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Weshalb China für die globalen Finanzmärkte so gefährlich ist

Sorgen um China lösen ein schweres Beben an den Börsen aus. Der Chicago-Ökonom Amir Sufi fürchtet, dass die Volksrepublik bereits in einer Rezession steckt.

Die globalen Finanzmärkte sind in Aufruhr. Grosse Aufmerksamkeit richtet sich gegenwärtig auf die Leitbörsen in New York, die in den vergangenen Wochen heftig erschüttert worden sind. Erneut haben dabei Sorgen um Chinas Wirtschaft und der Crash des Ölpreises den Investoren einen Panikschub versetzt. Warum aber macht der Abschwung in China die US-Aktienmärkte so nervös? Der amerikanischen Wirtschaft hat eine Abkühlung in den auf­strebenden Märkten früher doch kaum etwas aus­gemacht. An einem Konjunkturausblick der renommierten Booth School of Business der Universität Chicago war diese Frage das Kernthema.

Finanzprofessor Amir Sufi sieht zwei zentrale Probleme in China und in anderen aufstrebenden Volkswirtschaften wie Brasilien: den massiven Zuwachs von Schulden und enorme Überinvestitionen in Autos, Maschinen, Immobilien sowie andere ­dauerhafte Güter. «In jedem Land, in dem ein solcher Investitionsboom mit Schulden finanziert wird, kommt es letztlich zu einem verheerenden Konjunkturabschwung», sagte Sufi während der Podiums­diskussion im New Yorker Hotel Grand Hyatt. «Das belegen die Daten über drei Jahrhunderte hinweg, und in China wird es nicht anders sein.»

Der Co-Autor des Buches «House of Debt» fürchtet, dass Chinas Wirtschaft bereits schrumpft. Dazu verweist er auf die jährliche Veränderung des Stromkonsums. Nahm er 2010 um 25% zu, verlangsamte sich das Wachstum 2012 auf 15% und stagnierte letztes Jahr ganz. Alarmierend ist ebenso das sinkende Frachtvolumen im Bahnverkehr, das 2015 um 11% abgenommen hat. «Wenn es zuverlässige offizielle Wirtschaftsdaten aus China geben würde, wäre es demnach gut möglich, dass das Land bereits in einer Rezession steckt», folgert Sufi.


Währungsreserven schmelzen

Sein Diskussionspartner Randall Kroszner sieht zudem eine Gefahr in den rasch sinkenden Fremd­währungsreserven. Durch Chinas Interventionen am Devisen- und am Aktienmarkt hätten sie bereits um fast ein Viertel auf rund 3 Bio. $ abgenommen, führte der frühere Gouverneur der amerikanischen Notenbank aus. «Wenn sich die Lage weiter verschärft, können die Währungsreserven sehr schnell vollständig wegschmelzen», sagte Kroszner. Als ­Beispiel verwies er auf die Bank of England, die vom Hedge-Fund-Investor George Soros während der Währungskrise im Herbst 1992 in die Knie gezwungen wurde.

«Wir haben dabei keine verlässlichen Informationen zu China. Weder was die Wirtschaftsdaten betrifft, noch was die Absichten der Zentralregierung in Peking sind», meinte Kroszner weiter. Die überraschende Abwertung des Yuans im letzten August habe deshalb zu einer so heftigen Reaktion an den Finanzmärkten geführt. An den Börsen in New York korrigierte der Leitindex S&P 500 damals in kaum ­einer Woche um mehr als 10%. Das, obschon ame­rikanische Unternehmen nur einen Bruchteil der Einnahmen in China erwirtschaften.

Diese Woche haben US-Aktien erneut eine Korrektur erlitten. Der Small-Cap-Index Russell 2000 ist sogar in einen Bärenmarkt gefallen, womit an Wallstreet ein Kursverlust vom Höchst von 20% oder mehr bezeichnet wird. Irritierend daran ist speziell, dass die Indexunternehmen fast ausschliesslich auf den amerikanischen Markt fokussiert sind und praktisch kein Engagement in China haben.

Professor Sufi erklärt sich das Phänomen mit einem Grundsatz der Finanztheorie: Der Preis jeder Anlage wird durch das Verhältnis des erwarteten Cashflows zum Diskontsatz bestimmt. Preisschwankungen werden dabei oft dadurch verursacht, dass sich der Diskontsatz ändert. «Der Markt interpretiert die Nachrichten aus China als Signal dafür, dass die Gefahren für Investoren generell zunehmen. Entsprechend erhöht sich die Risikoprämie beim Ab­diskontieren des Cashflows, was zu Verwerfungen führt», erklärte Sufi. Ähnlich sei es mit Blick auf die Zinserhöhung der US-Notenbank. Sie hat im Dezember erstmals die Federal Funds Rate um 25 Basispunkte auf 0,25 bis 0,5% heraufgesetzt.


Zweifel an den Zinsplänen des Fed

«Ein Zinsschritt von dieser geringen Grösse müsste für die Märkte im Prinzip kein Problem sein», sagte Sufi. «Er ist für Investoren aber ein allgemeines Signal dafür, dass die Risiken steigen.» Sufi und Kroszner sind daher skeptisch, was die Pläne für weitere Zinserhöhungen betrifft. Derzeit rechnen die US-Währungshüter für 2016 mit vier weiteren Schritten.

Ein Warnzeichen sehen die Ökonomen in den sinkenden Renditen auf langfristige Staatsanleihen, wodurch sich die Zinskurve immer mehr abflacht. Kommt es sogar zur Inversion – wenn die Zinsen am kurzen Ende der Kurve höher als am langen sind –, dann ist das in der Regel der Vorbote einer Rezession. «Dafür will das Federal Reserve bestimmt nicht verantwortlich gemacht werden», meinte Sufi. «Während es für dieses Jahr mit vier Zinsschritten rechnet, erwartet der Markt derzeit nur zwei. In der Realität wird es aber wohl nur einer oder gar keiner sein.»

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