Meinungen

Wettbewerb um Fachkräfte

Die Migration kann die Folgen der Alterung der Bevölkerung auf den Arbeitsmarkt abfedern. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Im schlimmsten Fall nimmt sich die Schweiz gleich selbst aus dem Rennen um die besten Fachkräfte.»

Die Erkenntnis ist nicht neu, wird aber allzu oft verdrängt – so leider auch in der Schweiz: Die mittel- und längerfristige Entwicklung der Wirtschaft sowie des Arbeitsmarkts wird wesentlich geprägt von der Alterung der Bevölkerung sowie vom steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften. Das gilt für alle Industrieländer. Die Verdrängung hat damit zu tun, dass sich die Politik wie auch die öffentliche Meinung stark an Tagesaktualitäten orientieren – und dazu neigen, diese in die Zukunft zu extrapolieren.

Das ist ein Kurzschluss: Das zeigt auch eine am Donnerstag erschienene Studie, die in Zusammenarbeit von OECD und EU entstanden ist. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie die Migration mit den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts in Europa in Einklang gebracht werden kann («Matching economic migration with labour market needs in Europe»). Ungeachtet der Krise und den damit verbundenen hohen Arbeitslosenzahlen in vielen Industrieländern richtet die Studie den Blick auf mittel- und längerfristig zu erwartende Entwicklungen. Sie kommt zu Schlüssen, die gemessen an der Tagesaktualität abwegig erscheinen mögen, die aber von Bedeutung sind.

Gemäss der Studie wird die Erwerbsbevölkerung in den 28 EU-Ländern, unter Ausschluss der Migration, bis 2020 um 3,5% schrumpfen. Eine ähnliche Entwicklung ist auch in der Schweiz zu erwarten. Einen Hinweis darauf gibt der Umstand, dass gut die Hälfte der in den vergangenen Jahren hierzulande neu entstandenen Arbeitsplätze mit ausländischen Arbeitskräften besetzt werden musste. Und: Der Fachkräftemangel wird sich massiv verschärfen.

Die Studie schlägt als Massnahmen die Erhöhung der Frauenerwerbsquote sowie derjenigen jüngerer und älterer Arbeitnehmer vor. Weil das kaum reichen wird, wird auf Mobilität und Migration verwiesen. Drei Ansätze werden skizziert: die Förderung der Mobilität von Arbeitskräften innerhalb der EU, die bessere Integration von Arbeitskräften aus Drittländern sowie die Rekrutierung qualifizierter Migranten für den EU-Arbeitsmarkt.

Dieser Ratschlag der Öffnung kontrastiert mit jüngsten Entscheiden in der Schweiz. Nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative durch das Volk stehen die Zeichen eher auf Abschottung denn auf Öffnung. Das ist fatal: Die Studie legt nahe, dass in Zukunft zwischen den Industrieländern ein verschärfter Wettbewerb um gut qualifizierte Fachkräfte entstehen wird. Die Schweiz wird an Attraktivität verlieren: zunächst, weil die Fachkräfte auch in ihren Heimatländern und in anderen Industriestaaten gesucht sein werden. Und natürlich, weil die Schweiz daran ist, höhere Hürden für die Migration aufzubauen. Ob die vom Bundesrat 2011 lancierte Fachkräfteinitiative ausreichend Gegensteuer geben kann, ist ungewiss.

Im schlimmsten Fall nimmt sich die Schweiz damit gleich selbst aus dem Rennen um Fachkräfte. Damit wird die Migration nicht mehr – wie heute – in der Lage sein, die Alterung abzufedern. Die Konsequenzen wären schmerzhaft.

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