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Wer soll die globale Wirtschaft führen?

Europäer und Chinesen sollten sich fragen, ob sie wirklich die Risiken im Zusammenhang mit einer Position im Zentrum eines komplexen globalen Finanzsystems auf sich nehmen wollen. Ein Kommentar von Harold James.

Harold James
«Trotz der Finanzkrise von 2008 bleiben die USA der unangefochtene Führer des globalen Finanzsystems.»

Was die globale Wirtschaftsführung angeht, war das 20. Jahrhundert amerikanisch, wie das 19. britisch und das 16. spanisch war. Einige Chinesen und Europäer denken, dass sie als Nächste an der Reihe sind, aber stimmt das auch?

Und wäre das überhaupt erstrebenswert?

Die wichtigste Voraussetzung für die globale Führungsrolle ist Grösse. Je grösser eine Volkswirtschaft ist, desto grösser ist ihre systemische Relevanz und desto mehr Gewicht haben die politischen Vertreter bei der Entscheidungsfindung in internationalen Gremien. Die USA sind die grösste Wirtschaft der Welt, mit einem Bruttoinlandprodukt von ca. 16,7 Bio. $. Die Eurozone liegt mit 12,6 Bio. $ an zweiter und China mit ca. 9 Bio. $ an dritter Stelle. Mit anderen Worten, alle drei Wirtschaftsräume sind gross genug, um die Rolle als Wirtschaftsvorreiter zu spielen.

Aber die Prognosen für eine Wirtschaft sind auch wichtig für ihre Aussichten auf den ersten Platz – und da stehen grosse Herausforderungen bevor. Niemand geht davon aus, dass die Eurozone in den kommenden Jahren oder gar Jahrzehnten schneller wachsen wird als die USA. China wird die USA hinsichtlich der Produktion bis 2020 überholt haben, allerdings werden gleichzeitig Jahrzehnte der strengen Kontrolle des Bevölkerungswachstums das Wachstum langfristig schwächen, sodass die US-Wirtschaft die dynamischste der drei sein wird.

Systemische Relevanz unabdingbar

Eine andere Schlüsselanforderung für die globale Wirtschaftsführung ist die systemische Relevanz hinsichtlich Handel, Geld und Finanzen. Im Gegensatz zu China, das eine grosse Handelsmacht ist, deren Geld- und Finanzkapazitäten aber unterentwickelt sind, erfüllt die Eurozone die Anforderungen der systemischen Bedeutung in allen drei Bereichen.

Die Führungsrolle birgt auch noch einen weniger konkreten Aspekt. Um die globale Führungsrolle tatsächlich auszufüllen, muss man auch die globalen Wirtschaftsstrukturen gestalten und miteinander verbinden, innerhalb deren Staaten und Märkte operieren – was die USA seit fast siebzig Jahren leisten.

In der Bretton-Woods-Konferenz 1944 gestalteten die USA die internationale Geld- und Finanzstruktur nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf der Grundlage des Dollars hat dieses Rahmenwerk Finanzkrisen, die Auflösung der Sowjetunion und die Integration verschiedener Entwicklungsländer in die Weltwirtschaft überstanden.

Heute ruht die amerikanische Führerschaft in den Bereichen globaler Handel sowie Steuerung des Finanz- und Geldsystems auf der Verknüpfung von Stärken. Die USA stellen die wichtigste internationale Währung, agieren als Achsnagel der globalen Nachfrage, etablieren Trends der Finanzregulierung und haben eine Notenbank, die de facto der Geldgeber der letzten Instanz ist.

Und bei der Versorgung der Welt mit einer zentralen Währung geht es nicht nur um die Bereitstellung eines globalen öffentlichen Gutes. Da die USA für Importe mit ihrer eigenen Währung Geld aufnehmen und zahlen können, sind sie keinen harten Zahlungsbilanzbeschränkungen ausgesetzt. Dies hat zu grossen und dauerhaften Leistungsbilanzdefiziten seit den frühen Achtzigerjahren geführt.

Diese Defizite sind ständig Grund zur Sorge über die Tragfähigkeit des Systems, dessen unmittelbar bevorstehenden Untergang Beobachter (meistens ausserhalb der USA) schon seit langem predigen. Aber das System überlebt, weil es auf einem funktionalen Handel beruht, nach dem die USA das Geld anderer Länder verwenden, um als Hauptmotor der globalen Nachfrage zu agieren. Exportorientierte Länder wie Deutschland, Japan und China schulden einen Grossteil ihres Erfolgs der Fähigkeit Amerikas, einen grossen Anteil der globalen Exporte zu absorbieren – und sie müssen Amerika weiter bezahlen, um diese Rolle weiter auszufüllen.

