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Weshalb Aktien besser sind als Junk Bonds

Rendite ist Rendite, sagen sich viele Investoren und behandeln Aktien gleich wie hochverzinsliche Anleihen. Das ist ein folgenschwerer Fehler, denn sie vergessen den langfristigen Effekt der Inflation.

Mark Dittli

Investoren hungern nach Rendite. Es wird immer offensichtlicher, dass die führenden Notenbanken – Fed, EZB, Bank of Japan, Bank of England, auch eine SNB (SNBN 5660 -1.05%) – die Zinsen noch lange Zeit auf rekordniedrigem Niveau halten werden. «Lower for longer», heisst das neue Stichwort an den Finanzmärkten, wenn es um die Zinsen geht.

Wo also sollen Investoren, institutionelle wie private, ihre Rendite finden, wenn «sichere» Staatsanleihen wie Eidgenossen, deutsche Bunds oder U.S. Treasuries über zehn Jahre nicht mehr als 60 bis 160 Basispunkte abwerfen?

Die Antwort ist in der Theorie simpel: Man muss sich auf der Risikokurve weiter nach aussen wagen. Pikanterweise werden dabei in zahlreichen Marktkommentaren gegenwärtig hochverzinsliche Anleihen (Junk Bonds) im Vergleich zu Aktien als sicherere – oder zumindest gleichgestellte – Anlageklasse betrachtet.

Aber aufgepasst: Für Investoren spielt es in der langen Frist sehr wohl eine Rolle, ob sie sich heute für Junk Bonds oder für Aktien entscheiden. Dylan Grice, Stratege von Société Générale in London, vertritt in seinem aktuellen Anlagekommentar die überzeugende Meinung, dass das Hochqualitäts-Dividendensegment am Aktienmarkt heute die deutlich besseren Voraussetzungen liefert als der Markt für hochverzinsliche Bonds.

Beginnen wir mit den Gemeinsamkeiten:

Über die vergangenen drei Jahre haben Junk Bonds (die braune Kurve in der untenstehenden Grafik zeigt den Iboxx High Yield Corporate Bond Index) in der Tat die nahezu gleiche Kursleistung geliefert wie Hochqualitäts-Dividendentitel (die blaue Kurve zeigt den SocGen Quality Income Index, einen Korb mit Aktien vom Schlage einer Nestlé (NESN 106.26 -3.38%), Coca-Cola (KO 54.26 -0.82%) oder Johnson & Johnson (JNJ 130.78 0.27%). Quelle: SocGen):

Die beiden Anlageklassen haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren auch als etwa gleich «sicher» erwiesen, wie die folgende Grafik zeigt (Quelle: SocGen):

Die blaue Kurve zeigt den maximalen Verlust über drei Jahre («maximum 3 year drawdown») von Hochqualitätsaktien, die braune Kurve zeigt den Drawdown für Junk Bonds, und die graue Kurve zeigt den maximalen Dreijahres-Drawdown für den Aktienmarkt generell (gemessen am MSCI Welt Index). Die Grafik zeigt eindeutig, dass Hochqualitätsaktien und Junk Bonds in etwa im Gleichschritt verlaufen – und beide sind in dieser Betrachtung deutlich sicherer als der breite Aktienmarkt.

Die dritte Grafik zeigt die durchschnittliche jährliche Volatilität der drei Anlageklassen Aktien, Junk Bonds und Hochqualitäts-Dividendentitel von 1990 bis 2012. Wird die Volatilität als Kenngrösse für das Risiko betrachtet (was aus zahlreichen Gründen zwar fragwürdig ist, aber das ist ein anderes Thema), schneiden Hochqualitätstitel sogar leicht besser ab als Junk Bonds, und beide weisen ein deutlich geringeres Risiko auf als der breite Aktienmarkt (Quelle: SocGen):

So weit die Gemeinsamkeiten.

Trotzdem wäre es in der heutigen Situation falsch, die beiden Anlageklassen als gleichwertig zu betrachten. Wieso dem so ist, zeigt die folgende Grafik (Quelle: SocGen):

Sie zeigt über einen sehr langen Zeitraum – von 1881 bis heute – am Beispiel des US-Aktienmarktes die Entwicklung der jährlichen Veränderungsrate der Inflation (Consumer Price Index, über zehn Jahre annualisiert, blaue Kurve) und die Entwicklung der jährlichen Veränderungsrate der von den Unternehmen im S&P-500-Index ausgeschütteten Dividenden (braune Kurve, über zehn Jahre annualisert). Die Grafik veranschaulicht eindrücklich, wie sich die Dividenden mit der Inflationsrate bewegen – in anderen Worten: Die Dividendenausschüttung der Unternehmen ist eine reale Grösse, die mit der Teuerung steigt und dem Investor daher einen effektiven Inflationsschutz bietet.

Wieso ist das im heutigen Umfeld wichtig? Nun, die Renditen, die der Junk-Bond-Markt heute verspricht, sind nominal. Sie verändern sich nicht mit der künftigen Inflationsrate. Die Dividenden im Hochqualitätssegment des Aktienmarktes hingegen bieten diesen Inflationsschutz.

Niemand weiss, ob und wann die Inflation als Folge der extrem lockeren Geldpolitik anziehen wird. Vielleicht in drei Monaten, vielleicht in drei Jahren, vielleicht in sieben Jahren. Es ist aus Investorensicht auch sinnlos, diesen Zeitpunkt zu prognostizieren zu versuchen. Aber eines ist klar: Wenn die Inflation anzieht, werden alle Segmente des Bondmarktes leiden. Wer dagegen im richtigen Segment am Aktienmarkt – nämlich in den Qualitätstiteln – positioniert ist, kann ruhig schlafen.