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Wer hat Angst vor niedriger Inflation?

Dass die Inflation in der Eurozone eher bei 1 als bei 2% liegt, ist nicht ideal, aber lediglich eine kleine Unannehmlichkeit. Ein Kommentar von Daniel Gros.

Daniel Gros, Brüssel
«Die Botschaft an die nervösen europäischen Zentralbanker ist klar: Don’t worry, be happy.»

Vor einem Jahr nutzte die Europäische Zentralbank (EZB) einen zeitweisen Anstieg der Preise, um ihren Kampf, die Inflation in der Eurozone an ihren Zielwert von «unter, aber nahe 2%» zu bringen, für siegreich zu erklären. Doch der Triumph hat sich als kurzlebig herausgestellt. Seitdem sind die tatsächliche Inflationsrate und die um die volatilen Energiepreise bereinigte Kerninflation wieder auf etwa 1% gesunken. Dies sollte der EZB jedoch keine allzu grossen Sorgen bereiten.

Die EZB-Lenker erwarten immer noch, dass die Inflation in der Eurozone in den Jahren 2021/2022 die angestrebten 2% erreichen wird, doch da sie bereits für die vergangenen paar Jahre einen Anstieg vorhergesagt hatten, haben ihre Prognosen nun an Glaubwürdigkeit eingebüsst. Dies wird an den Erwartungen der Finanzmärkte deutlich, die sich in den sogenannten Inflations-Swap-Sätzen äussern. Diese liegen unter 1% – sogar auf fünf Jahre hinaus. Die Prognose der Märkte für die Inflation in zehn Jahren liegt immer noch unter 1,5%.

Dies bringt die EZB in ein Dilemma. Die Konjunktur in der Eurozone verlangsamt sich, was den Inflationsdruck weiter schwächen könnte. Die EZB traut sich jedoch nicht, zur Stimulation der Wirtschaft ihr Programm zum Ankauf von Staatsanleihen neu aufzulegen, weil die nationalen Notenbanken der Eurozone bereits jetzt grosse Mengen der Anleihen ihrer eigenen Regierungen halten. Kaufen diese Notenbanken noch mehr davon, könnten sie, sollten die Regierungen unter finanziellen Druck kommen, in eine sehr schwierige Lage geraten. Das ist der Grund, weshalb sich die EZB bislang auf Ankündigungen beschränkt hat, sie werde die Geschäftsbanken weiterhin mit längerfristigen dreijährigen Finanzierungsmöglichkeiten zu extrem niedrigen Zinsen versorgen.

Einmaliges Deflationsereignis der Grossen Depression

Nicht nur die EZB steht vor unerwartet niedrigen Zinsen. Das Anleihenkaufprogramm der Bank of Japan war sogar noch grösser. Gleichzeitig hat sie die Zinsen auf null begrenzt, und trotzdem blieb die Inflation auf minimalem Niveau. Obwohl die Inflation in den USA näher bei 2% liegt, ist sie auch dort immer noch viel niedriger als erwartet.

Die Zentralbanken der Industriestaaten fürchten, dass dieser Mangel an Inflation schnell zu fallenden Preisen führen könnte und dass jedes Abrutschen in eine echte Deflation eine Katastrophe sei. Aber sind diese Ängste wirklich gerechtfertigt?

Diejenigen, die eine Deflation fürchten, verweisen auf die Grosse Depression der Dreissigerjahre, als die Arbeitslosenrate in den USA und einigen westeuropäischen Ländern auf etwa 25% stieg und die grassierenden wirtschaftlichen Nöte politischen Extremismus zur Folge hatten. Doch man kann die momentane leichte Deflation wie in Japan, wo die Preise jährlich um 1% sinken, nicht wirklich mit der Lage in den Dreissigern gleichsetzen, als sie 20 bis 30% fielen. Als Deflationsereignis bleibt die Grosse Depression historisch einmalig.

Beschäftigung ist hoch

Trotzdem argumentieren manche, sogar eine leichte Deflation könne Arbeitslosigkeit verursachen, da es dann generell schwierig sei, die Nominallöhne zu senken. Dieser konventionellen Ansicht zufolge würden fallende Preise zu exzessiv hohen Reallöhnen und damit zu Arbeitsplatzverlusten führen.

Aktuelle Erfahrungen zeigen allerdings, dass die meisten Industriestaaten trotz einer Inflation nahe null weiterhin hohe Beschäftigungszahlen aufweisen. Das offensichtliche Beispiel dafür ist Japan, wo die Beschäftigung einen Höchststand erreicht hat und die Arbeitslosenrate niedrig bleibt – was das vorherrschende Narrativ, das Land «stecke fest» in der Falle einer niedrigen Inflation, widerlegt. Obwohl die japanische Volkswirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten nur sehr wenig gewachsen ist, liegt dies vor allem an der schrumpfenden Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter. Gemessen am Pro-Kopf-Wachstum steht Japan kaum schlechter da als Europa oder die USA.

Ein ähnliches Muster aus geringer Inflation und hoher Beschäftigung finden wir in europäischen Volkswirtschaften wie Schweden oder der Schweiz. Noch bedeutsamer ist, dass sich auch die viel grössere Eurozone schon seit einiger Zeit in diese Richtung bewegt.

Normale Verlangsamung

Trotz der geringen Inflation in der Eurozone ist die Erwerbsquote dort stetig gestiegen. Heute ist der Anteil der wirtschaftlich aktiven Erwachsenen dort höher als in den USA. Die Beschäftigung hat ein Rekordhoch erreicht, und die Arbeitslosenquote sinkt weiter, obwohl sie in einigen südeuropäischen Ländern weiterhin hoch ist.

Insgesamt hat sich die Wirtschaft der Eurozone nicht so schlecht entwickelt, wie es die dauerhaft düsteren Schlagzeilen nahelegen. Einige Länder haben immer noch Mühe, sich von der Eurokrise Anfang des Jahrzehnts zu erholen, aber anderen geht es viel besser. Obwohl sich das durchschnittliche Pro-Kopf-BIP-Wachstum in der gesamten Eurozone in den vergangenen zwanzig Jahren verlangsamt hat, ist diese Verlangsamung nicht schlimmer als die in den USA oder in anderen Industriestaaten.

Dass die Inflation in der Eurozone eher bei 1 als bei 2% liegt, ist nicht ideal, aber lediglich eine kleine Unannehmlichkeit. Die meisten Menschen haben dies nicht einmal bemerkt, und es konnte auch nicht verhindern, dass die Arbeitslosenrate stetig gesunken ist. In der verzweifelten Hoffnung, die Inflation ein paar Zehntelprozentpunkte zu erhöhen, muss die EZB nicht alle Grenzen überschreiten oder immer neue Instrumente erfinden. Die Botschaft an die nervösen europäischen Zentralbanker ist klar: Don’t worry, be happy.

Copyright: Project Syndicate.

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