Angesichts dieser Umstände sind die grossen Exportnationen in letzter Zeit massiv unter Druck geraten, als verantwortungsbewusste Weltbürger ihre Aussenhandelsüberschüsse zu «korrigieren». Während dies zu einer erheblichen Kontraktion der chinesischen und der japanischen Überschüsse geführt hat, wächst der Leistungsbilanzüberschuss der Eurozone. Der Internationale Währungsfonds erwartet einen Anstieg auf 2,3% des BIP in diesem Jahr (etwas geringer als der chinesische Überschuss).

Es erscheint logischer, dass die Weltwirtschaft von einem Überschussland geführt wird, da die Kreditoren normalerweise die Bedingungen vorgeben. Zur Zeit der Konferenz von Bretton Woods stammte mehr als die Hälfte der globalen Industrieproduktion aus den USA. Der Rest der Welt brauchte Dollar, die nur die USA liefern konnten.

Eine Weltwirtschaft unter chinesischer oder europäischer Führung würde wahrscheinlich mehr wie die Pax Britannica vor dem Ersten Weltkrieg aussehen (während deren das Vereinigte Königreich den Rest der Welt unter Vorwegnahme des eigenen wirtschaftlichen Verfalls mit Kapital versorgte), wobei der Hegemon langfristige Mittel bereitstellen würde. Aber Grundlage dieses Szenarios wäre ein komplexes und gut funktionierendes Finanzsystem zur Bereitstellung der Mittel – wozu weder China noch die Eurozone in der Lage sind.

Trotz der Finanzkrise von 2008 bleiben die USA der unangefochtene Führer des globalen Finanzsystems. Die amerikanischen Finanzmärkte sind in ihrer Komplexität, Liquidität und Sicherheit beispiellos und werden dadurch zu Magneten für das globale Kapital, besonders in Zeiten finanzieller Notlagen. Diese «Zugkraft» ist ein zentrales Element der finanziellen Vorherrschaft der USA und unterstreicht die Rolle des Dollars, während Investoren auf der Suche nach sicherem, flüssigem Kapital US-Staatsanleihen kaufen.

Europäischer Kapitalmarkt existiert nicht

Die Annahme, eine gemeinsame Währung und ein gemeinsamer Kapitalmarkt könnten die Finanzinstitutionen stützen und die Komplexität der Märkte verstärken, war einer der Grundgedanken der Bildung der Eurozone. Aber da es kein einheitliches Schuldinstrument wie die US-Staatsanleihen gibt, hat die Krise dazu geführt, dass die Erträge der Staatsverschuldung der Eurozonemitglieder auseinanderdrifteten. Daraufhin zog sich die Kreditvergabe der Banken hinter Staatsgrenzen zurück, und die Idee eines europäischen Kapitalmarkts fiel auseinander.

Ebenso verringert die Abwesenheit einer Währungskonvertierbarkeit in China die Aussichten der chinesischen Wirtschaft, die Führung zu übernehmen – zusammen mit einer schwachen Finanzaufsicht, die ein grösseres Problem reflektiert, nämlich eine schwache Umsetzung der Rechtsstaatlichkeit.

Europäer und Chinesen sollten sich fragen, ob sie wirklich die Risiken im Zusammenhang mit einer Position im Zentrum eines grossen und komplexen globalen Finanzsystems auf sich nehmen wollen. Die Kontrolle des Systems ist der Kelch der globalen Führungsrolle. Für Volkswirtschaften, die nicht adäquat darauf vorbereitet sind, kann sich das Elixier leicht in Gift verwandeln.

 

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare

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Dieter Spethmann 19.12.2013 - 15:56
Europäer sind zur Führung eines neuen Weltwirtschafts- und Währungssystems sicherlich ungeeignet. Denn sie sind nicht fähig, auf diesen Gebieten einen einheitlichen Willen zu bilden, und ohne einheitlichen Willen gibt es nun mal keine erfolgreiche Führung, ob in Politik oder Wirtschaft. Aber ich stelle die Frage des Autors neu. 1945 hatten die USA zwei Weltkriege für sich entschieden. Ihre Industrien waren… Weiterlesen »