationsgeplagten Argentinien bestehen im Bildungswesen. Die Preise in der LIK-Untergruppe «Unterricht» haben sich seit 1983 mehr als verdreifacht. Darin enthalten sind die Kosten für Privatschulen und Weiterbildungskurse sowie die Studiengebühren. Diese sind hierzulande im Vergleich zur angelsächsischen Region zwar immer noch sehr niedrig, sind aber in den letzten Jahren markant erhöht worden.

An der Uni Basel etwa bezahlten die Studenten in den Neunzigerjahren noch 150 Fr. pro Semester, heute sind es 850, was einer Teuerung von über 500% entspricht. Die Universität St. Gallen hat 2014 die Jahresgebühr für Schweizer Master-Studenten um 400 Fr. auf 2852 erhöht.  Der Ausgabeposten «Unterricht» hat zum Glück nur ein Gewicht von weniger als 1% im Warenkorb, weshalb er wenig Einfluss auf die Gesamtteuerung hat.

Am zweithöchsten war die Inflation im Bereich Restaurants und Hotellerie. Dort sind die Preise im Mittel seit 1983 220% gestiegen. Im Unterschied zum Gesamtindex sind die Preise für Restaurantbesuche und Hotelübernachtungen auch in den vergangenen sechs Jahren munter weiter gestiegen.

Auch der grösste Ausgabeposten, Wohnen und Energie, verzeichnete eine überdurchschnittliche Preissteigerung. Heiz- und Stromkosten sind dabei weniger stark ins Gewicht gefallen als die höheren Mieten. Diese haben sich seit 1983 verdoppelt. Auch in den letzten zehn Jahren sind sie landesweit 15% gestiegen. Treiber hinter dieser Entwicklung sind das Bevölkerungswachstum und der höhere Wohnflächenbedarf.

Kaum Teuerung bei Gütern des täglichen Bedarfs

Unter dem Gesamtindex lag die Inflation in den Bereichen Verkehr, Nahrungsmittel, Bekleidung, Hausrat sowie Freizeit & Kultur.

Besonders die geringe Teuerung im Bereich «Verkehr» überrascht, sind doch die Bus- und Bahn-Billete nicht billiger geworden. Tatsächlich sind die Preise für den ÖV in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, seit 1983 um insgesamt 213%. Der Grund für den Rückgang der allgemeinen Preise für Mobilität seit 2009 sind die kollabierenden Preise für Personenwagen – ein positiver Nebeneffekt des starken Frankens. Auch die Benzinpreise sind in den vergangen zehn Jahren mehr als 10% gefallen. Autofahrer können sich also am wenigsten über Inflation beklagen.

Preiszerfall bei elektronischen Geräten

Seltsam mutet auch die geringe Teuerung im Bereich «Freizeit und Kultur» an, sind doch vor allem Kino- und Konzerttickets in den letzten Jahren deutlich teurer geworden. Dieser Eindruck täuscht nicht. Geht man in der LIK-Statistik eine Stufe tiefer, zeigt sich, dass sich die Preise für sogenannte Freizeit- und Kulturleistungen seit den Achtzigerjahren wie die Mieten mehr als verdoppelt haben (vgl. untere Grafik).

In die Gruppe «Freizeit und Kultur» fallen auch elektronische Geräte wie TV, Radio und Computer, die zum Konsum von Sport und Kultur eingesetzt werden. Der dortige Preiszerfall hat die Teuerung des ganzen Bereichs nach unten gezogen.

Die Grafik mit der höheren Granularität illustriert, dass in keinem anderen Bereich die Deflation extremer war. Ein Fernsehgerät kostet heutzutage noch ein Bruchteil von dem, was dafür in den Achtzigerjahren verlangt worden war.

Am höchsten war die Preissteigerung dagegen bei Zigaretten, wo die Tabaksteuer unterdessen die Hälfte des Kaufpreises ausmacht. Ebenfalls viel mehr als früher bezahlt man für Zeitungen und Zeitschriften. Im Vergleich zu den Achtzigerjahren gibt es also kaum etwas teureres, als in einem Café bei einer Zigarette eine mitgebrachte Tageszeitung zu studieren.

Teure Dienstleistungen

Ein entscheidender Faktor für die grosse Varianz bei der Preisentwicklung ist die Globalisierung, insbesondere die Möglichkeit, die Produktion in Niedriglohnländer zu verlagern. So sind die Autopreise kaum gestiegen, da ein Grossteil der Produktion nach Asien und Osteuropa verlagert wurde, während die Kosten für Reparatur und Unterhalt in die Höhe geschossen sind. Dank Ikea können sich die Schweizer billiger die Wohnung einrichten als früher, wenn aber der Schreiner kommen muss, hört der Spass auf.

Reparaturarbeiten lassen sich nicht so einfach outsourcen und die Preise dafür steigen mit den Löhnen und Mieten hierzulande. Das Gleiche gilt für den gesamten Dienstleistungssektor. Der Kaffee im Supermarkt ist zwar billiger geworden, in der Tasse Kaffee im Restaurants stecken allerdings vor allem die Kosten für Personal und Lokalmiete.

Preise für Medikamente fallen

Interessantes fördert auch die Analyse der Gesundheitskosten zutage. Während die Medikamentenpreise in den letzten zwanzig Jahren gefallen sind, sind vor allem die Preise für ambulante und stationäre medizinische Behandlungen gestiegen.

Die obligatorischen Krankenkassenprämien werden nicht erfasst, weil Versicherungsprämien laut dem BfS zu genannten Transferzahlungen gehören, die in Form der Versicherungsleistung im Falle einer Erkrankung wieder an die Haushalte zurückfliessen. Zudem messe der LIK die reine Preisentwicklung anhand einer fixen Mengeneinheit eines bestimmten Gutes, was bei den Prämien nicht möglich ist. Denn vermehrte Arztbesuche und Spitalaufenthalte führen auch bei konstanten Preisen zu höheren Gesundheitskosten und demzufolge zu höheren Krankenversicherungsprämien.

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