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Werden die Amerikaner ärmer?

Der in Umfragen und Büchern vertretenen Ansicht, der Lebensstandard der Kinder der heutigen Generation werde niedriger sein als derjenige ihrer Eltern, fehlt jede Grundlage. Ein Kommentar von Martin Feldstein.

Martin Feldstein
«Die Tatsache, dass grosse Innovationen in der Vergangenheit stattgefunden haben, ist kein Grund dafür, die Zukunft pessimistisch zu sehen.»

Robert Gordon von der Northwestern University hat eine lebhafte und wichtige Debatte über die zukünftige Rate des Wirtschaftswachstums in den Vereinigten Staaten eröffnet. Sein Buch «The Rise and Fall of American Growth» wird zwar erst im Januar veröffentlicht, aber seine These wurde bereits im «Economist» und in «Foreign Affairs» vorgestellt. Gordons düstere Einschätzung der amerikanischen Wachstumsaussichten verdient es, ernst genommen zu werden. Aber stimmt sie auch?

Gordon argumentiert, die grossen technologischen Veränderungen, die in der Vergangenheit den Lebensstandard erhöht haben, seien viel wichtiger als alles, was in der Zukunft geschehen könne. Beispiele dafür seien sanitäre Einrichtungen im Haus, das Automobil, Elektrizität, Telefon und Zentralheizung, die alle viel wichtiger für den Lebensstandard seien als neuere Innovationen wie das Internet oder Mobiltelefone.

Ich stimme mit Gordon insofern überein, als ich lieber mein Mobiltelefon oder sogar das Internet aufgeben würde, als auf sanitäre Einrichtungen im Haus und auf Elektrizität zu verzichten. Aber dies bedeutet lediglich, dass wir Glück haben, in der heutigen Zeit zu leben und nicht vor hundert Jahren (geschweige denn vor zweihundert Jahren oder im Mittelalter). Die Tatsache, dass diese grossen Innovationen in der Vergangenheit stattgefunden haben, ist kein Grund dafür, die Zukunft pessimistisch zu sehen.

Wesentliches fehlt in der Statistik

Gordon weist auch auf die aktuelle Verlangsamung des realen (inflationsbereinigten) BIP-Wachstums hin. Gemäss offiziellen US-Statistiken wuchs das reale BIP pro Arbeitskraft zwischen 1891 und 1972 jährlich 2,3% und danach nur noch 1,5%.

Aber die offiziellen Statistiken zum BIP-Wachstum geben die meisten positiven Einflussfaktoren für unseren Lebensstandard, die von neuen und verbesserten Gütern und Dienstleistungen stammen, gar nicht wieder. Dies bedeutet, dass die offizielle Wachstumsrate die Steigerung des Realeinkommens, die durch Klimaanlagen, Krebsmedikamente, neue Operationstechniken und viele weitere Innovationen verursacht wird, gar nicht spiegelt. Weil das BIP der US-Regierung nur dasjenige zusammenfasst, was innerhalb der Marktwirtschaft verkauft wird, werden darüber hinaus die enorme Expansion der Fernsehunterhaltung oder die Einführung von Diensten wie Google oder Facebook völlig aus der nationalen Bilanz ausgeschlossen.

Dies bedeutet, dass die echte Steigerung der Realeinkommen tatsächlich schneller stattgefunden hat, als die offiziellen Statistiken glauben machen – vielleicht sogar viel schneller. Dies trifft auf die Daten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu und gilt heute immer noch. Ob das Messproblem in der ferneren Vergangenheit grösser war als in der jüngeren, wissen wir nicht, aber wenn wir uns mit der Zukunft befassen, ist dies irrelevant. Sollte das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens, das offiziell auf 1,5% geschätzt wird, in Wirklichkeit tatsächlich eher 3% betragen, geniessen wir auch die höheren Realeinkommen der Vergangenheit. Und dies gilt ebenso für zukünftige Generationen.

Medianeinkommen steigt weiter

In der Tat gibt es für die Ansicht, die oft in Umfragen und auch in Gordons Buch vertreten wird, dass der Lebensstandard der Kinder der heutigen Generation niedriger sein wird als derjenige ihrer Eltern, keinerlei Grundlage. Für manche Menschen, insbesondere solche mit relativ hohem Einkommen, mag dies gelten, aber für die meisten trifft es definitiv nicht zu.

Nehmen wir ein junges Elternteil von dreissig Jahren mit einem Gehalt in der Mitte der Einkommensverteilung. In dreissig Jahren wird das Kind genau so alt sein wie sein Elternteil heute. Selbst wenn das Wachstum der Realeinkommen jährlich nur 1,5% beträgt, wird das Medianeinkommen in dreissig Jahren fast 60% höher sein als heute.

Sogar wenn das Kind dann 30% weniger verdient als der Median zu dieser Zeit, ist sein Einkommen dann immer noch höher als das heutige Medianeinkommen. Und wenn es stimmt, dass die Realeinkommen pro Kopf durch Produktinnovationen und -verbesserungen jährlich 3% wachsen, wird das Medianeinkommen in dreissig Jahren mehr als doppelt so gross wie heute sein.

Politische Innovationen gefragt

Also können sich die Amerikaner glücklich schätzen, die Innovationen der Vergangenheit geerbt zu haben, und ebenso darüber freuen, dass die Realeinkommen in Zukunft weiter wachsen werden.

Aber dies ist kein Anlass zur Nachlässigkeit. Die USA können ihre zukünftige Wachstumsrate weiter steigern, indem sie ihr Bildungssystem verbessern, ihre Sparquote und ihre Investitionen auf ihr vergangenes Niveau erhöhen und diejenigen Komponenten ihres Steuer- und Transfersystems rückgängig machen, die sich negativ auf Beschäftigung und Einkommen auswirken.

Gordon legt den Schwerpunkt auf den Effekt der technologischen Innovationen auf die US-Realeinkommen. Aber eine entscheidende Schwäche seiner Argumentation ist, dass sie sich kaum mit politischen Innovationen befasst. Würden die Politiker entsprechende Reformen durchführen, könnte die amerikanische Volkswirtschaft – und diejenige vieler anderer Länder – zukünftig viel stärker wachsen.

Copyright: Project Syndicate.

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